Friedhöfe im Wandel Neues Leben auf alten Gräbern
Auf den Friedhöfen gibt es immer mehr ungenutzte Flächen – bei steigenden Kosten für die Kommunen. Wie könnten diese Areale sinnvoll genutzt werden?
Auf den Friedhöfen gibt es immer mehr ungenutzte Flächen – bei steigenden Kosten für die Kommunen. Wie könnten diese Areale sinnvoll genutzt werden?
Opa, weil ich weiß, dass du es toll fändest, wenn dort, wo du begraben bist, auch Leben stattfindet. Weil es auch für mich ein tröstlicher Gedanke ist, später dort zu liegen, wo Menschen zusammenkommen, einen Teil ihres Lebens an einem Ort verbringen, der wieder ein selbstverständlicher Teil der Stadtgesellschaft ist, und sich dabei gleichzeitig an uns erinnern.“
Vanessa Göpfert wendet sich in ihrer Masterarbeit, die sie an der Stuttgarter Hochschule für Technik im Studiengang Stadtplanung verfasst hat, mit dieser Widmung an ihren gestorbenen Großvater. Und mit Worten, die zunächst verwundern mögen. Denn wie soll Leben stattfinden an einem Ort der Toten?
Die Antwort gibt die 28-Jährige in ihrer Master-Arbeit über urbane Friedhöfe im Wandel: „Holy Ground“ lautet der Titel ihres mit dem Otto-Borst-Preis ausgezeichneten Werks. Darin geht es um Friedhöfe, die nicht mehr viel gemein haben mit Grabstätten, wie man sie vor Jahrzehnten noch antraf.
Früher dominierten große Gräber mit mächtigen Grabsteinen und blühenden Pflanzen den Friedhof. Es gab Hauptalleen und davon abzweigende Wege, die es am besten nicht zu verlassen galt. Es herrschte andächtige Stille. Und wenn, dann vernahm man allenfalls geflüsterte Worte. Die Menschen schauten auf den Boden und beteten leise – oder sie scharrten in der Erde, um welke Pflanzen zu entfernen und neue zu setzen.
Friedhöfe waren vor allem dazu bestimmt, den Angehörigen von Verstorbenen ein möglichst ungestörtes Totengedenken in einem Raum zu ermöglichen, der deutlich von dem der Lebenden abgetrennt ist. Von Mark Twain stammt der Ausspruch: „Man könnte viele Beispiele für unsinnige Ausgaben nennen, aber keines ist treffender als die Errichtung einer Friedhofsmauer. Die drinnen sind, können sowieso nicht hinaus, und die draußen sind, wollen nicht hinein.“
Das hat sich geändert. Vanessa Göpfert wollte für ihre Arbeit von Friedhofs-Besuchern wissen, was dieser Ort für sie ist. Zwar, so das Ergebnis, dient der Friedhof den Menschen auch heute noch als Stätte der „Ruhe, Stille und inneren Einkehr“. Für einige ist er aber auch ein Ort „mitten im Leben“. Eine Frau schreibt: „Der Friedhof Buntentor (in Bremen) ist der Platz, an dem ich schon mit dem Kinderwagen unterwegs war. Mein Ältester hat hier Fahrradfahren gelernt, mein Mann liegt hier begraben.“
Dieses neue Leben zwischen Gräbern sei zum Beispiel auf dem Hoppenlaufriedhof nahe der Universität in Stuttgart zu beobachten, sagt Vanessa Göpfert. Während ihres Studiums hat sie wahrgenommen, dass dieser auch wie ein Park genutzt wird. „Viele Menschen haben sich in ihrer Mittagspause dort auf eine Bank gesetzt und etwas gegessen.“ Tatsächlich gehören Friedhöfe mit ihrem gewachsenen Baum- und Strauchbestand zur kommunalen Grünstruktur. Sie gelten als umwelt- und klimarelevante Potenzialflächen, bieten Lebensraum für Flora und Fauna, stellen wertvolle Erholungs- und Ruheräume dar.
Fangelsbachfriedhof, Stuttgart-Süd: Auf der Hauptallee spaziert eine junge Frau, die über Kopfhörer Musik hört. Ein Kind lacht, weil ein Eichhörnchen die Nuss aus seiner Hand gefressen hat. Ein Mann sitzt auf einer Bank und liest ein Buch. Vor allem aber finden sich hier zunehmend kleine Urnengräber mit Porzellanengelchen oder gerahmten Fotografien als Grabschmuck.
