Er kämmt und kämmt und kämmt, Andreas Contino beim Friseur-Marathon. Foto: Eibner-Pressefoto/Schwering
24 Stunden lang hat Andreas Contino in Sindelfingen jedermann gratis die Haare geschnitten. Und nebenbei verraten, was ein Fußballer und ein Friseur gemeinsam haben.
Die Lider werden schwer, aber die Arme sind noch leicht an diesem Montagvormittag: Seit 18 Stunden arbeit der Friseur Andreas Contino am Stück in seinem Salon Barberia Bel Hair in Sindelfingen. Er und sein Kollege Salvatore Manciaracina wollen mit dem 24-Stunden-Gratis-Dauerhaareschneiden nicht ins Guiness-Buch der Rekorde und auch nicht ins Fernsehen – sie wollen nur zwischen den Feiertagen Leuten helfen, die wenig Geld haben. Zudem möchte Andreas Contino seiner Tochter Rosalia etwas zukommen lassen, die seit zwei Wochen auf der Welt ist und den Inhalt der Spendenkasse bekommen soll, die auf dem Frisiertisch liegt.
Der VfB-Spieler Eliot Bujupi hat den Friseuren Salvatore Manciaracina (links) und Andreas Contino ein Trikot dagelassen. Foto: Eibner-Pressefoto/Schwering
Ist das nicht heftig, mit einem ganz kleinen Kind, das einen eh die ganze Nacht wachhält, jetzt auch noch die Nacht von Sonntag auf Montag durchzumachen? „Wieso?“ fragt Contino, „ich bin im Training.“ Und von Training versteht er viel.
Es ist Montag, 9 Uhr, drei Kunden sind da, Jungs von den Fußball-Mannschaften, die er betreut. Seit Sonntag um 15 Uhr sind die beiden Friseure auf den Beinen, der Strom der Kunden ist nie abgerissen, nur am frühen Montagmorgen war zwischen 5 und 6 Uhr niemand da, und in dieser Stunde haben die beiden Männer geputzt und desinfiziert und auch kurz die Beine hochgelegt – denn 24 Stunden lang Haare schneiden, heißt auch 24 Stunden stehen.
Andreas Contino kommt aus einem Familienbetrieb in Aidlingen, sein Vater stammt aus Sizilien. Seit Andreas acht Jahre als ist, hat er im Laden helfen müssen. Aber einmal wollte er hoch hinaus und träumte nach seiner Lehre bei den Eltern von einer Profi-Fußballkarriere, spielte Oberliga in Pforzheim, und weil man gerade als Friseur ehrlich in den Spiegel zu schauen pflegt, sagt er: „Ich war nicht gut genug“. Er wurde Trainer in Cannstatt und Stuttgart-Münster, jetzt ist er Co-Trainer in Ehningen, und wenn seine Mannschaft über den Rasen rast, dann rasiert er im Salon in der Grabenstraße die Kundschaft und frisiert sie.
Neben dem Handwerk, neben penibler Sauberkeit, macht die Fähigkeit der Kommunikation einen guten Friseur aus. Und selbst jetzt, nach 18 Stunden Dauerschneiden, führt er sein Kundengespräch: „Wie trägst du deine Haare sonst? Welche Länge möchtest du?“
Klare Anweisungen – klare Resultate
Am liebsten ist ihm, wenn man genaue Anweisungen gibt. „Das ist wie bei einem Maler“, sagt er, „dem erklärt man auch, ,ich möchte diese Wand rot haben’ und sagt nicht ,streich mal irgendwas rot an’, um sich hinterher dann doch für Weiß zu entscheiden.“ Apropos Farbe: Wie wäre es, die grauen Haare etwas zu retuschieren? „Was ist schöner?“, fragt er zurück: „eine weiße Gardine oder eine schwarze?“
Klare Anweisungen ergeben bei Andreas Contino klare Resultate. Und wenn ein Kunde mal wirklich nicht zufrieden ist? „Sind sie“, sagt Contino. Man merkt, von Haarspaltereien hält er nicht viel. Von seinem Vater hat er gelernt, dass in Deutschland drei Ausdrücke wichtig sind. Nummer eins: „Jawoll!“, Nummer zwei: „Kein Problem!“ und Nummer drei: „Machen wir!“ Was das Gespräch auf die neueste Generation der Deutschen lenkt, die wohl etwas anders drauf ist: „Die haben mir zu viele Ws in den Sätzen“, sagt er, wie etwa „Warum soll ich das jetzt machen?“ Es ist zum Haare raufen.
