Friedrich Mücke, Christoph Maria Herbst und Hape Kerkeling (v.l.n.r.) in einer Szene des Films „Extrawurst“ Foto: dpa/Daniel Gottschalk/Studiocanal
Im Film „Extrawurst“ läuft eine Debatte in einem Tennisverein völlig aus dem Ruder. Darsteller Friedrich Mücke spricht über Alltagsrassismus und die Rolle der sozialen Medien.
André Wesche
16.01.2026 - 16:03 Uhr
Die Komödie „Extrawurst“ von Marcus H. Rosenmüller („Trautmann“) basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück, in dem die Abstimmung eines Tennisvereins über die Anschaffung eines neuen Grills gründlich aus dem Ruder läuft. Beim Streit darüber, ob der einzige Moslem seinen eigenen Grill benötigt, kommen viele Themen auf den Tisch, die die Gesellschaft derzeit entzweien. Neben Hape Kerkeling, Christoph Maria Herbst und Fahri Yardim brilliert Friedrich Mücke (44) in der Rolle des peniblen stellvertretenden Vereinsvorsitzenden. Wir haben mit ihm gesprochen.
Herr Mücke, kannten Sie das Theaterstück, auf dem der Film basiert?
Ich wusste von dessen Existenz. Es wurde oft plakatiert, weil es kleinere und größere Theater landauf und landab gespielt haben oder immer noch spielen. Aber von der Thematik hatte ich keine Ahnung.
Tatsächlich haben Sie das Drehbuch in vollen Zügen genossen, oder?
Total. Ich habe das Drehbuch in Wien gelesen — weil ich gerade dort gedreht habe — und mir richtig Zeit gelassen. Ich habe es mir über mehrere Tage eingeteilt, weil ich es nicht zu schnell fertighaben wollte, so gut fand ich es. Es war ein Feuerwerk an starken Lines, die nicht nur wegen des Wortwitzes funktionieren, sondern weil das Ganze eben auch eine große Aktualität hat. Es geht nicht bloß um eine Vereinsversammlung, sondern darum, wie ein kleiner Alltagskonflikt plötzlich Alltagsrassismus sichtbar macht, wie schnell Ausgrenzung entsteht und wie gesellschaftliche Spannungen hochkommen, die sonst unter der Oberfläche bleiben. Diese Themen betreffen uns alle — und der Film zeigt, dass man sie ansprechen muss, gerade weil die komische Ebene hilft, klarer hinzuschauen, statt sich in endlosen Debatten zu verlieren.
Friedrich Mücke bei der Premiere in Essen Foto: dpa/Rolf Vennenbernd
Inwiefern?
Na ja, manchmal ist es ja schon ziemlich übertrieben, worüber da so ausufernd gestritten wird, und man fragt sich, ob das überhaupt noch dem eigentlichen Anliegen dient. Warum sind denn alle so am Durchdrehen? Der Film ist da schon auch ein Spiegel für unsere Gesellschaft. Die Geschichte hat das Potenzial, der deutschen Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und aufzuzeigen, wie absurd manches Verhalten oder manche Strukturen sein können. Dabei wollen wir uns aber nicht über Menschen lustig machen. Es gibt Menschen, die oft übersehen oder ausgeschlossen werden – auch das wird verhandelt und gezeigt, wie andere mit ihnen umgehen. Der Film hat an diesen Stellen bewusst ernstere Zwischentöne.
Ihre Figur Matthias Scholz ist übergenau und liebt Powerpoint-Präsentationen. Sind Sie in Ihrem Berufsfeld ähnlich akribisch?
(Lacht) Sicher nicht so wie er! Aber ein gewisser Ehrgeiz ist bei mir schon da. Gerade wenn viel Text zu bewältigen ist, nehme ich mir die Zeit, bis es wirklich sitzt. Das gehört für mich einfach zur Arbeit. Matthias habe ich sehr bewusst als jemanden angelegt, der permanent unter Strom steht und überall noch ein Anliegen hat — das musste ich präzise vorbereiten. Insofern: Ja, ein Stück Akribie steckt auch in mir, aber auf eine deutlich entspanntere Art als bei ihm.
