Frisch Auf Göppingen - TVB Stuttgart Zwei Blöcke treffen auf Multi-Kulti

Von Jürgen Frey 

Frisch Auf Göppingen und der TVB Stuttgart legen Wert auf regionale Identität. Dennoch gibt es in den Kadern der Handball-Bundesligisten Unterschiede. Eine Analyse vor dem Derby an diesem Sonntag (13.30 Uhr/EWS-Arena) mit Blick auf Blockbildung und Mentalität.

Die  württembergischen Handball-Derbys sind hart umkämpft: Hier versucht sich TVB-Linkshänder  Robert Markotic gegen die Frisch-Auf-Spieler Ivan Sliskovic (li.) und Jacob Bagersted durchzusetzen. Foto: Baumann 17 Bilder
Die württembergischen Handball-Derbys sind hart umkämpft: Hier versucht sich TVB-Linkshänder Robert Markotic gegen die Frisch-Auf-Spieler Ivan Sliskovic (li.) und Jacob Bagersted durchzusetzen. Foto: Baumann

Stuttgart - Es ging um viel für Frisch Auf Göppingen gegen GWD Minden. Um sehr viel. Nach 0:8 Punkten musste am vergangenen Donnerstag unbedingt ein Sieg her. Und in welcher Formation ging der Handball-Bundesligist in dieses Schicksalsspiel? Mit einer württembergischen Auswahl plus dem Kroaten Kresimir Kozina. „Das ist eine coole Geschichte und macht uns schon stolz“, sagte der Sportliche Leiter Christian Schöne nach dem 26:23-Erfolg zur schwäbischen Blockbildung. Wo die Wurzeln der Frisch-Auf-Profis genau liegen? Linksaußen Marcel Schiller begann beim TSV Dettingen/Erms, der linke Rückraumspieler Sebastian Heymann lernte das Handball-ABC beim TSB Horkheim, Spielmacher Tim Kneule kam von der JSG Neuhausen/Metzingen zu Frisch Auf, der Halbrechte Nicolai Theilinger ist beim TSV Köngen groß geworden, Rechtsaußen Marco Rentschler bei der SG BBM Bietigheim und Torwart Daniel Rebmann startete bei den Minis des TV Echterdingen.

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Das bringt Vorteile. Vor allem in Sachen Sprache und Identifikation. Die Fans freuen sich über den regionalen Zuschnitt ihres Teams und Daniel Rebmann sagt ganz offen. „Ich glaube schon, dass wir Eigengewächse für unseren Herzensverein vielleicht noch einen Ticken mehr geben.“ Gerade in einem Derby wie an diesem Sonntag (13.30 Uhr/EWS-Arena) gegen den TVB Stuttgart.

Individuelle Qualität und Persönlichkeit zählen

Auch beim Nachbarn wird auf eine gesunde Mischung der Mannschaft geachtet. „Unser Ziel ist es, immer fünf Spieler aus der Region im Kader zu haben“, stellt Geschäftsführer und Trainer Jürgen Schweikardt klar. Die hat der TVB in Torwart Nick Lehmann, Dominik Weiß, Manuel Späth, Max Häfner und Patrick Zieker. Hinzu kommen die Nordbadener David Schmid und Sascha Pfattheicher. „Wir wollen den regionalen Charakter, aber letztendlich zählt die individuelle Qualität und die Persönlichkeit des Spielers“, sagt Schweikardt, „ob der dann aus Schleswig-Holstein kommt, aus Island oder Ungarn spielt keine Rolle. Wir sind alles Europäer.“

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Bei Frisch Auf gibt es neben dem „Schwaben-Block“ eine zweite starke Fraktion aus dem ehemaligen Jugoslawien (Kresimir Kozina, Ivan Kastelic, Ivan Sliskovic, Josip Peric, Nemanja Zelenovic). Diese Ausrichtung war unter Ex-Trainer Velimir Petkovic (2004 bis 2013) bisweilen sogar noch stärker ausgeprägt, besonders über das Netzwerk von Frauen-Trainer und -Geschäftsführer Aleksandar Knezevic existieren auch heute noch besonders intensive Kontakte auf den Balkan. Beim TVB wiederum verteilt sich die Kader-Zusammensetzung auf viel mehr Nationen: Die Spieler kommen aus der Schweiz, Mazedonien, Kroatien, Schweden, Ungarn und Island.

