Frisch Auf Göppingen Ein starker Zerstörer ist nicht genug

Von Jürgen Frey 

Im Spiel kennt er keine Verwandten: Jacob Bagersted hält die Abwehr von Handball-Bundesligist Frisch Auf Göppingen mit viel Leidenschaft zusammen, dennoch setzt es gegen die Rhein-Neckar Löwen ein 25:28.

Ein Mann voller Entschlossenheit: Frisch-Auf-Profi Jacob Bagersted (re.) stellt sich Rhein-Neckar-Löwe Andy Schmid entgegen. Foto: Baumann
Ein Mann voller Entschlossenheit: Frisch-Auf-Profi Jacob Bagersted (re.) stellt sich Rhein-Neckar-Löwe Andy Schmid entgegen. Foto: Baumann

Göppingen - Jacob Bagersted wickelt sich schweißüberströmt das Tape von den harzigen Fingern, dann dreht er sich auf dem Weg in die Kabine noch einmal um und zeigt in die Halle: „Wahnsinn, wie uns die Zuschauer heute gefeiert haben. Trotz der Niederlage“, sagt der Abwehrchef von Frisch Auf Göppingen. Der Handball-Bundesligist hatte den Rhein-Neckar Löwen einen packenden Kampf geliefert – am Ende setzten sich Cleverness und Klasse des Vizemeisters durch. „Schade, da war mehr drin“, ärgerte sich Bagersted nach dem 25:28 (12:15).

Der Abwehrchef hatte trotz der Heimpleite einen starken Auftritt hingelegt. Und das in einem Spiel, das für ihn, als den zentralen Deckungsspieler, die größtmögliche Herausforderung darstellte. Denn es ging für ihn darum, die beste Angriffsachse der Liga zu stoppen: Den genialen Spielmacher Andy Schmid und Kreisläufer-Koloss Jannik Kohlbacher. Das gelang sehr gut: Beide kamen nur auf jeweils zwei Tore. Ihr Schnitt liegt bei vier bis fünf Treffern. Dass Frisch Auf vor 5100 Fans dennoch die Überraschung verpasste, hatte andere Gründe: Es lag an der Treffsicherheit des überragenden Löwen-Linksaußen Jerry Tollbring (10/4 Tore) und der eigenen schwachen Chancenverwertung, zu der Löwen-Keeper Mikael Appelgren mit einer Weltklasse-Leistung entscheidend beitrug.

Nur Bagersted hatte den gegnerischen Torhüter im Griff, überwand ihn bei seinen drei Würfen dreimal. Dabei ist das Toreschießen gar nicht sein Hauptjob. Vorne spielt meistens Kreisläufer-Kollege Kresimir Kozina. Bagersted ist einer der Handballer, die eine zerstörerische Leidenschaft mitbringen.

Der Däne gewinnt das Duell gegen Kohlbacher

Der Defensivspezialist ringt vorzugsweise am eigenen Kreis mit seinem muskelbepackten Körper um jeden Zentimeter. Er ist einer dieser Türme in der Abwehrschlacht, denen in früheren Zeiten fast Verachtung entgegenschlug, weil manche allein den Angriff als hohe Kunst betrachteten. Im modernen Handball werden Leute wie Bagersted, der zudem noch ungemein schnell auf den Beinen ist, dagegen geschätzt und verehrt. Als der 1,94 m große und 111 kg schwere Däne den 1,93 m großen und 114 kg schweren deutschen Nationalspieler Kohlbacher am Samstag festmachte, ein paar Zentimeter in die Luft hob und ihn dann wie ein Möbelpacker neben sich stellte, johlten die Zuschauer vor Begeisterung.

„Ich trage gerne viel Verantwortung. Diese zentrale Rolle liegt mir und macht mir Spaß“, sagt der Vize-Kapitän. Der Kampfgeist ist ihm in die Wiege gelegt. Der 31-Jährige musste sich von frühester Jugend an durchbeißen. Er wuchs im Kopenhagener Brennpunkt Vesterbro auf. „Da lebten zwei Prozent Dänen, 98 Prozent der Leute hatten Migrationshintergrund“, erzählt Bagersted. Mit vier Jahren verließ sein Vater die Familie, bis heute hat er keinen Kontakt zu ihm. Bagersted war nicht kriminell, er drohte aber auf die schiefe Bahn zu geraten. Sechsmal musste er die Schule wechseln. „Ich war mit 14 Jahren schon 1,90 m groß und hatte unglaublich viel Energie, nur leider nicht für die Schule“, erinnert er sich. Seine überschüssigen Kräfte reagierte er auch im Boxverein ab. Doch seine Rettung war der Handball.

Bagersted macht eine Ausbildung zum Vermögensberater

Seine Jugendtrainerin bei Ajax Kopenhagen übernahm auch erzieherische Aufgaben. Das fruchtete. Bagersted begann eine Ausbildung als Maler. Sportlich nahm seine Karriere richtig Fahrt auf. Mit 16 stand er im Kader der ersten Mannschaft, das Junioren-Nationalteam lockte. Später holte ihn der heutige Löwen-Trainer Nikolaj Jacobsen aus Kopenhagen zu Aalborg Handbold. Bagersted absolvierte 32 A-Länderspiele. Und 2017 folgte der Sprung zu Frisch Auf.

In Göppingen spielt Bagersted nicht nur Handball, er macht auch eine Ausbildung zum Vermögensberater. Er fühlt sich mit Frau Tina und Töchterchen Alba (3) rundum wohl. Bei seiner vorherigen Station beim SC Magdeburg (2014 bis 2017) war dies lange Zeit auch der Fall, doch am Ende spielte er bei Trainer Bennet Wiegert keine Rolle mehr. Der SCM-Coach setzte lieber auf über zwei Meter große Abwehrriesen. Irgendwie passt das in die Vita von Jacob Bagersted: „Du musst im Leben auch auf die Fresse bekommen, um Erfolg zu haben“, sagt er, „ohne Wunden geht es nicht.“

Frisch Auf Göppingen profitiert davon – auch wenn es, wie im Derby gegen die Löwen, nicht immer zum Sieg reicht.