Die neue Revue im Friedrichsbau verknüpft zwei Jahrhunderte. Wieder tanzen wir auf dem Vulkan, wie vor 100 Jahren. Mit heißen Füßen. Aber mit Stil.

Größenwahn. Dieser Sünde machen sich nun weder der Schwabe an sich noch die Stadt selbst schuldig. Neigt man doch hierzulande dazu, alles kleiner zu machen als es ist. So etwa das Häusle, weil man nicht angeben will mit der Villa in der Halbhöhe. Oder das Viertele, weil es die tatsächliche Menge an Getrunkenem verschleiert. Und doch nennt das Friedrichsbau-Varieté auf dem Pragsattel seine neue Show „Größenwahn“.

 

Friedrichsbau-Varieté: Zwischen Dekadenz und Zerfall

Und man ahnt es, man bezieht sich auf Berlin. Jenes Berlin, das vor 100 Jahren zwischen „Dekadenz und Zerfall“ schwebte, wie das Varieté-Geschäftsführer Timo Steinhauer beschreibt. Man gab sich dem Größenwahn hin, ehe dem Rausch der Kater folgte. Die Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts sind immer gerne zitiert in Büchern und Filmen und auf der Varieté-Bühne. Bubikopf und Charleston, Pailletten und Androgynes, das verkauft sich gut.

Santeri Koivisto Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Nun sind wir wieder mittendrin in den Zwanziger Jahren. Im 21. Jahrhundert. Und der Größenwahn ist zurück. Wie besser sollte man die Potentaten wie Trump, Orban, Putin, Erdogan beschreiben, breitbeinig, dreist, alles Bunte, Vielfältige verachtend. Wieder tanzen wir auf dem Vulkan. „Zu Asche, zu Staub, Dem Licht geraubt“ singt Evi Niessner als Conferencière. Der Titelsong der Fernsehserie „Babylon Berlin“. Man merkt schon, Regisseur Ralph Sun will kein weiteres Abbild einer Zwanziger-Jahre-Revue auf die Bühne klatschen. Der Stil passt, die Musik aber ist aus diesem Jahrhundert.

Und nein, es ist auch kein Elektroswing. Das sei ausgelutscht, befindet Sun. So fängt das Programm auch an mit „The Great Shipwreck of Life“ von 2009. Und zwar tritt Anita Berber auf. Oder besser gesagt die Ungarin Georgina Sun als Anita Berber. Anita Berber? Genau mit deren Bildnis hat das Kunstmuseum für die Sammlung der LBBW geworben. Dass mit der Landesbank ausgerechnet das Großkapital Bilder von Kommunisten und Bürgerpeinigern wie Max Ackermann und Otto Dix kaufte, mag man für ironisch halten, immerhin ist das Dix-Bild von Berber so in den Besitz der Stadt gelangt. Sie war Schauspielerin und Tänzerin in den Goldenen Zwanzigern. Heute würde man sie Aktivistin, Frauenrechtlerin, Stilikone, und Influencerin nennen.

Conferencière Evi Niessner Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Im Friedrichsbau zeigt sie sich im knallroten Kapuzenkleid. Und weil Georgina Sun vom zeitgenössischen Tanz kommt, zeigt sie Anita Berber fiebernd, wütend, in all ihrer Zerrissenheit; die Künstlerin und den Junkie, das Model und die Hure, selbstbestimmt und selbstzerstörerisch. Und nein, sie zieht sich nicht aus. Nackiger als die Frauen sind die Männer, etwa Balancekünstler Andrey Ruzhylo und Artist Santeri Koivisto.

Andrey Ruzhylo Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Größenwahn also. In einer Stadt, die sich durchaus rühmen kann, die Zwanziger nicht verschlafen zu haben. Im Gegenteil. Stuttgart war schon immer ein Widerspruch. Einerseits konservativ bis auf die Knochen, gleichzeitig durch und durch liberal. Selten war sie so aufregend wie in den Zwanziger Jahren. Nach dem Kapp-Putsch fand 1920 die Regierung um Friedrich Ebert hier Asyl. Die Künstler Oskar Schlemmer, Willi Baumeister,Ida Kergovius wirkten hier, der Arzt und Schriftsteller Friedrich Wolf plädierte mit „Cyankali“ für das Recht auf Abtreibung,die Weißenhofsiedlung entstand, im Hindenburgbau gab es ein dreistöckiges Konzertcafé für 1000 Besucher, ein Café für „Homoeroten“ hatten regen Zulauf. Mehrere Varietébühnen gab es, die berühmteste war der Friedrichsbau. Tänzerin Josephine Baker trat auf, Jongleur Enrico Rastelli, Clown Charlie Rivel, Dichter Joachim Ringelnatz, die blutjunge Catarina Valente. Hier wurden schon Elefanten von der Bühne gezaubert, als von David Copperfield noch keine Rede war. Man hätte also durchaus auch Grund zum Größenwahn. Hereinspaziert.

Varieté Größenwahn

Vorstellungen
Gespielt wird vom 21. November bis zum 1. März. Vorstellungen sind immer donnerstags bis samstags um 20 Uhr, sonntags um 18 Uhr.

Tickets
Karten kosten von 23 Euro bis 62 Euro. Ein Drei-Gang-Menü zur Show kostet 56,50 Euro.