Friedenspreis für Tsitsi Dangarembga Kampf für globale Gerechtigkeit
Im letzten Jahr ist die Autorin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga in ihrer Heimat Simbabwe inhaftiert worden. Nun erhält sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Im letzten Jahr ist die Autorin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga in ihrer Heimat Simbabwe inhaftiert worden. Nun erhält sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Stuttgart - Im letzten Jahr wurde in Simbabwe gegen den ökonomischen Niedergang und Korruption demonstriert. Der Zorn der Protestierenden richtete sich gegen Präsident Emmerson Mnangagwa, der 2017 den damaligen Herrscher Robert Mugabe an der Macht abgelöst hatte, seine Versprechen von Reformen und der Respektierung der Menschenrechte aber schuldig blieb. Dutzende Regierungskritiker wurden misshandelt und verhaftet, darunter auch die bekannteste Schriftstellerin des Landes, die 61-jährige Tsitsi Dangarembga. Noch ein Jahr zuvor hatte sie in Berlin den Afrikaschwerpunkt einer Buchmesse kuratiert. Nun wurde sie selbst Opfer von Verhältnissen, die jenen unter dem Langzeitdiktator Mugabe immer mehr gleichen, an denen sie sich in ihrem literarischen und filmischen Schaffen abgearbeitet hatte.
Ihre Verhaftung löste weltweites Entsetzen aus, der PEN International fühlte sich in einem offenen Brief gar an Szenen erinnert, die einem ihrer Romane entnommen sein könnten. Gegen die Zahlung einer Kaution kam Dangarembga wieder frei. Vielleicht bebt dieser Aufmerksamkeitsschock in der Entscheidung nach, die 1959 in Simbabwe geborene Künstlerin mit dem diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zu ehren. Die Folge dürfte dieses Mal weltweite Zustimmung sein. Tsitsi Dangarembga gehört zu den wichtigen Stimmen der afrikanischen Literatur. Sie zeige soziale und moralische Konflikte auf, die weit über den regionalen Bezug hinausgingen und Resonanzräume für globale Gerechtigkeitsfragen eröffneten, heißt es in der Begründung.
Mit ihrem Insistieren auf Fragen globaler Gerechtigkeit sah sich vor einiger Zeit auch das Filmfestival in der deutschen Hauptstadt konfrontiert, dem sie Ignoranz gegenüber dem afrikanischen Kino vorwarf. Die Berlinale sei ein „Dreikontinente-Festival“.
Und dieses Urteil kam aus berufenem Mund: 1989 wurde Dangarembga an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin aufgenommen und promovierte anschließend an der Berliner Humboldt-Universität im Fach Afrikawissenschaften. Nebenbei schrieb sie das Drehbuch für den Film „Neria“ über das Schicksal einer jungen Witwe, die von ihrem Schwager um das Erbe gebracht werden soll.
Dieser in Simbabwe überwältigend erfolgreiche Film führt das zentrale Lebensthema fort, das ihr erster Roman angeschlagen hat. „Der Preis der Freiheit“ zeigt eine Gesellschaft, in der Frauen wie die junge Tambudzai durch harte Arbeit den Lebensunterhalt sichern, während sich die Männer damit beschäftigen, ihre Überlegenheit zu reklamieren, wobei sich Kolonialismus und Machismus in die Hände arbeiten. Lange Zeit fand die 20-jährige Autorin keinen Verleger. Erst fünf Jahre später erschien das Buch – und wurde zu einem Weltbestseller. Da hatte sich Dangarembga schon in Berlin mit dem Film ein neues Standbein gesucht. Aus Tambudzais Geschichte wurde eine Trilogie. Nach dreißig Jahren erscheint in diesem Herbst der letzte Band „Überleben“ auf Deutsch. Im letzten Jahr stand der Roman auf der Shortlist für den Man-Booker-Preis. Und kaum zu glauben: Auch dafür fand sich lange kein Verlag.
Vor zwanzig Jahren ist Dangarembga zusammen mit ihrem deutschen Mann wieder nach Simbabwe zurückgekehrt, um sich dafür zu engagieren, dass Frauen wie die Hauptfigur ihrer Trilogie einmal bessere Möglichkeiten für ein menschenwürdiges Leben und Selbstbestimmung finden. Im Moment sieht es danach eher nicht aus: Sie fürchte, dass Simbabwe implodieren könnte, wenn sich an der gegenwärtigen Situation nichts ändere, sagte sie kürzlich in einem Interview. Der mit 25 000 Euro dotierte Friedenspreis wird am 24. Oktober in der Frankfurter Paulskirche verliehen.