Ein bisschen Aufbauarbeit konnte nach diesem Debakel nicht schaden. Am Tag nach dem 25:35 von Handball-Bundesligist Frisch Auf Göppingen beim ThSV Eisenach steckten Trainer Ben Matschke und sein Spielmacher Ludvig Hallbäck unter vier Augen die Köpfe zusammen. Nachdem die Mannschaft und ihr Denker und Lenker erstmals in dieser Saison über 60 Minuten so richtig die Grenzen aufgezeigt bekommen hatte, ging es vor allem um das Thema Kommunikation. „Es herrschte ein Höllenlärm in Eisenach, man hat über fünf Meter kein Wort verstanden. Deshalb müssen wir und speziell Ludvig in solchen Situationen über Zeichen, Mimik und Gestik kommunizieren“, sagte Matschke vor der wichtigen Partie am Freitag (19 Uhr) gegen 1. VfL Potsdam.
Das Duell mit dem Aufsteiger geht in der gewohnten Heim-Atmosphäre über die Bühne. In der EWS-Arena will Hallbäck wieder an seine starken Vorstellungen vor dem Eisenach-Spiel anknüpfen. In der Liga rieben sich einige verwundert die Augen: Da kommt ein junger Spieler mit 23 Jahren in ein fremdes Land, in eine neue Liga, zieht sich in der Vorbereitung zudem noch eine Innenbandverletzung am Knie zu – und startet dann ab dem zweiten Spieltag in der Handball-Bundesliga so richtig durch.
Bester Frisch-Auf-Werfer
Regelmäßig zog der spielintelligente Schwede im Angriff gekonnt die Fäden, ging mutig in Eins-gegen-eins-Situationen, brachte auch unter Vollkontakt im letzten Moment noch präzise Pässe an seine Mitspieler – und strahlte selbst Torgefahr aus: Mit 35 Treffern ist er bester Torjäger seines Teams.
Natürlich erleidet auch Hallbäck Rückschläge wie in Eisenach, natürlich rutscht auch er in guten Spielen in Phasen rein, in denen nicht alles rund läuft. In denen er zu viel will, unnötige Laufwege auf sich nimmt, statt schnell zu passen und auch mal zu schnell den Abschluss sucht. Doch das sind bisher die Ausnahmen. Weshalb sich unweigerlich die Frage stellt: Wie gelang es Frisch Auf, dieses Juwel vom dänischen European-League-Teilnehmer Bjerringbro-Silkeborg an Land zu ziehen? Warum sicherte sich nicht ein Spitzenteam die Dienste dieses Ausnahmehandballers, von dem Trainer Ben Matschke sagt: „Er hat ganz einfach das Spiel verstanden.“
Abwehrstärke nächster Schritt
Die Antwort ist zweigeteilt. Zum einen fehlen Hallbäck zu einem rundum kompletten Spitzenhandballer noch die nötigen Abwehrqualitäten. Wenn überhaupt – und nur im Notfall – deckt er auf Außen. Zum anderen sieht er selbst in Göppingen optimale Entwicklungsmöglichkeiten: „Ich hatte von Anfang an ein gutes Gefühl. Ich bekomme viele Spielanteile und darf Verantwortung übernehmen.“ Und zwar viel Verantwortung. Schließlich kommt dem Rechtshänder die vertrauensvolle Aufgabe zu, Urgestein Tim Kneule (Karriereende nach 18 Jahren bei Frisch Auf) in der Rückraumzentrale zu ersetzen und damit der verlängerte Arm des Trainers auf dem Spielfeld zu sein.
„Wir haben uns intensiv mit dem skandinavischen Raum beschäftigt und hatten Ludvig früh auf dem Zettel, da er schon im Alter von 17, 18 Jahren tragende Rollen übernommen hat“, erklärt Göppingens Sportlicher Leiter Christian Schöne. Die schwedische U-18-Nationalmannschaft führte Hallbäck 2018 zum EM-Titel. Bei Istads YF spielte er früh in der ersten schwedischen Liga, auch zusammen mit seinem älteren Bruder Anton (28), der aktuell bei IFK Kristianstad am Ball ist.
Aus einer Handballerfamilie
Beide wurden geprägt von ihrem Vater Jerry. Er war Mitglied der Topmannschaft von Redbergslid IK, die von 1993 bis 2001 sieben schwedische Meistertitel holte. In seinen 28 Länderspielen für Schweden war der EM-Titel 1994 der Höhepunkt. Der Papa spielte am Kreis, Ludvig versucht irgendwann einmal in die riesigen Fußstapfen der großen schwedischen Spielmacher Magnus Wislander, Stefan Lövgren, Ljubomir Vranjes oder Magnus Andersson (2014 bis 2017 Frisch-Auf-Trainer) zu treten.
Dass dies noch ein ganz langer und steiniger Weg wird, steht völlig außer Frage. Doch dass die Richtung stimmt, zeigt auch seine erstmalige Nominierung für die A-Nationalmannschaft seines Heimatlandes. Der neue Nationaltrainer Michael Apelgren (40) nominierte Ludvig Hallbäck für die Länderspiele in Orleans gegen Frankreich (6. November) und daheim in Linköping gegen Dänemark (10. November). „Ich freue mich riesig darüber, und es zeigt auch, dass ich mit meinem Wechsel in die deutsche Bundesliga zu Frisch Auf die richtige Entscheidung getroffen habe“, sagt der ehrgeizige Rückraumspieler.
Das klingt nach einer klassischen Win-win-Situation.
Termine
Pflichtspiele
Frisch Auf Göppingen – HSV Hamburg 25:25, THW Kiel – Frisch Auf 33:24, SG Flensburg-Handewitt – Frisch Auf 37:32, Frisch Auf – TSV Hannover-Burgdorf 31:33, Füchse Berlin – Frisch Auf 37:36/DHB-Pokal, SC Magdeburg – Frisch Auf 31:24, Frisch Auf – VfL Gummersbach 24:24, Frisch Auf – SG BBM Bietigheim 30:25, ThSV Eisenach – Frisch Auf, Frisch Auf – 1. VfL Potsdam (1. November, 19 Uhr), SC DHfK Leipzig – Frisch Auf (17. November, 16.30 Uhr), Frisch Auf – Rhein-Neckar Löwen (23. November, 20.30 Uhr), HC Erlangen – Frisch Auf (29. November, 19 Uhr), TVB Stuttgart – Frisch Auf (5. Dezember, 19 Uhr), Frisch Auf – TBV Lemgo Lippe (8. Dezember, 16.30 Uhr), Frisch Auf – HSG Wetzlar (15. Dezember, 15 Uhr), Füchse Berlin – Frisch Auf (22. Dezember, 16.30 Uhr), Frisch Auf – MT Melsungen (27. Dezember, 19 Uhr). (jüf)