Friedrichsbau-Varieté Die Mama empfahl, nackt zu tanzen

Miss Maeve tanzt im Friedrichsbau auf dem Tisch. Foto:  

Sie ist der aufstrebende Star der Stuttgarter Burlesque-Szene: Miss Maeve eröffnet das aktuelle Varieté-Programm im Friedrichsbau in Stuttgart.

So eine Bühnenfigur ist äußerst praktisch. Miss Maeve heißt natürlich nicht Miss Maeve, sondern Jana (25). Und wenn sie sich nicht auf der Bühne auszieht, also die allermeiste Zeit, dann verkauft sie Bücher. Und weil sie das „reale Leben“ als Buchhändlerin vom Bühnenleben trennen will, wird sie hier nur Jana genannt.

 
Miss Maeve Foto: Lichtgut/Kovalenko

Burlesque, die Kunst des stilvollen Entkleidens, das ist bühnentauglich und gilt gerade einem bürgerlichen Publikum als genau im angemessenen Maße verrucht und somit sehenswert. So ist das Friedrichsbau-Varieté immer wieder gut gefüllt, wenn sich Männlein und Weiblein stilvoll entkleiden. Die aktuelle Show „Burlesque-Chronicles“ wurde denn auch bis zum 7. Juni verlängert. Trotz aller Akzeptanz und Schaulust – es bleibt ein durchaus ungewöhnliches Hobby, sich auszuziehen und dazu zu tanzen. Wie frau darauf kommt? „Nach dem Abi wollte ich irgendwas machen, was Neues ausprobieren“, sagt Jana. Sie grübelte, fragte die Mutter um Rat. Und bekam den Tipp: „Geh doch zu Fanny in die Schule!“ Fanny, das ist Fanny di Favola. Die Grande Dame der hiesigen Szene, die eine Schule für Burlesque betreibt. Unter dem Motto: „Selbstliebe ist sexy!“

Selbstbestimmt in allen Facetten

Schönheitstanz, so nannte man Burlesque früher mal. So empfand das auch Jana. Ihr gefiel es von Anfang an. „Ich ziehe mich lieber auf der Bühne aus, als auf der Bühne zu reden“, sagt sei. Ganz natürlich fühle sich das an, die vielen Gefühle, die sie erlebt, wenn sie Musik hört, und bei denen sie nicht wusste, wohin damit; die kann sie nun ausdrücken. Durch Tanzen. Und sich dabei entblättern. Zu Jazz, zu Swing. Ganz wie die Vorkämpferinnen vor 100 Jahren. Die angefangen haben, den Burlesque vom Striptease abzutrennen, selbstbestimmt in allen Facetten, nicht nur Musik, Choreografie, Kostüm, sondern auch alles darum herum: Wo trete ich auf? Vor wem trete ich auf? Wie hoch ist die Gage?

Ihr erster Auftritt war im Dreigroschentheater im Februar 2019 bei der Show der Burlesque-Schule vor 30 Besuchern. Und wie sie schon gesagt hat, es fiel ihr nicht nur leicht, es gefiel ihr, sie fühlte sich wohl in der Rolle der Miss Maeve. So erweiterte sie nach und nach ihr Wirken. Noch trägt Miss Maeve nur einen Teil zum Haushaltseinkommen bei. Daher verkauft Jana immer noch Bücher. Und empfängt die Besucher des Varietés und führt sie an ihre Plätze. Sie kennt sich also aus im Holzbau auf dem Pragsattel.

Sie eröffnet das Programm

Doch auf der Bühne stand sie noch nie. Bis zu den „Burlesque Chronicles“. Man kennt sich, man schätzt sich im Varieté. Fanny di Favola ist mit ihrem Festival zu Gast, Regisseur Ralph Sun ist bestens vernetzt in der Stadt und der Welt der Revuekünstler. Und so tanzt Miss Maeve nun im Varieté auf dem Tisch. In der Eröffnungsszene obliegt der Lokalmatadorin die Ehre den Ton zu setzen für die Show. Und in der Ära des Rock’n’Roll tanzt sie zu Klängen der Stuttgarter Band Triple Espresso: „Please don’t go topless, mother!“

Nächste Station Lissabon

Anders als sonst ist sie in einem Ensemble zusammen, mal ist sie die Hauptfigur, mal rückt sie in den Hintergrund. „Das ist was ganz Anderes für mich“, sagt sie. „Aber es macht unglaublich Spaß, und ich merke ja auch, wie ich mich entwickle und wachse.“ Und sie kann sich auch viel abschauen. Etwa von Anja Pavlova. Sie ist eine der Stars der Szene mit ihrer klassischen Burlesque-Nummer, die in einem riesigen Champagner-Glas endet. Oder von Coco Belle aus London. Die Kollegin Louise L’amour war so sehr beeindruckt, dass sie Miss Maeve gleich eingeladen hat zu ihrem Burlesque-Festival in Lissabon. Zunächst einmal steht sie aber noch im Friedrichsbau auf der Bühne. Und dann wird Miss Maeve erst mal Pause machen. Und Jana sich ganz ihrer anderen Leidenschaft widmen: Bücher verkaufen.

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