Nicht über Politik reden
Schließlich gibt es noch das Gespräch während des Haareschneidens, bei dem ihm die Männer alles anvertrauen, auch das, was sie nicht mal ihren Frauen erzählen. Denn beim Friseur kann man über alles reden – außer über Fußball und Politik natürlich. Denn wer will sich schon beim Haare schneiden mit jemandem in die Haare geraten und dann auch noch mit dem Friseur? Kleiner Tipp: das Thema Bayern-München tunlichst meiden. Aber die Frage ist schon berechtigt, was ein Fußballer und ein Friseur gemeinsam haben. Die Antwort ist für Andreas Contino klar: „Immer fokussiert sein, immer positiv denken, immer Willen zeigen und auch mal was einstecken können.“
Rosalia, die sizilianische Heilige
Wobei damit nicht das Spendenkässle gemeint ist für die Tochter Rosalia, die nach einer sizilianischen Heiligen benannt ist. Jetzt macht Contino kurz Pause, gönnt sich einen Kaffee, redet mit seinen Jungs über Transfers und Trainerwechsel, streng geheim natürlich, denn genauso wie ein Friseur reden können muss, muss er auch schweigen können, denn sonst erzählt ihm ja keiner etwas.
Deswegen beantwortet er eine naheliegende Frage nicht. Nämlich die, wie es manche Kollegen schaffen, einen Haarschnitt für zehn Euro anzubieten, wenn ihm selbst bei 25 Euro für den Haarschnitt nach Steuern nur noch 15 Euro bleiben „Dazu will ich nichts sagen“, sagt er. Und wenn er gar kein Gesprächsthema mit einem Kunden findet und der Kunde lieber schweigt? Dann hat er halt einen schlechten Tag gehabt, und das ist dann auch okay.
In der Nacht um 3 Uhr war der VfB-Spieler Eliot Bujupi da, der jetzt in Belgien kickt und hat ihm zum Dank ein Trikot geschenkt: Ob Andreas Contino nicht mal daran gedacht hat, Starfriseur zur werden? Nein, denn dann müsste er Hausbesuche und Hotelbesuche machen und da wäre er zu viel unterwegs und würde seine Familie zu wenig sehen und überhaupt: „Meine Stammkunden sind meine Stars“, sagt er.
„Die Vollzugsbeamten kommen!“
Es ist 10.30 Uhr, die Straße erwacht langsam. „Passt auf!“ ruft sein Kollege Salvatore Manciaracina, „die städtischen Vollzugsbeamten kommen! Und die Kunden rennen nach draußen und werfen Geld in den Parkautomaten.
Andreas Contino arbeitet fröhlich weiter. Nur noch viereinhalb Stunden muss er durchhalten, und dann hat er es geschafft und vielleicht macht er diesen Marathon wieder einmal, vielleicht wenn ihn wieder eine neue kleine Tochter oder ein kleiner Sohn am Schlafen hindert, denn dann ist er ja wieder im Training.
Figaro, Figaro, Figaro!
Ausbildung Friseur ist ein zulassungspflichtiges Handwerk. Die Ausbildung zum Friseur dauert drei Jahre. Danach steht der Weg zum Friseurmeister offen.
Figaro Die Sitte, dem Friseur Neuigkeiten anzuvertrauen, hat den Figaro aus dem Theaterstück und der Oper: „Der Barbier von Sevilla“ zur künstlerischen Figur gemacht und auch eine Verbindung zur Tagespresse geschlagen. So heißt eine der beiden bedeutendsten Pariser Tageszeitungen „Le Figaro.“