Friseur für Stuttgarter Obdachlose Mit der Frisur Würde schenken

Alle zwei Wochen wird die Kleiderausgabe der Franziskusstube zum Friseursalon von Manuel Kuray. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Manuel Kuray schneidet obdachlosen Menschen in Stuttgart kostenlos die Haare. Für die kann der richtige Haarschnitt einen Platz im Warmen bedeuten – oder einfach gut auszusehen.

Schönheit bedeutet Manuel Kuray viel. Sie beschäftigt ihn, wenn er durch Stuttgart geht, in die Gesichter der Passanten blickt. Wenn er Schönheit in ihnen sieht – und er sehe sie in allen Menschen, sagt er. Und wenn er dann doch denkt: „Die könnten noch positiver aussehen.“ Dann fragt er sich, mit welchem Haarschnitt er ihnen die Schönheit entlocken könnte. Weil er es liebt, solchen Gedankenspielen nachzuhängen, ist er vor 15 Jahren Friseur geworden.

 

Für Schönheit lässt die nüchterne Praktikabilität der Kleiderausgabe der Franziskusstube wenig Platz. Ein Raum wie ein Schlauch, Pullover stapeln sich auf schlichten Holzregalen an der linken Seite, an der rechten hängen Jacken an einer Kleiderstange, die Wände schmucklos. Jede zweite Woche aber, wenn Schwester Margret den Holzstuhl aus der Kammer trägt, schafft sie Platz für etwas Schönheit. Dann rollt sie den Drehstuhl hinein, legt Schere, Haarschneidemaschine und den feinzinkigen Kamm auf den Biertisch. Dann steht Manuel Kuray – elegantes schwarzes Hemd, silberne Armbanduhr am Handgelenkt, akkurater Haarschnitt –, nicht wie sonst im Salon „Turbulenzen“ im Stuttgarter Westen, sondern schneidet hier einige Stunden lang die Haare obdachloser Menschen. Und dann bezahlen die Männer, die nach dem Frühstück in der Franziskusstube auf ihn warten, für einen Haarschnitt von Kuray keine 32 Euro wie im Salon, und die Frauen auch keine 52 Euro, sondern nichts.

Vorher ist er an Obdachlosen vorbeigelaufen, jetzt grüßen sie ihn

„Wie geht’s dir, Manuel?“ Der Mann legt sich den blauen Umhang über die Schultern. Man kennt sich. Seit vier Jahren schneidet Kuray ehrenamtlich bei der Stuttgarter Tafel Haare. Eine Bekannte, die damals dort arbeitete, hatte ihn angesprochen. Ob er sich das nicht vorstellen könne. Inzwischen hat er Stammkundschaft in der Kleiderkammer. Wenn Kuray jetzt in Stuttgart an einem Obdachlosen vorbeigeht, dann grübelt er nicht mehr nur, welcher Haarschnitt gut an ihm aussehen würde. Dann wird er auch oft gegrüßt.

Ein Waschbecken gibt es in der Kleiderkammer nicht. Kurays Kunden waschen sich deshalb vorher selbst die Haare mit Shampoo. Hat ihn das zu Beginn abgeschreckt? „Gar nicht. Berührung ist Alltag für mich“, sagt er. Heute soll Manuel Kuray aber nur Konturen schneiden, das geht trocken. „Vor allem die vorne, bitte. Die Haare werden immer dünner und die wenigen stehen hoch“, sagt der Mann auf dem Drehstuhl. Er schließt die Augen, als Kuray die Schere über dem Ohr ansetzt. „Keinen Urlaub gemacht?“, fragt er Kuray als die ersten Haarspitzen zu Boden fallen. Die Züge, die das 9-Euro-Ticket so gefüllt hat; die Störung, die die Stuttgarter S-Bahn zum Schulbeginn lahmlegte – es sind klassische Small-Talk-Themen, die die beiden Männer streifen. Sätze über Schienenverkehr, die mehr sind als belanglose Plauderei. „Für viele Menschen auf der Straße ist es schon wichtig, nur vorbeizukommen, um reden zu können“, sagt Harry Pfau.

Pfau, Markenzeichen weißer Vollbart und Halbglatze, hat selbst 13 Jahre lang auf der Straße gelebt. Nach dem Termin steht Kuray mit ihm vor Harrys Bude, wo Pfau Essen neben der Marienkirche verteilt, nur wenige Meter von der Franziskusstube entfernt. Auch die beiden Männer kennen sich, wie Kuray inzwischen viele der Ehrenamtlichen in der Stuttgarter Obdachlosenhilfe kennt. Es ist eine Welt, an der er einst nur vorbeigelaufen ist. „Hast du das mit dem Obdachlosen gehört, der mit Farbe besprüht worden ist“, fragt er jetzt Pfau. „Ganz schlimm.“

Dass die Gespräche zwischen Pulloverstapeln und Kleiderstange aber nicht beim Small Talk aufhören, dass die Menschen, die auf dem kleinen Drehstuhl sitzen, auch darüber reden, ob sie gesund sind, wie es ihnen geht – das sei besonders, sagt Pfau: „Die Leute auf der Straße sind vorsichtig. Die wollen keine Daten preisgeben. Das braucht Zeit. Dann bekommst du auch mal Sachen von einem mit, die der sonst keinem erzählt.“ Er nickt in Richtung Kuray: „Ihm wird vertraut. Aber wenn er einmal etwas weitererzählt, dann ist er verbrannt. Dann kann er wieder ganz normal Friseur machen, für Geld. Aber nicht hier.“

Der richtige Haarschnitt kann einen Platz im Warmen sichern

Wenn die Konturen der Frisur wieder sichtbar sind, der Drehstuhl aus der Kleiderkammer verschwunden, dann hat Manuel Kuray das Gefühl, seinen Kunden nicht nur einen schönen Haarschnitt, sondern Selbstbewusstsein geschenkt zu haben. „Einen gewissen Lebensmut“, sagt er. „Viele wissen ja gar nicht, wie gut sie aussehen.“

Selbstbewusstsein, Lebensmut, positive Einstellung – Schönheit bedeutet Kuray viel, ist für ihn mehr als Oberfläche. Geht es bei dem, was er tut, auch um Würde? „Richtig“, sagt Kuray. Oder vielleicht bei einigen um die Erinnerung an das Leben vor der Straße? „Genau“, sagt Kuray. Aber erst als er darüber spricht, Schönheit mit seiner Schere hervorzuholen, lächelt er.

Auch für Menschen auf der Straße ist Aussehen bedeutsam, sagt Pfau: „Kommt einer relativ gepflegt, kann er auch mal wo reinsitzen. Die Leute behandeln den anders. Da sind die Berührungsängste nicht da.“ Und dann sind da noch die Menschen ohne Wohnung, für die Kurays Haarschnitte all das überhaupt nicht leisten müssen, um wertvoll zu sein – kein Selbstbewusstsein oder gar Lebensmut spenden, keinen Platz im Warmen sichern. „Für manche“, sagt Harry Pfau „ist es auch das Aussehen.“

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