Frisch-Auf-Geschäftsführer Hofele „Ich sehe den Bundesligahandball in Göppingen eher als gefährdet an“

Frisch-Auf-Geschäftsführer Gerd Hofele ist seit 1997 im Management des Handball-Bundesligisten tätig. Foto: IMAGO/Eibner

Gerd Hofele sagt, warum das Jugendkonzept für Frisch Auf Göppingen alternativlos ist und es gefährlich ist, dass die Schere gegenüber den Großstadtclubs immer weiter auseinander geht.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Für Handball-Bundesligist Frisch Auf Göppingen steht an diesem Samstag (18 Uhr/EWS-Arena) gegen die SG Flensburg-Handewitt das letzte Heimspiel des Jahres auf dem Programm. Geschäftsführer Gerd Hofele (60) gibt Einblicke.

 

Herr Hofele, Ihr Freund Gerd Butzeck kandidiert für das Amt des IHF-Präsidenten. Er hat Sie auch zum Golf gebracht. Wer hat das bessere Handicap?

Er. Aber zuletzt sagte er beim Einlochen, es sei das letzte Mal gewesen, dass er gewonnen hat.

Weil er als Chef des Handball-Weltverbandes künftig weniger Zeit hat? Wie schätzen Sie seine Chancen ein?

Nein, weil ich ihm auf den Fersen bin (lacht). Wie seine Chancen sind, kann ich schwer einschätzen. Es gibt neben ihm und dem 81 Jahre alten Amtsinhaber Hassan Moustafa auch noch zwei weitere Bewerber – den Slowenen Franjo Bobinac und den Niederländer Tjark de Lange. Aber aus meiner Sicht wäre es extrem wichtig, wenn Gerd Butzeck das Amt übernehmen würde.

Warum?

Er bringt sehr viel Erfahrung, Gestaltungskraft und ein globales Netzwerk mit – und damit optimale Voraussetzungen, um den Handball weiterzuentwickeln. Genau das ist enorm wichtig, weil der Erhalt des Olympischen Status für unsere Sportart kein Selbstläufer ist. Als Chef des Forum Club Handball (FCH) hat Gerd viel angestoßen, aber als IHF-Präsident wäre natürlich um ein Vielfaches mehr möglich.

Und Ihnen hat er im Fall der Fälle gleich einen Job angeboten?

(lacht). Nein, hat er nicht.

Sie sind dieses Jahr 60 Jahre alt geworden, seit 1997 im Göppinger Management, 2026 jährt sich der Wiederaufstieg zum 25. Mal. Sie sehen Ihre Mission bei Frisch Auf noch nicht am Ende?

Wir haben unsere Ambitionen mit der Agenda 2030 umrissen. Wir müssen uns derzeit neu erfinden – mit einer extrem jungen Mannschaft. Wir sind zwar eine exklusive Traditionsmarke, befinden uns aber mit den ganzen Großstadtprojekten in einem neuen Wettbewerb, bei dem die Schere immer weiter auseinander geht.

Alles hört auf das Kommando von Teamchef Ben Matschke (Mi.). Foto: Baumann/Julia Rahn

Welche konkreten Ziele gibt es?

Beispielsweise würden wir gerne zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte den DHB-Pokal gewinnen.

Was Sie in dieser Saison durch eine Heimniederlage gegen Leipzig schon nicht mehr können.

Sie müssen nicht in Wunden wühlen, das hat uns alle extrem enttäuscht, und wir müssen einen neuen Anlauf nehmen. Als ich antrat, war mein erstes Ziel, den Briefkopf ändern zu können und nach 1972 erstmals wieder einen Titel zu holen.

Das ist Ihnen 2011 mit dem EHF-Pokal-Sieg gelungen.

Da dachte ich, ich könnte in Rente gehen, weil ich alle meine beruflichen Ziele erreicht habe (lacht). Es folgten noch drei weitere Titel 2012, 2016 und 2017. Aber die Ziele gehen nicht aus. Nächstes Thema ist der Ausbau des Trainingszentrums für unsere Nachwuchsakademie.

Will Frisch Auf wieder nach Europa?

Das ist immer unser Ziel.

Vergangenes Jahr war man näher an der zweiten Liga als an einem internationalen Wettbewerb.

Das ist dann eine Momentaufnahme. Das geht anderen auch so. Unser Nachbar TVB Stuttgart war 2023/24 ein einziges Mal in der Abschlusstabelle vor uns, feierte sich als Württembergischer Meister und wäre im Jahr danach um ein Haar abgestiegen.

Wie lautet Ihre Zwischenfazit des bisherigen Saisonverlaufs.

Die beiden Niederlagen zuletzt gegen Lemgo und in Eisenach haben das Ganze getrübt. 19:15 Punkte wären wirklich top gewesen, jetzt haben wir 15:19. Doch ich sehe einen Entwicklungsprozess in der Mannschaft, besonders in der Abwehr. Insgesamt haben wir eine extrem homogene Einheit. Es macht brutal viel Spaß, den Jungs zuzuschauen. Das sieht man auch an der Reaktion des Publikums, das ein gutes Gespür hat. Denn Herz und Leidenschaft werden honoriert. Die Identifikation ist extrem groß.

Hat sich die Doppelfunktion von Trainer Ben Matschke bewährt, der formal die Sportliche Leitung von Christian Schöne übernommen hat? Oder war das nur eine Änderung auf dem Papier?

Beide arbeiten nach wie vor sehr eng zusammen, da das Nachwuchscenter, das Christian Schöne leitet, aufgrund unserer strategischen Ausrichtung eine immer größere Rolle spielt. Ben Matschke blickt über den Tellerrand hinaus, er kann viel mehr, als nur das Training zu steuern.

Wer ist das Korrektiv zum mächtigen Teamchef Matschke?

Natürlich der Geschäftsführer.

Welche Rolle spielen die Ex-Spieler Manuel Späth und Matthias Dudium, die Sie in den Verein integriert haben?

Manu ist Markenbotschafter, mit ihm tauscht sich eher mein Stellvertreter in Marketingfragen aus. Ti ist Berater des Aufsichtsrats. Immer wieder habe ich mit den beiden Kontakt.

Gerd Hofele wird nach dem EHF-Pokal-Triumph beim TV Großwallstadt 2011 in die Luft geworfen – es war der erste Titelgewinn für Frisch Auf seit 1972. Foto: Pressefoto Baumann

Der Vertrag mit Hauptsponsor Teamviewer endet am Saisonende. Wird die Zusammenarbeit verlängert?

Wir sind in Gesprächen, die nicht abgeschlossen sind.

Was machen die Pläne, die Infrastruktur in und um die EWS-Arena zu verbessern?

Wir wollten Qualitätsverbesserungen in der Halle, zusätzliche Vip-Räume, damit nach dem Last-Order-Signal nicht gleich die Kehrmaschine durch unseren Vip-Raum in der kleinen EWS-Arena fährt. Wir hätten gerne ein Museum integriert, eine eigene Rehapraxis. Dinge, die den Club und die Marke Frisch Auf attraktiver machen. Das wurde durch Corona und den Oberbürgermeister-Wechsel leider nicht realisiert. Und jetzt ist die Finanzkrise da, deshalb sehe ich realistischerweise in absehbarer Zeit keine Verbesserung. Leider.

Sehen Sie den Bundesligahandball in einer Stadt wie Göppingen mit den vorhandenen Rahmenbedingungen in den nächsten zehn Jahren als gewährleistet an?

Nein, ich sehe den Bundesligahandball in Göppingen eher als gefährdet an. Eindeutig. Wenn die Entwicklung so weitergeht, dann wird das schwierig.

Sie befürchten, dass es in die zweite Liga runtergehen könnte?

So weit denke ich jetzt nicht.

Aber wenn der Bundesligahandball in Göppingen gefährdet ist. . .

. . .muss ich trotzdem nicht an die zweite Liga denken. Aber wenn die Stadt in den nächsten 15 Jahren nichts unternimmt und unsere Sponsoren Schwierigkeiten haben, dann werden wir uns schwer tun, in der Bundesliga zu bleiben. Andere Clubs aus Großstädten, wie etwa die Rhein-Neckar Löwen, haben ganz andere Arenen, ein ganz anderes Zuschauerpotenzial.

Was muss passieren, damit Göppingen ein erstklassiger Standort bleibt?

Kurzfristig müssen sich die Trainingsbedingungen für unser qualitativ hochwertiges Nachwuchscenter mit unsere vielen Toptalenten weiter verbessern, da wir in der Arena eine Überlastungssituation haben. Wir können nicht mit sechs von 18 Bundesliga-Kaderspielern aus dem eigenen Nachwuchs planen, haben aber keine Trainingsmöglichkeiten für die Ausbildung der Jugendspieler. Dann gehen die nach Mannheim, Berlin, Dormagen, oder sonst wo hin, weil sie dort bessere Voraussetzungen haben.

Frisch Auf hat eine breite Sponsorenpyramide. . .

. . .aber im Handball haben wir dieses regionale Phänomen, wir werden keinen Großsponsor aus Frankfurt finden, der in Frisch Auf investiert. Du brauchst aber große Partner. Das ist in Stuttgart leichter möglich, als in Göppingen.

Wie lange bleiben Sie noch Geschäftsführer bei Frisch Auf?

Mit 59 habe ich mich noch brutal jung gefühlt (lacht). Ewig mache ich es sicher nicht. Aber genau beantworten kann ich es Ihnen nicht, weil ich es selber nicht weiß.

Zur Person

Karriere
Gerd Hofele kam am 4. Juni 1965 n Schwäbisch Gmünd zur Welt. 1989 bestrritt er als Linksaußen sein erstes Zweitligaspiel für Frisch Auf Göppingen. Bis 1993 trug er das Trikot der Grün-Weißen. 1997 stieg er ins Management der Männermannschaft des Vereins ein. 2001 wurde Hofele gemeinsam mit Andreas Schweickert Geschäftsführer der Frisch-Auf-Marketing- und Management-GmbH. Seit 2008 ist er alleiniger Geschäftsführer und Manager.

Persönliches
Hofele hat zwei erwachsene Kinder. Er ist auch als Dozent an der Universität Stuttgart im Bereich Sportmanagement tätig. Der gläubige Christ wohnt in Wißgoldingen. Sein Hobby ist Golf. (jüf)

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