Friedenspreis für Anne Applebaum Entzauberin der autoritären Verlockung

Brillante Analytikerin der Gefahren, die die offene Gesellschaft bedrohen: Anne Applebaum Foto: IMAGO/El Mundo/Angel Navarrete via www.imago-images.de

Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an die polnisch-amerikanische Historikerin Anne Applebaum. Eine glänzender Wahl – auch wenn sie nicht allen schmecken wird.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Von allen Auszeichnungen, die vergeben werden, reicht der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels am weitesten in die Problemlagen der Gegenwart hinein. So tief, dass er bisweilen mit seiner Bestimmung in Widerspruch zu geraten scheint. Mancher überzeugte Pazifist hatte schwer zu schlucken, als vor zwei Jahren der zum Verteidigungskampf gegen Russland mit allen Mitteln mobilisierende ukrainische Autor Serhij Zhadan in der Frankfurter Paulskirche geehrt wurde. Und auch die diesjährige Entscheidung wird nicht jedem schmecken. Ausgezeichnet wird die polnisch-amerikanische Historikerin und Publizistin Anne Applebaum.

 

Sie wurde bekannt mit einschlägigen Arbeiten zu den Schrecken des sowjetischen Gulag-Systems und warnte schon früh vor den Gefahren des aggressiven, antiwestlichen Kurses des Putin-Regimes in Russland. Doch als ihr vor kurzem der Carl-von-Ossietzky-Preis verliehen wurde, protestierte ein antimilitärisches Bündnis gegen die Entscheidung. Applebaum zählt zu den entschiedenen Unterstützerinnen von Waffenlieferungen an die Ukraine. „Wer sich weigert, das Land zu bewaffnen, ist für den Krieg“, sagte sie unlängst in einem ihrer Interviews, in denen sie auch immer wieder die zögerliche Haltung des deutschen Bundeskanzlers kritisiert.

Zerstörungswut und Gier

In ihrem jüngsten Buch „Die Verlockung des Autoritären“ geht sie der Frage nach, was illiberale Herrschaftsformen für viele Menschen so attraktiv macht. Und was es heißt, wenn Demokratien durch Wahlerfolge von Autokraten ausgehöhlt werden, hat die mit dem früheren und nach der Niederlage der rechtspopulistischen PiS-Partei wieder aktuellen polnischen Außenminister Radek Sikorski verheiratete Publizistin aus nächster Nähe erlebt. Im eigenen Umkreis konnte sie beobachten, wie sich trotz eines allgemein steigenden Wohlstands ein Gefühl der Enttäuschung und des Verlusts breit gemacht hat, wie Konservative, aber auch Liberale immer radikaler, zerstörungswütiger und gieriger wurden. Um ihren Teil vom Kuchen der Macht zu bekommen, schnitten sie sich den Rechtsstaat für ihre Belange zurecht; diese Methode führte in den USA zu Trump, in Großbritannien zum Brexit – und in Österreich nach Ibiza.

Auf der anderen Seite stehen Leute, die sich, vom Wandel überfordert, vor Pluralismus, Diversität und der ständigen Notwendigkeit, sich entscheiden zu müssen, in eine idealisierte Vergangenheit flüchten. Die autoritäre Verlockung geht einher mit der Abweisung alles Fremden, Demokratieskepsis und einer Anfälligkeit für starke Persönlichkeiten. Das Ergebnis war bei der letzten Europawahl zu erleben.

Unterbrochen von Aufenthalten in London und Washington, lebt die 1964 ebendort als Kind jüdischer Eltern geborene langjährige Kolumnistin der „Washington Post“ und der Zeitschrift „The Atlantic“ seit 1988 in Polen. Dort hat sich der Wind zuletzt glücklicherweise gedreht. Aber die Mittel der Desinformation, Propaganda und Lüge, mit denen Populisten ihre zerstörerischen Ideen verfolgen, hat sie am eigenen Leib erfahren. Zu PiS-Zeiten wurde sie als „jüdische Drahtzieherin einer internationalen Pressekampagne gegen Polen“ denunziert. Applebaum zeigt, wie sich die Feinde der Demokratie die Corona-Pandemie zu Nutzen machen wussten. Ihre aktuellen Stellungnahmen warnen davor, wie pazifistische Einstellungen missbraucht werden können, um eine demokratisch gestützte Friedensordnung zu untergraben.

„Vielleicht werden wir auf dem Weg durch die Finsternis feststellen, dass wir ihnen gemeinsam widerstehen können“, heißt es am Schluss ihres Buches. Man mag sich nicht ausmalen, wie sich die politischen Gewichte bis zum 20. Oktober verschoben haben werden, wenn ihr der mit 25000 Euro dotierte Preis zum Ausklang der Buchmesse in der Paulskirche verliehen wird. Aber kaum jemand wird klarere Worte finden, um den Weg zu beleuchten, der in eine friedlichere Welt führt.

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