Frisch Auf Göppingen Ben Matschke: „So ein Einschlag muss manchmal richtig wehtun“

Trainer Ben Matschke hat mit Frisch Auf noch viel vor. Foto: Pressefoto Baumann

Frisch-Auf-Trainer Ben Matschke spricht über die Hauptunterschiede zur Vorsaison, das Pokal-Aus, den Abgang von Ludvig Hallbäck und seine Ziele mit den Göppinger Handballern.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Mit 12:10 Punkten steht Handball-Bundesligist Frisch Auf Göppingen in der Länderspielpause besser da als von den meisten erwartet. Trainer Ben Matschke bewertet die Situation.

 

Herr Matschke, wie fällt Ihr Zwischenfazit nach rund einem Drittel der Saison aus?

Ich habe eine große Resilienz festgestellt bei meiner Mannschaft, speziell wenn es hektisch wurde. Vor allem auswärts haben wir sehr gut auf Rückstände reagiert und in fremden Hallen jetzt schon 7:5 Punkte ergattert.

Im Gegensatz zum Vorjahr, wo es am Ende mickrige 5:29 Zähler waren.

Ja, dabei spielen wir ja praktisch mit der gleichen Mannschaft plus Torwart Kristian Saeveras, da unser zweiter Neuzugang Martin Hanne verletzungsbedingt erst zwei Kurzeinsätze hatte. Dazu mussten wir noch den Abgang unseres Schlüsselspielers Josip Sarac kompensieren. Von daher bin ich sehr stolz, wie die Mannschaft an der Aufgabe gewachsen ist. Das ist ein schönes Zwischenfazit und bestärkt mich auf dem Weg, den wir gehen als Frisch Auf Göppingen mit den vielen jungen Spielern und der von vielen skeptisch beäugt wurde.

Wie ist denn dieser extreme Wandel speziell in fremden Hallen zu erklären?

Wir hatten vergangene Saison ein brutales Auftaktprogramm. Und es ist eben ein Unterschied, ob du mit 1:11 oder 4:14 Punkten nach Stuttgart oder Erlangen fährst oder mit 5:5 oder 8:8 Zählern. Ein guter Start gibt Rückenwind und Selbstvertrauen. Hinzu kommen in dieser Runde einfach konstant ordentliche, gute Torwartleistungen. Ohne diese Paraden hast du keine Chance. Das ist der größte Unterschied zur Vorsaison.

Auch die Abwehr steht gut, Luft nach oben gibt es aber im Positionsangriff und vor allem im Tempospiel – oder sehen Sie das anders?

Nein. Wir sind sicherlich nicht zufrieden mit dem Ballfluss, mit der Passgeschwindigkeit und mitunter auch mit dem Druck aufs Tor. Auch beim Tempospiel gibt es sicherlich noch Luft nach oben, wir lassen den Ball im Gegenstoß nicht lange genug am Leben. Auch darf unser Überzahlspiel noch mutiger werden. An diesen Themen arbeiten wir und freuen uns, wenn wir hier besser werden. 

Ben Matschke und sein erfahrenster Spieler, Marcel Schiller (li.). Foto: Pressefoto Baumann

Das Kreisläuferspiel ist auch alles andere als optimal?

Wenn man definiert, dass ein Kreisläufer Vollstrecker sein muss, stimmt das vielleicht, und es bleibt auch ein Entwicklungsfeld.

Aber?

Wir haben mehr Tore über den Kreis erzielt, als das im letzten Jahr von Kresimir Kozina unter Trainer Markus Baur in Göppingen der Fall war. Im Schnitt kam er auf 2,3 Tore und 0,9 herausgeholte Siebenmeter pro Spiel, da sind wir mittlerweile drüber. Außerdem hat sich das Kreisläuferspiel verändert. Der Kreisläufer hat immer mehr andere Funktionen, als nur Tore zu werfen. Er muss Räume öffnen, für die Rückraumspieler Platz schaffen. Ich bin sehr zufrieden mit der Entwicklung meiner Kreisläufer, sie machen kaum noch technische Fehler. Ludvig Jurmala ist bei fast 80 Prozent Wurfquote. Auch Ymir Gislason macht es immer besser.

Das Restprogramm bis zum Jahresende ist mehr als happig. Wie sehr helfen die bereits erreichten 12:10 Punkte bei diesen schweren Aufgaben?

Die Mannschaft glaubt durch die Erfolge noch mehr an sich. Sie glaubt, dass sie genügend Qualität hat, gegen jeden Gegner zu punkten. Zudem ist es eben ein großer Vorteil, dass wir im zweiten Jahr zusammen sind. In ihrem ersten Bundesligajahr fragten sich unsere Neuen vor einem Spiel in Kiel: Wow, was passiert denn da? Im zweiten Jahr wollen sie solche Spiele eng gestalten, und im dritten wollen sie dort gewinnen. Das ist ein Prozess, den eine junge Mannschaft geht.