„Dass es immer mehr Feuerbestattungen gibt, hängt mit dem gesellschaftlichem Wandel und der Trauerkultur zusammen“, sagt Vanessa Göpfert. „Heute leben viele Familien über ganz Deutschland verteilt. Oft wählen die Hinterbliebenen lieber pflegeleichte Urnengräber oder auch Alternativen wie den Friedwald- oder Seebestattungen.“
Das hat zur Folge, dass immer mehr Flächen auf Friedhöfen brach liegen. Auch in Stuttgart: „Es stehen einerseits spürbar weniger Einnahmen den gleichzeitig steigenden Kosten gegenüber – insbesondere im Bereich der Unterhaltung der Anlagen“, heißt es vom Friedhofsamt. „Viele Friedhofsbetreibende stehen vor einer ökonomischen Schieflage“, sagt Vanessa Göpfert.
Und das Problem werde sich noch verschärfen. Die Prognose sei, dass ungefähr 50 Prozent der Friedhofsflächen perspektivisch nicht mehr für Bestattungen benötigt werden – in Berlin sogar bis zu 70 Prozent. „Das sind dann ungenutzte Flächen in oft sehr zentralen Lagen. Der Wandel findet bereits statt. Die Frage ist nur, wie wir ihn gestalten.“
Derzeit gestaltet sich dieser meist so, dass sogenannte Ko-Kreationen gebildet werden. In Berlin auf dem Neuen St. Jacobi Friedhof wird etwa Urban Gardening von der Initiative ,,Prinzessinnengärten’’ betrieben. „Das Kollektiv übernimmt die Bewirtschaftung und Pflege der Flächen, was dem Friedhofsverband in seiner finanziellen Lage entgegenkommt“, wie Vanessa Göpfert in ihrer Arbeit schreibt. Zudem gibt es dort jetzt ein „Gartenlokal“, also ein kleines Café. Die Friedhofskapelle ist nun die Kiezkapelle und für Kinder wurde ein „Grünes Klassenzimmer“ als Lernort eingerichtet.
Auf dem Friedhof Buntentor in Bremen hat Vanessa Göpfert Yogakurse organisiert. Und weitere Nutzungskonzepte gibt es bereits oder sind zumindest denkbar: vogelkundliche Rundgänge, Fotowalks, Qi Gong, Bienenzucht, Baumhäuser, Ausstellungen.
Auch in Stuttgart mit seinen 42 städtischen Friedhöfen ist der zunehmende Strukturwandel mit allen Folgen wahrnehmbar. „Es wird zurzeit eine Friedhofsentwicklungskonzeption erarbeitet, unter Betrachtung der zugehörenden Stadtteilfriedhöfe und Einbeziehung von wirtschaftlichen, freiraum-planerischen, städtebaulichen, denkmalpflegerischen und Umweltfaktoren“, wie es in einer Mitteilung der Stadtverwaltung heißt. Und weiter: „Die Friedhöfe wurden auf mögliche Flächen für Wohnraumnutzung untersucht, konkrete Planungen gibt es derzeit nicht.“
Alternative Konzepte für Friedhöfe gibt es in Stuttgart bisher nur wenige. Zu nennen ist ein Trauercafé auf dem Pragfriedhof und auf dem Hauptfriedhof. Es dient als ein Ort der Begegnung, an dem Ehrenamtliche der Bürgerstiftung einmal in der Woche Kaffee und Kuchen anbieten.
Unproblematisch ist der Wandel freilich nicht. Schon der Titel von Vanessa Göpferts Masterarbeit – „Holy Ground“ – greift den Gottesacker als einen symbolisch und emotional aufgeladenen Raum auf. „Da ist ein sensibler Umgang total wichtig“, sagt sie. Es sei unbedingt notwendig, dass Friedhöfe auch weiterhin Schutzräume seien für Menschen, die sich gerade in einem sehr verletzlichen Zustand befinden.
Vanessa Göpfert ist der Meinung, dass es Platz sowohl für Stille und Lebendigkeit auf dem Friedhof geben soll. „Die Frage ist eher in welcher Form?“ Es müssten Grenzen zwischen den verschiedenen Bedürfnissen gezogen werden, allein schon räumlich. Zudem könnten Orte wie die Trauerhaltestelle auf dem Hamburger Ohlsdorf-Friedhof geschaffen werden – Besucher betreten sie alleine oder in kleinen Gruppen, manche hinterlassen an den Wänden Nachrichten mit Kreide, die dann in der Witterung wieder vergehen.
Generell müsse man Friedhöfe zeitgemäß gestalten und neue Angebote der Trauerkultur etablieren, so das Fazit von Vanessa Göpfert. Das sei zugleich die Chance, den Wandel im Friedhofswesen aktiv zu gestalten, gegebenenfalls nicht mehr benötigte Friedhofsflächen als Teil der kommunalen grünen Infrastruktur zu erhalten – sowie über ganz andere Nutzungen nachzudenken.
So könnten dann vielleicht Orte geschaffen werden, an denen die Gedichtzeilen aus „Leben und Tod“ von Eduard Mörike mit einem Ja beantwortet werden können:
Sucht das Leben wohl den Tod?
Oder sucht der Tod das Leben?
Können Morgenröte und das Abendrot
Sich auf halbem Weg die Hände geben?