Vorfreudig drückt er den Klingelknopf. Auf der anderen Straßenseite geht ein Fenster auf: „Zu wem wollen Sie?“, fragt die Nachbarin. Dann sinkt sie auf die Fensterbank und beginnt zu weinen. „Es ist niemand da.“ Ringsum öffnen sich Fenster und Türen. „Ja weißt du es denn nicht? Sie sind tot.“ „Alle?“, fragt Schlotterbeck und erkennt seine Stimme fast selbst nicht. „Alle“, sagt die Nachbarin. „Die Gestapo.“
„Alle“ – das sind seine Eltern Gotthilf und Maria, seine Verlobte Else Himmelheber, sein Bruder Hermann, die Schwester Trude Lutz sowie die Freunde Erich Heinser, Emil Gärttner, Sophie Klenk, Emmy und Hermann Seitz.
Nach Schlotterbecks Flucht im Juni 1944 hat die Staatspolizei in Stuttgart seine Familie und Freunde in Haft genommen. „Sie wurden Tag und Nacht gefesselt gehalten und unglaublich geschlagen“, erzählen Augenzeugen nach dem Krieg vor Gericht. Am 30. November folgt die Hinrichtung. Heute verweist eine Gedenktafel an dem Häuschen in der Annastraße auf die Widerständler, die vor 75 Jahren zu Opfern der Nazis wurden.
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Die Schlotterbeckgruppe kämpfte damals „für eine Welt der Freiheit und sozialen Gerechtigkeit“. Über Jahre sammelten sie Informationen über die Rüstungsindustrie und agitierten gegen die Kriegsvorbereitung des NS-Regimes. Hauptgegner waren der Stuttgarter Gestapo-Chef Friedrich Musgay, der sich nach Kriegsende der Verantwortung durch Selbstmord entzog, und SS-Obersturmführer Alfred Hagenlocher. In seiner Abteilung wurde vom Hotel Silber aus der linke Widerstand observiert. Er wurde freigesprochen, machte nach 1945 als Künstler und Kurator in Reutlingen Karriere, Erwin Teufel verlieh ihm 1994 zum 80. Geburtstag die Staufermedaille.
50 Jahre zuvor, im November 1944, fordert die Gestapoleitstelle beim Reichssicherheitshauptamt die „Sonderbehandlung“ genannte Exekution der neun Widerstandskämpfer ohne Gerichtsverfahren an. Am 30. November 1944 wird sie in Dachau vollzogen. Neunmal Tod durch Kopfschuss. Theodor Seitz, der auch zu der Gruppe gehört, wird zwei Monate später wegen Hochverrats geköpft, Friedrich Schlotterbecks im KZ zum Krüppel geschlagener Bruder Hermann wird im April 1945 ermordet und verscharrt.
Seine sterblichen Überreste werden später in Riedlingen ausgegraben und auf dem Friedhof von Untertürkheim beigesetzt. Um den Grabstein sind zehn kleine Gedenkplatten mit dem Namen der übrigen Opfer gruppiert. An diesem Sonntag gedenken die Hinterbliebenen der Toten.
Friedrich Schlotterbeck, 1909 in Reutlingen geboren, tritt schon als 14-Jähriger in den Kommunistischen Jugendverband ein, wird KPD-Jugendfunktionär. Schon 1933 stecken ihn die Nazis in Haft. „Wann werden sie mich holen, und wie werde ich zurückkommen?“, fragt er sich, wenn die Schreie misshandelter Häftlinge durch die Gänge hallen. Dann zerren SS-Männer auch Schlotterbeck in den Prügelraum: „Wird’s bald, Pfoten zeigen!“ Sie schlagen ihm mit Stöcken auf die Finger, einer haut ihm von hinten ins Genick, springt ihm mit seinen eisenbeschlagenen Absätzen auf die Zehen. Es hagelt von allen Seiten Tritte, Faustschläge, Knüppelhiebe. Und er schlägt zurück! Seine Strategie: „Wehren! Immer wehren! Dann spürt man nichts.“ Die Adresse der Genossen sei ihm trotz der Schläge nie über die Lippen gekommen, beteuert er in seiner Autobiografie, die von seinen Enkeln neu aufgelegt wurde.
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Der Staatsanwalt findet, die Volksgemeinschaft sollte für immer vor Verbrechern wie Friedrich Schlotterbeck geschützt werden, der seine Intelligenz missbrauche, um die Jugend zu verführen. Der unverbesserliche Staatsfeind, für alle Waffengattungen tauglich, aber wehrunwürdig, wird schließlich zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Dort gehen die Prügel weiter, Einzelhaft prägt seinen Alltag. Aber er kann als Zuchthaus-Tischler arbeiten.
Nach seiner Entlassung 1937 wird er in Schutzhaft genommen und ins Lager Welzheim überführt, wo er die nächsten sieben Jahre verbringt – anfangs in einer acht Quadratmeter großen und mit sechs Mann belegten Zelle. Der Lagerleiter ist Hermann Eberle, Ivan der Schreckliche genannt. Der SS-Posten Albert Rentschler, ein übler Schläger, ist für die Häftlinge nur „die Wildsau“. Willkürlich werden die Essensportionen reduziert. „Die Hungrigsten fressen Kartoffelschalen, zur faustgroßen Kugel geformt, der Illusion wegen“, schreibt Schlotterbeck. Kohlrüben werden roh und gefroren vertilgt. Die Tischlerriege muss bis zum Umfallen schuften. Aus Verzweiflung meldet sich Schlotterbeck freiwillig für die Entschärfung von Blindgängern. Die Sache sei gefährlich, meint der zuständige Feldwebel. „Macht nichts. Bei mir ist es egal“, antwortet er.
