Das symbolistisch-expressionistische Frühwerk des Künstlers Fritz Steisslinger steht im Zentrum einer aktuellen Schau der Städtischen Galerie in Böblingen.
Stadtansichten, eindrucksvolle Porträts und Winterbilder – vor zehn Jahren startete Corinna Steimel, Leiterin der Städtischen Galerie Böblingen, eine Ausstellungsreihe zum Böblinger Maler Fritz Steisslinger (1891 bis 1957). Nun fügt eine aktuelle Schau dem Bild des Künstlers eine neue Facette hinzu: „Das symbolistische Frühwerk von Fritz Steisslinger“ zeigt den Künstler von Franz von Stuck und Arnold Böcklin und später den Expressionisten beeinflusst mit biblisch-mythologischen Szenen und Selbstporträts in der Zeit von 1909 bis 1924.
Mit dem Gedanken an eine Ausstellung hatte sich Corinna Steimel schon länger getragen, aber früher waren ihr die Bildnisse mit ihrer Todesthematik und/oder expliziter Fleischlichkeit als „zu krass“ erschienen. Doch inzwischen seien „nachdenklichere“ Zeiten angebrochen, insofern passe nun das Sujet.
Jugend und erste Werke Steisslingers
1891 in Göppingen zur Welt gekommen wurde Fritz Steisslinger in eine Welt der Umbrüche geboren. Er absolvierte eine Ausbildung bei WMF als Metallgraveur und ergriff entgegen dem elterlichen Willen den Beruf des Künstlers. Doch seine Tante förderte ihn, und so besuchte er ab 1909 zunächst die Kunstgewerbeschule in München und dann die Kunstakademie. Seine Lehrer waren Fritz von Uhde und Franz von Stuck, mit dem ihn eine Freundschaft verband. Ähnlich wie bei von Stuck treten in Steisslingers ersten Bildnissen allegorische Figuren aus düsteren Hintergründen hervor. Da werden Greise und Mädchen als Symbol der Lebensalter aus verschiedenen Perspektiven präsentiert, da wird ein Toter über den Styx gerudert, in den Hintergründen mit dräuenden Sonnenuntergängen flattern unheilverkündende Vögel. In den absichtlich rätselhaft gestalteten Bildern kommt auch Unbewusstes zum Ausdruck. „Steisslinger knüpft an den Symbolismus an, als er schon am Ausklingen ist, und überführt ihn in die Moderne“, sagt Corinna Steimel. Sich selbst porträtierte Steisslinger mehrfach düster mit Totenköpfen im Schatten.
Neben der Mythologie findet sich auch Christliches, so in dem dramatischen Bild „Gebeugter Christus mit Dornenkrone“, das vielleicht schon auf den Krieg verweist. Nach dem Ersten Weltkrieg, von dem Kartons mit Darstellungen im Unterstand zeugen, ist der Künstler vom Atelier in die Pleinairmalerei gewechselt. Symbolistische Posen und gedämpfte Farbigkeit weichen kräftiger Dynamik und nervösen Pinselstrichen. Steisslinger ist in der Blüte seiner Schaffenskraft, als er sich mit Laute und Bauernkleidung mit seiner Frau Elisabeth und seinem Kind als eine Art heilige ländliche Familie mit stillender Maria porträtiert. Überhaupt mangelt es in Steisslingers Frühwerk nicht an Akten, die sich aber nach dem Ersten Weltkrieg gänzlich anders präsentieren: Da erscheinen sie mit expressiver Gestik und hellen, wenn nicht gar grellen Farben. In späteren Werken gibt Steisslinger dann die realistischen Farben zugunsten der Expressivität auf.
Verwundet im Ersten Weltkrieg
Im Hintergrund ist in den Aktbildern dieser Zeit schon die Böblinger Landschaft zu erkennen. Fritz Steisslinger gründete damals in seiner Villa auf dem Tannenberg, wo er sich 1922 mit seiner Frau niederließ, eine Künstlerkolonie mit Freikörperkultur. Hier wacht seine über 90-jährige Schwiegertochter Frederica Steisslinger noch heute über sein Werk. Dass es sich kaum verkaufte, ist das Glück der Nachkommen, denn sonst wäre wohl kaum eine geschlossene Sammlung erhalten geblieben – ausgenommen einige Werke, die der Künstler, wohl auch von der politischen Entwicklung während der NS-Herrschaft enttäuscht, zerstörte.
Das Elend der beiden Weltkriege zeigte Fritz Steisslinger nie direkt, zu traumatisierend waren seine Erfahrungen. Im Ersten Weltkrieg wurde er mehrfach verwundet, im Zweiten verlor er zwei seiner Söhne.
Die unversehrten Akte in seiner Malerei versteht Corinna Steimel als Gegenbilder. Aber in der Arbeit „Die Klagenden“, seinen Passionsdarstellungen oder dem großformatigen Gemälde „Hiob und seine Freunde“ lässt sich das Leid erahnen und in Steisslingers Tagebüchern nachlesen. Dass großformatige Bilder wie Hiob im ersten Stock der Galerie gezeigt werden können, ist ein angenehmer Nebeneffekt der Renovierung im Kabinett Steisslinger. Dieses muss wegen durchgefaulten Balken erneuert werden und ist gerade geschlossen.
Besucherinfos
Vernissage
Am Sonntag, 15. Dezember, um 11 Uhr findet die Vernissage in der Böblinger Zehntscheuer, Pfarrgasse 2, statt. Neben Tobias Heizmann, erster Bürgermeister Böblingens, und Sven Raisch, Leiter des Amts für Kultur, hat sich Frederica Steisslinger angekündigt. Im Anschluss wird um 12 Uhr im Alten Rathaus ein Konzert mit Cello und Flügel zu hören sein.
Öffnungszeiten
Die Ausstellung ist bis 9. März zu sehen. Geöffnet ist sie von Mittwoch bis Freitag von 15 bis 18 Uhr, samstags von 13 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 17 Uhr.