Friedrich Christian Delius im Interview Delius über die RAF

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Waren Sie ein guter Marxist?

Nein, ein miserabler. Nur, als alle von der Abschaffung des Kapitalismus redeten, fragte ich mich, was ist das überhaupt, der Kapitalismus? Ich wollte hinter diese Formel kommen und dachte dabei ziemlich bald an die Form der Satire, an die Rhetorik einer Festschrift. Die künstlerische Frage war, wie kriege ich die Sprache der Wirtschaft in die Literatur?

Sie haben nicht nur von der Geschichte der Achtundsechzigerbewegung, sondern auch vom Deutschen Herbst 1977 erzählt, in der Roman-Trilogie "Ein Held der inneren Sicherheit" (1981), "Mogadischu Fensterplatz" (1987) und "Himmelfahrt eines Staatsfeindes" (1992). Wie kommen Ihnen heute jene sechs Wochen vor?

Es war ein tiefer Einschnitt in der Geschichte der Bundesrepublik. Diese Konfrontation hat alle schockiert, Schreckstarre auf beiden Seiten. Aber ich denke, dass die RAF schon seit 1970 fatal gewirkt hat. Wir haben seit damals das strikte Sicherheitsdenken, Personenschutz, Überwachung und so weiter, alles das, was den Staat für den Bürger so ungemütlich macht. Die Gemütlichkeit war weg, es war eine Härte im Land, die alle erschreckt hat, eine allgemeine Verfeindung.

Wo standen Sie damals?

Undogmatisch links, gegen Gewalt. Ich erinnere mich an die Befreiung Baaders aus der Haft, 1970. Er saß wegen Brandstiftung, und ich dachte mir, wenn einer aus politischen Gründen ein Kaufhaus anzündet, dann soll er doch auch die Strafe dafür annehmen. Ich war schon damals altmodisch gestrickt, protestantisch, kleistisch.

Es soll damals viele Sympathisanten der RAF gegeben haben, bis in links-bürgerliche Kreise hinein.

Höchstens bis 1972, solange Ulrike Meinhof unterwegs war. Ansonsten wurde die RAF von den Linken heftig kritisiert. Sie war ein winziges Randphänomen der Achtundsechziger-Bewegung mit maximaler Medienwirkung, aber sie wird uns bis heute um die Ohren gehauen.

Der Historiker und Journalist Götz Aly sagt, in bestimmten Äußerungsformen hätten die Achtundsechziger und vor allem die RAF den Nazis geähnelt.

Das ist Pauschalkäse. Jede politische Aufbruchsbewegung in der Geschichte hat Züge des Größenwahns und ihre Dogmatiker. Ich finde zur Erklärung der RAF Michael Schneiders These, dass es sich um eine Kohlhaas-Selbstjustiz gehandelt hat, viel produktiver: Söhne und Töchter richteten über ihre Eltern, weil deren Entnazifizierung nicht stattgefunden hat.

Womit wir bei der Zeit wären, die Achtundsechzig möglich und nötig gemacht hat: Die fünfziger Jahre waren die Zeit des eisernen Schweigens. Im zweiten Ihrer autobiografischen Bücher, "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde", herrscht dieses Nachkriegsschweigen. Der Titel nimmt Bezug auf das legendäre Weltmeisterschaftsendspiel in Bern vom 4. Juli 1954. Im stillen osthessischen Dorf Wehrda sitzt an diesem Nachmittag ein elfjähriger Junge, Pfarrerssohn, im Amtszimmer des Vaters, wo er die Radioübertragung hören darf. Wie sieht das Selbstporträt als elfjähriger Junge aus?

Das ist der, der unter besonderer Beobachtung steht, nach dem Motto "Pfarrers Kinder, Müllers Vieh geraten selten oder nie". Das ist auch der, von dessen Verhalten auf das der Familie geschlossen wird. Er wird also vorsichtig und leise. Ich war ängstlich, ich war leise und ich habe gestottert. "Der stille Delius", nannte mich der Lateinlehrer, kaum dass ich ins Gymnasium gekommen war. Das war mir unbehaglich. Es hat lange gedauert, bis ich akzeptieren konnte, dass ich weniger redete als die anderen.




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