Im Juli 1943, nach zehn Jahren Haft, wird Schlotterbeck die Entlassung in Aussicht gestellt – wenn er mit den Nazis kollaboriert. Die Gestapo hofft, durch ihn unbekannten Kommunisten und anderen Staatsfeinden auf die Spur zu kommen. Schlotterbeck stimmt zu, denkt aber nicht daran, tatsächlich Spitzeldienste zu leisten. Man teilt ihm eine Arbeit bei Daimler in Sindelfingen zu. Amtschef Ludwig Junginger wird bald ungeduldig, weil sein Agent nichts Verwertbares liefert.
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Schließlich setzt er Schlotterbecks ehemaligen Untermieter Eugen Nesper auf ihn an. Der Kommunist war schon Anfang der 30er Jahre zu Spitzeldiensten für die Gestapo gezwungen worden. Im Krieg lief er zum Feind über und kehrte als Agent zurück, um die Russen mit Informationen über Nazi-Deutschland zu versorgen. Er wird erneut verhaftet – und muss Informationen über die Widerständler um die Gruppe aus Untertürkheim sammeln. Als sich Nesper selbst gefährdet sieht, offenbart er sich. Jetzt muss alles schnell gehen.
Friedrich Schlotterbeck gelingt wie Nesper Anfang Juni 1944 die Flucht in die Schweiz. Die SS ordnet schärfste Maßnahmen gegen alle an, die mit Nesper in Verbindung stehen. Else Himmelheber spüren sie in Aalen auf, sie wird wie die anderen verhaftet. Als bei einem Luftangriff im September 1944 das Untersuchungsgefängnis in der Stuttgarter Archivstraße getroffen wird, können die Kommunisten Erich Heinser und Emil Gärttner fliehen. Aus Sorge, dass es ihren Angehörigen so ergeht wie Schlotterbecks Eltern, stellen sie sich dem Gestapomann Hagenlocher. Am 29. November erfolgt der Abtransport nach Dachau, am 30. November um 5 Uhr die Exekution.
Der Verräter Nesper hat auf der Flucht einen Zöllner erschossen. 1948 wird er in der Schweiz verhaftet und nach Stuttgart ausgeliefert, wo er zu 13 Jahren Haft verurteilt wird. Hauptbelastungszeuge und Mitglied der Spruchkammer: Friedrich Schlotterbeck. Die Ermordung der Gruppenmitglieder bleibt jedoch ungesühnt.
Schlotterbeck ist an der Gründung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) beteiligt, wird Vorsitzender des Roten Kreuzes im Land und Mitglied der Landesleitung der Kommunistischen Partei. Er spürt Täter auf und bringt sie vor Gericht. Der Wunsch seiner Schwester, die aus der Haft geschrieben hat: „Nehmt euch des Kindes an“, ist ihm eine Verpflichtung. 1948 siedelt er mit Nichte Wilfriede und seiner Ehefrau Anna nach Dresden über, um beim Aufbau eines besseren Deutschlands mitzuhelfen. Doch auch in der DDR ergeht es dem Paar – beide sind als Schriftsteller tätig – schlecht. Weil Schlotterbeck in einer Gestapoakte als Spitzel auftaucht, werden er und seine Frau Anfang der 50er Jahre inhaftiert, nach Ende der Stalin-Ära rehabilitiert. Friedrich Schlotterbeck stirbt 1979.
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Für die Enkel Aram, Mirjam und Judith war er der „beste Großvater der Welt“. Selbst die gelegentliche Zerstörung seiner Blumenrabatten in Groß Glienicke bei Potsdam habe ihn nicht aus der Ruhe bringen können, erinnern sie sich. Nichts habe sie je ahnen lassen, welches Schicksal der Familie widerfahren sei. „Wie gerne würden wir heute mit ihm über ganz viele Themen reden. Die vielen Fragen, die wir später hatten, konnten wir ihm nicht mehr stellen“, schreiben sie im Vorwort seiner Autobiografie. Schlotterbeck schildert darin schnörkellos und frei von Sentimentalitäten das Schicksal der Widerstandsgruppe und die Rückkehr in ein „Totenhaus“. Dort wohnt heute der Enkel Aram Hess mit seiner Familie. Mit seinen Schwestern erinnert er nun daran, dass ihrem Großvater ohne die Hilfe charakterstarker, ihm unbekannter Menschen die Flucht nicht geglückt wäre. „In der heutigen Zeit, in der Einzelne den gesellschaftlichen Herausforderungen mit Hassparolen begegnen und Hass auf Menschen in Not projizieren, ist es wichtig, sich dem entgegenzustellen.“
Einblicke in das Leben von Friedrich Schlotterbeck werden am Samstag, 30. November, um 19 Uhr, im Foyer des Lern- und Gedenkorts „Hotel Silber“, Dorotheenstraße 10, gewährt. Schlotterbecks Enkel Aram Hess und die Historikerin Elfriede Samo berichten über das Wirken des Kommunisten und Gründers der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten. Dabei kommt auch das politische Engagement nach 1945 zur Sprache, als er Mitglied der Spruchkammer und Belastungszeuge war.
Am Sonntag, 1. Dezember, um 11 Uhr veranstalten die IG Metall und der VVN auf dem Untertürkheimer Friedhof eine Gedenkveranstaltung anlässlich des 75. Jahrestags der Ermordung von elf Mitgliedern der Widerstandsgruppe.