Wird die Entwicklung durch den bevorstehenden Abgang von Spielmacher Ludvig Hallbäck in der neuen Saison nicht entscheidend gebremst?

Wir waren mehrere Monate mit ihm im Austausch. Wir verstehen aber seinen Wunsch, dass er den nächsten Schritt in seiner Karriere gehen möchte und international am Ball sein will. Das ist legitim. Genauso legitim ist es, dass wir uns nach Alternativen umschauen. Das ist uns mit der Verpflichtung von Ole Pregler erfolgreich gelungen. Mit ihm und mit Elias Newel haben wir ein unfassbar spannendes Rückraum-Mitte-Duo, um das uns viele in der Liga beneiden.

Wie wollen Sie die Torgefahr von Hallbäck kompensieren?

Wir haben den jungen Hallbäck 2024 als 23-Jährigen geholt, der davor in der Rückrunde in Silkeborg wenig gespielt hatte. Jetzt verpflichten wir wieder einen 23-Jährigen, einen U-21-Weltmeister, der alle Fähigkeiten mitbringt, sich dauerhaft als Leader durchzusetzen. Ich habe großes Vertrauen, dass auch Ole Pregler den Weg geht.

Es laufen noch weitere sieben Verträge aus. Wie ist der aktuelle Stand bei Julian Buchele, Tim Goßner, Oskar Sunnefeldt, Marcel Schiller, Rutger ten Velde, Ludvig Jurmala und David Schmidt?

Wir versuchen in den nächsten Wochen die Gespräche zu intensivieren und sind zuversichtlich, dass wir auch den ein oder anderen Vollzug melden können.

Täuscht die Vermutung, dass Linkshänder Schmidt und Kreisläufer Jurmala durch neue Spieler ersetzt werden?

Die Entscheidung treffe ja nicht ich allein. Da gehören das Umfeld des Spielers und auch finanzielle Aspekte dazu. Grundsätzlich vertraue ich dem Kader und bin überzeugt, dass wir in dieser Konstellation den nächsten Schritt gehen können. Wenn einer mal nicht in Form ist, muss man nicht gleich per se den nächsten Umbruch fordern. Wir haben eine tolle Mannschaft mit einem tollen Charakter, die besser werden will und mit der ich zum Großteil gerne weiterarbeiten möchte. 

Was wünschen Sie sich für die acht ausstehenden Spiele bis zum Jahresende?

Dass wir weitere Schritte gehen und man das an den Ergebnisse in den Spielen auch sehen kann – damit wir dieser Arena in Göppingen und unseren einzigartigen Fans noch etwas Cooles zurückgeben können bis zum Jahresende.

Das Saisonziel bleibt unverändert?

Wir wollen besser werden als letztes Jahr. Wir hatten in der vergangen Saison zehn Punkte zur Halbzeit nach 17 Spieltagen, da sind wir schon mal drüber. Das heißt, wir haben bereits ein Teilziel erreicht.

Das Pokal-Aus daheim gegen das in der Bundesliga sieglose Kellerkind SC DHfK Leipzig lässt sich aber nicht mehr gutmachen.

(Atmet tief durch) Mir tun Niederlagen allgemein weh, aber diese Chance daheim nicht genutzt zu haben, das ist nicht nur ärgerlich, das schmerzt so unglaublich. Aber: So ein Einschlag muss manchmal richtig wehtun, damit man weiß, wie man sich beim nächsten Mal abstützt.

Zur Person

Karriere
Benjamin „Ben“ Matschke kam am 19. Juli 1982 in Heilbronn zur Welt. Als Kind spielte er zunächst Fußball beim VfR Heilbronn. Mit Handball begann er im B-Jugend-Alter beim TSV Weinsberg. Drei Jahre lang spielte Matschke in Weinsberg unter Trainer Thomas König in der Oberliga. Gemeinsam mit König wechselte er 2003 zum TV Kornwestheim in die zweite Liga. In der Saison 2004/05 spielte Matschke mit einem Zweitspielrecht für den VfL Pfullingen in der Bundesliga. Weitere Stationen als Spieler waren HBR Ludwigsburg und TSG Friesenheim (heute Eulen Ludwigshafen). Mit den Eulen feierte er 2010 den Bundesliga-Aufstieg. Trainerstationen: TV Hochdorf (2013 bis 2015), TSG Friesenheim (2015 bis 2021), HSG Wetzlar (2021 bis November 2022). Seit 1. Juli 2024 ist er Trainer bei Frisch Auf Göppingen, seit der Saison 2025/26 auch formal in einer Doppelrolle als Sportlicher Leiter tätig.

Persönliches
Matschke ist an einem halben Tag in der Woche Lehrer an einem Wirtschaftsgymnasium in Schwetzingen für die Fächer BWL, VWL und Sport. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder (Leni/13 und Hannes/11). Die Familie wohnt in Heddesheim. (jüf)

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