Die Lkw fahren direkt an Cornelia Wolfs Haus vorbei. Foto: Cornelia Wolf
Cornelia Wolf wohnt in der Friedrich-List-Straße und klagt über Lkw, die an ihrem Haus vorbei rollen – obwohl sie es vermutlich nicht dürften. Warum Kontrollen schwierig sind.
Cornelia Wolf ist mit ihrer Geduld am Ende. Sie wohnt in der Friedrich-List-Straße in Böblingen und hat genug. Genug von großen Lastwagen, die durch die Straße donnern, obwohl sie es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht dürften. „Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt wegzuziehen. Der Lärm macht mich krank“, sagt sie.
Ein Schild verbietet eigentlich die Durchfahrt für Fahrzeuge über 7,5 Tonnen, allerdings mit dem Zusatz „Anlieger frei“. Wolf kann sich aber nicht vorstellen, dass all die Lkw-Fahrer, die an ihrem Haus vorbei rollen, in der Straße wohnen oder dort etwas zu erledigen haben. Ihre Forderung: Konsequente Kontrollen und Lärmmessungen.
Cornelia Wolf hat mit einigen Bilder den Lkw-Verkehr dokumentiert. Foto: Cornelia Wolf
Die Friedrich-List-Straße, eine Wohnstraße mitten in Böblingen, ist eine viel genutzte Verbindung quer durch die Stadt. Die A 81-Baustelle dürfte den Verkehr dort zusätzlich verstärken. Hinzu kommt: Ende vergangenen Jahres stimmte der Gemeinderat für eine Bushaltestelle in der Friedrich-List-Straße auf Höhe der Bismarckstraße – direkt vor Wolfs Haus. Nach Protesten aus der Anwohnerschaft wurde der Bau der Bushaltestelle nach hinten verschoben, aber nicht aufgehoben.
Risse in der Hauswand entdeckt
All das spielt eine Rolle, um den Frust Wolfs zu verstehen. Ihr Eindruck: Auf die Straße und ihre Anwohner werde immer mehr abgeladen – ohne ihnen an anderer Stelle entgegenzukommen. Achim Held, ein Nachbar, unterstreicht diese Sichtweise. „Im Sommer fängt es kurz nach sechs Uhr in der Früh an“, beschreibt er die Situation mit den Lkw. „Da haut es einen bei offenem Fenster aus dem Bett.“
Beide fordern, dass zumindest die geltenden Regeln eingehalten werden – also nur Lkw über 7,5 Tonnen die Straße passieren, die es tatsächlich dürfen. Und sie glauben an den Erfolg konsequenterer Kontrollen. Wenn sich herum spreche, dass genau hingeschaut wird, werde der Lkw-Verkehr zurückgehen. Denn sie stören sich weniger an den gelegentlichen ausländischen Kennzeichen, sondern vielmehr an denen aus der Region, die die Straße als bequeme Ausweichstrecke nutzen, so ihre Vermutung.
Cornelia Wolf wohnt seit 15 Jahren in der Friedrich-List-Straße. Foto: Anke Kumbier
Um sich zu entlasten habe sie bereits Schallschutzfenster eingebaut und ihr Schlafzimmer nach hinten verlegt, sagt Wolf. Bei der Stadt habe sie immer wieder um mehr Kontrollen gebeten – laut Wolf ohne Erfolg. Sie fürchtet nicht nur um ihre Gesundheit und die ihrer Nachbarn, sondern auch um ihr Haus, Baujahr 1929. Sie hat Risse entdeckt, die sie auf die vorbeifahrenden Schwerlaster zurückführt. Etwas, das sich wohl nur schwer beweisen lässt, das aber zeigt, wie genau Wolf inzwischen hinschaut.
Was die Kontrollen erschwert
Nachfragen bei Stadt und Polizei ergeben, dass Lkw-Kontrollen durch den „Anlieger frei“-Zusatz deutlich erschwert werden. „Das Polizeirevier Böblingen führt in der Friedrich-List-Straße regelmäßig Verkehrsüberwachungsmaßnahmen durch“, teilt Yvonne Schächtele, Sprecherin des zuständigen Polizeireviers Ludwigsburg, mit.
Allerdings sei es teils schwierig zu überprüfen, ob die Lkw-Fahrer ein Anliegen haben, da der Begriff im rechtlichen Sinne sehr weit ausgelegt werden könne. „Eine gesetzliche Definition des Begriffs ,Anlieger’ existiert nicht“, heißt es auch auf der Homepage des ADAC. In der Praxis habe sich aber durchgesetzt: Der Fahrer muss irgendeinen Bezug, sei es einen Besuchswunsch oder eine Lieferung, zum Anliegergrundstück haben. Wie oft das bei den Lkw in der Friedrich-List-Straße der Fall ist, bleibt offen.
Stadt stellt Tempo 30 in Aussicht
Eine andere Option, ein Blitzer, der bei Gewichtsüberschreitung auslöst, lehnt die Stadt aus Kostengründen ab und verweist ebenfalls auf die Anlieger frei-Thematik. „Selbst wenn ein Blitzer die Lkw herausfiltert, ist die Beweisführung, dass tatsächlich kein Anliegen vorlag, fast nicht zu erbringen“, teilt Stadtsprecher Gianluca Biela mit. Das Problem laut Biela: Der Beweis, dass der Lkw zu Recht geblitzt wurde, müsse vor der Einleitung des Bußgeldverfahrens erbracht werden. „Da sonst die Verfolgung Unschuldiger im Raum steht.“
Den Zusatz „Anlieger frei“ zu entfernen scheint auch kein gangbarer Weg. Dann wären schwere Lkw komplett verboten und dürften auch nichts mehr anliefern. Die Stadt könne die Sorgen der Anwohner jedoch gut nachvollziehen, so Biela. Deshalb lenkt er den Fokus auf andere potenzielle Erleichterungen: Die geplante Querspange als Möglichkeit, die Böblinger Innenstadt zu umfahren und ein Antrag des Gemeinderats, Anwohnerparken zu prüfen, sodass der Parksuchverkehr abnehmen könnte.
Und Biela kündigt eine Maßnahme an, die Wolfs Beschwerde über die Lärmbelastung zusätzlich Gewicht verleiht. Die Stadtverwaltung überarbeitet derzeit ihren Lärmaktionsplan und kann laut Biela „zur Minderung des Straßenverkehrslärms Tempo 30 zwischen der Wolfgang-Brumme-Allee und der Stuttgarter Straße“ in Aussicht stellen. Also in dem Abschnitt, in dem die Friedrich-List-Straße liegt.
Wann die Querspange frühestens kommt
Bushaltestelle Das Linienkonzept des Stadtverkehrs Böblingen/Sindelfingen wurde im vergangenen Jahr überarbeitet. Eine Folge daraus war der Plan, eine neue Bushaltestelle in der Friedrich-List-Straße einzurichten. Das stieß bei den Anwohnern auf großen Widerstand und führte zu einem Kompromiss. Die Einrichtung der Bushaltestelle wird aufgeschoben, bis der Baufortschritt und die Fertigstellung der Querspange beurteilt werden kann und ein Konzept für Bewohnerparken im Bereich der Friedrich-List-Straße durch den Gemeinderat verabschiedet wurde.
Querspange Für die Querspange soll die Leibnizstraße bis aufs Flugfeld verlängert werden, sodass der Verkehr an Böblingen vorbeigeführt wird. Sie kommt laut Stadtsprecher Biela frühestens im Jahr 2027, wenn der Knoten an der Wolfgang-Brumme-Allee, der Leibnizstraße und Flugfeldallee verbinden soll, fertig ist.