Ist es nicht die wahre kulturelle Aneignung, wenn jemand meint, für einen Menschen mit anderem Background sprechen zu müssen, der eigentlich gar kein Problem hat?
Wenn man es ganz zugespitzt betrachtet, ist es sicher problematisch, für jemanden zu sprechen, der selbst eigentlich kein Problem hat. Ein Beispiel: Jemand sagt: „Mir ist egal, dass bestimmte Traditionen aus meiner Kultur gefeiert werden“, und dann erklärt jemand anderes für ihn, dass das total problematisch sei. Das zeigt, worum es grundsätzlich geht: Für andere zu sprechen, kann leicht als übergriffig empfunden werden. Und da spielt es gar keine Rolle, woher die Person kommt oder wie gut die Absicht ist. Deshalb würde ich mich da auch nicht festlegen. Ich habe meine eigenen Beobachtungen und Meinungen, und ich weiß, dass es viele Perspektiven gibt. Für mich geht es eher darum zuzuhören, nachzudenken und sensibel zu bleiben, statt eine universelle Definition liefern zu wollen.
Würden Sie sagen, dass hierzulande eine Cancel Culture existiert?
Grundsätzlich finde ich es normal, dass eine Gesellschaft bestimmte Grenzen zieht und markiert, was akzeptabel ist und was nicht. Das gehört einfach dazu. Gleichzeitig habe ich aber schon den Eindruck, dass es heute Momente gibt, in denen sehr schnell mit dem Begriff „Canceln“ gearbeitet wird, und in denen Reaktionen dann auch mal unverhältnismäßig werden.
Welche Rolle spielen die sozialen Medien bei dieser Entwicklung?
Die sozialen Medien spielen dabei eine riesige Rolle. Früher hat man solche Dinge noch im kleinen Kreis besprochen, heute ist alles sofort öffentlich – und oft anonym. Jeder kann mitreden, was aber auch Vorteile haben kann: Man bekommt viele Perspektiven mit, auf die man sonst nie gekommen wäre. Gleichzeitig entsteht durch diese ständige Sichtbarkeit viel Druck, sich schnell zu positionieren. Und genau dadurch können Diskussionen manchmal sehr schnell hochkochen, viel schneller als früher, als alles noch langsamer und privater ablief.
Ein anderes Thema des Films ist das Verhältnis von Mann und Frau. Viele Filme und Serien scheinen sich derzeit auf Männer eingeschossen zu haben. Befürchten Sie, dass die Geschlechter bald keinen unbefangenen Kontakt mehr pflegen können?
Ich bin da gar nicht so pessimistisch. Lange Zeit hatten Frauen in vielen Bereichen weniger bis gar keine Möglichkeiten, gehört zu werden oder gleichberechtigt mitzuwirken. Jetzt ändert sich das zunehmend. Dass das für andere oftmals irritierend wirkt, gehört dazu – jede gesellschaftliche Veränderung stößt auf Reibung. Im Kern geht es darum, Gleichberechtigung zu leben und echte Augenhöhe zu erreichen. Filme können solche Dynamiken sichtbar machen, anecken und zum Nachdenken anregen. Genau wie gesellschaftliche Debatten sind sie ein Angebot, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln, und es hilft zum Beispiel Humor dabei, diese komplexen Themen leichter zugänglich zu machen – so wie wir es in ‚Extrawurst‘ versuchen.
Friedrich Mücke
Vita Friedrich Mücke wurde am 12. März 1981 in Berlin geboren. Er hat in Berlin Schauspiel studiert und war von 2007 bis 2010 Ensemblemitglied am Münchner Volkstheater.
Karriere Seinen Durchbruch hatte er 2010 als Veit in Markus Gollers Spielfilm „Friendship!“ Zuletzt war er 2025 in „Das Kanu des Manitu“ und „Bibi Blocksberg – Das große Hexentreffen“ im Kino zu sehen.