Handball ist ein Detailsport

Um dem Sprachen-Wirrwarr zu entkommen, wird deshalb derzeit noch auf Englisch kommuniziert. „Die Sprache ist anfangs sicher das größte Problem. Denn Handball ist ein Detailsport. Wenn ich bei einer Kreuzung drei Zehntelsekunden zu spät komme, ist der Spielzug im Eimer“, erklärt Schweikardt. Bei Frisch Auf kann sich der Rückraum entweder auf Schwäbisch, oder – wenn Sliskovic, Peric und Zelenovic spielen – auf Serbokroatisch verständigen. „Es ist natürlich schon ein Vorteil, wenn sich die Spieler untereinander absprechen können – und der Gegner versteht es nicht einmal“, sagt der ehemalige Bundesligatrainer Rolf Brack.

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Die Sprache ist ein Aspekt, die Spielphilosophie in den jeweiligen Heimatländern der andere. So wird im ehemaligen Jugoslawien oftmals wenig über die Außen gespielt, die Priorität liegt auf dem Rückraum, die Spieler zieht es zur Mitte. Die Skandinavier dagegen machen das Spiel breit. Bestes Beispiel ist die „Skandinavien-Auswahl“ der SG Flensburg-Handewitt: Kein anderes Team erzielt mehr Tore über die Außen als der deutsche Meister von 2018 und 2019. „Haben mehrere Spieler eine Spielweise von klein auf verinnerlicht, macht es das für einen Vereinstrainer einfacher“, weiß Brack, für den aber etwas anderes der entscheidende Erfolgsfaktor ist: Die Einstellung. „Mentalität schlägt Klasse“, lautet sein Credo.

Unter Druck Höchstleistung bringen

Auch diesbezüglich gibt es bestimmte landsmannschaftliche Klischees – oder steckt mehr dahinter? „Bei Spielern aus dem Balkan-Gebiet gibt es häufig den Ego-Vorwurf. Außerdem sind sie wie ein gutes Pferd und springen oft nicht höher, als es sein muss“, nennt Rolf Brack seine Erfahrungen. Was sich auch positiv auswirken kann: Sie besitzen die Fähigkeit, in besonderen Spielen, unter großem Druck, Höchstleistungen abzurufen.

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Als Vorzeige-Teamplayer gelten dagegen die Spieler aus Skandinavien und Island mit ihrer Wikinger-Mentalität. Brack: „In Sachen Einstellung sind sie einzigartig.“ In Göppingen verkörpert der dänische Abwehrchef Jacob Bagersted diese Leader-Rolle überragend, aber auch der Kroate Kozina reißt sein Team mit Herz und Leidenschaft mit.

Multi-Kulti bei Eintracht Frankfurt

Das zeigt: Es lassen sich nicht alle Sportler einer Nation über einen Kamm scheren. „Unser Isländer ist enorm impulsiv, unser Mazedonier extrem ruhig“, nennt Jürgen Schweikardt ein Beispiel. Dass aus einer ausgeprägten Heterogenität ein homogener Haufen werden kann, zeigen die Fußballer von Eintracht Frankfurt: Die Multi-Kulti-Truppe aus 17 verschiedenen Nationen stürmte vergangene Saison bis ins Europa-League-Halbfinale. „Aber Handball ist nicht Fußball“, sagt Schöne und verweist auf das Derby am Sonntag: „Da stehen über zehn Schwaben auf dem Feld, und ich weiß nicht, ob bei Schalke gegen Dortmund auch nur ein Westfale dabei ist?“

Es gibt einige Spieler, die haben in ihrer Karriere für Frisch Auf Göppingen und den TV Bittenfeld bzw. TVB Stuttgart gespielt. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie!