From Another Mind Zwei, die die süddeutsche Technoszene aufmischen

Von Peter Buchholtz 

Mit ihrer Partyreihe „From Another Mind“ und ihrem gleichnamigen Label sorgen Marco Bläsi und Luigi Urban derzeit für frischen Wind. Ende April erscheint ihre dritte Platte „Die Weiße Rose“, eine Hommage an ihre neue Liebe München.

Marco Bläsi und Luigi Urban organisieren Technopartys in Stuttgart und München. Foto: Lichtgut/Julian Retig
Marco Bläsi und Luigi Urban organisieren Technopartys in Stuttgart und München. Foto: Lichtgut/Julian Retig

Stuttgart - Beim Treffen am Gründonnerstag mit den zwei jungen Männern ist die Anspannung bei beiden groß. Marco Bläsi und Luigi Urbano stecken mitten in ihren Vorbereitungen für ihr erstes Gastspiel im Hauptstadtclub Berghain, der deutschen Technoinstanz am Berliner Ostbahnhof. „Da sind viele wichtige Leute, die dir da auf die Finger schauen“, so Luigi Urbano. Patzer können und wollen sich die beiden daher am Ostermontag nicht erlauben. Von 12 bis 15 Uhr am Nachmittag spielt Urbano unter dem Pseudonym „Obscure Shape“ seine Platten, danach übernimmt Marco Bläsi für drei Stunden als „SHDW“, der vokalbefreiten Variante des Wortes Shadow, die DJ-Kanzel in dem ehemaligen Kraftwerk. Keine Spur von Osterbraten, geschweige denn von Tanzverbot.

2014 hatte alles im Kleinen in Stuttgart begonnen. Beide hatten sich schon zuvor als Techno-Fans und durch erste eigene Produktionen in der „Kwick-Zeit“ kennengelernt, erklärt Bläsi, in Anlehnung an eine der ersten deutschen Online-Communitys. Bläsi hatte Erfahrungen mit dem Techno-Projekt Crackpots gesammelt, das er mit seinem Partner Ahmet Tosun gegründet hatte. Luigi Urbano produzierte bereits Musik unter dem Pseudonym „Urbano“. Gemeinsam hatten sie die Idee, eine Veranstaltung ins Leben zu rufen, zu der sie Künstler und DJs einladen, die ihrem persönlichen Musikgeschmack entsprechen. Mit der Reihe „From Another Mind“ im Romy S. starteten die beiden dann im April 2014 unter dem Leitmotiv „intelligent techno“. „Die Musik, die bei uns gespielt wird, ist auf jeden Fall facettenreicher und melodischer als herkömmlicher Techno“, erklärt Bläsi, der hauptberuflich als Vertriebler für das dänische Modelabel „Minimum“ arbeitet.

Das Partykonzept wird nach München exportiert

Da die beiden in Stuttgart nur wenige Termine für ihre Partyreihe erhielten, kam kurz darauf der Gedanke auf, auch in anderen Städten „From Another Mind“-Partys zu veranstalten. Daraufhin fragten die beiden Clubs in Mannheim, Frankfurt und München an. „Wir wollten in Süddeutschland gerne die Anlaufstelle für diesen Sound werden“, so Bläsi. Fündig wurden sie schließlich in der bayrischen Landeshauptstadt. Im „MMA“, kurz für „Mixed Munich Arts“, fanden die beiden einen Partner für ihre Partys. Seit März 2015 gastieren sie dort monatlich mit „From Another Mind“ und schwärmen von Club und Stadt. „Die Halle mit ihren hohen Decken trägt eine krasse Energie“, sagt Bläsi und ergänzt: „Nach dem Berghain ist das für mich der beste Club in Deutschland.“

Auch Urban, der zunächst einige Vorbehalte gegenüber den Münchnern hatte, hat inzwischen großen Gefallen an der Isarmetropole gefunden: „Die Münchner sind super offen für die Musik und eine echt dankbare Crowd.“ In Stuttgart sei es viel schwieriger, etwas Neues, Experimentelles zu wagen. „Da trifft das Sprichwort ‚Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht’ ganz gut zu“, erklärt der 22-Jährige, der als Kind mit seiner Familie aus dem brasilianischen Minas Gerais nach Deutschland gekommen war.

Fertige Songs, aber kein Label zum Veröffentlichen

Neben ihren Partys produzierten die beiden im Studio von Luigi Urban in Pforzheim weiterhin als „SHDW & Obscure Shape“ Musik. Die Tracks kamen beim Publikum gut an, auch andere, deutlich bekanntere DJs spielten sie bei ihren Gigs. Allerdings fand sich kein Label, auf dem die zwei ihre Platten hätten veröffentlichen können. Aus der Not machten die beiden dann erneut eine Tugend. „Ich habe einfach zu Lui gesagt: ,Komm, lass uns ein eigenes Label machen’“, erzählt der 24-jährige Bläsi grinsend. So gründeten sie das Label „From Another Mind“ und wenig später, im September 2015, verließ die erste Platte namens „Nachtblende“ das Presswerk.

Dass die Platte in kürzester Zeit ausverkauft war, kam für die beiden unerwartet. „Wir hatten 400 Platten pressen lassen und uns überlegt, die zur Not auch zu verschenken, wenn wir sie nicht loskriegen“, so Bläsi. Die 400 Stück von dem „vinyl-only“-Release, also einer Veröffentlichung, die ausschließlich auf Schallplatte erscheint, waren dann aber schon nach 24 Stunden ausverkauft. Auf dem Markt für Techno und House, abseits von Majorlabels und Mainstream, lässt sich das als großer Erfolg werten.

Widmen wollten sie die erste Platte dem Stuttgarter Romy S. Daher entschlossen sie sich, alle Songs darauf nach Filmen mit Romy Schneider zu benennen. So entschieden sie sich für Titel wie „Die Geliebte Des Anderen“ und „Nur Die Sonne War Zeuge“. „Die Filmtitel sollten ja auch zu den Tracks passen. Das haben wir denke ich ganz gut hinbekommen“, so Bläsi. Für ihre zweite Platte bedienten sie sich bei Filmtiteln aus den Neunzigerjahren. Die dritte Platte, „Die Weiße Rose“, erscheint Ende April und soll eine Hommage an ihre neue Liebe München sein. Daher haben sie sich für Filme entschieden, die in München spielen oder produziert wurden.

“From Another Mind“ wird zur Marke

Wichtig ist den beiden neben der Musik auch der rote Faden, der sich durch die Veröffentlichungen auf ihrem Label zieht. Eine Pariser Zeichnerin, die sie auf Instagram gefunden haben, kümmert sich deswegen um die Illustrationen für Platten und Plakate. Die Plattencover sind auf feste, hochwertige Pappe gedruckt. Ein Grafiker aus Berlin hat aus Filmschnipseln halblegale Musikvideos für YouTube geschnitten. „Das Ganze erscheint inzwischen wie eine Marke“, sagt Luigi Urban.

Im Herbst soll die vierte Platte der beiden erscheinen. Bis dahin wollen sie an ihrem Debutalbum feilen und touren am Wochenende als DJ-Duo, aber auch getrennt, von Gig zu Gig. Der Ostermontag im Berghain hat sich jedenfalls für beide gelohnt. „Es war für uns eine super Erfahrung. Die Leute haben gut gefeiert und auch das Feedback hat unsere Erwartungen übertroffen“, so Bläsi. „Nach den ersten zwei, drei Übergängen war die Anspannung weg.“

Information
Am Samstag, 9. April, feiern die beiden zwei Jahre „From Another Mind“ im Romy S., Lange Str. 7. Gäste sind die DJs Shifted und Sigha aus Berlin. Beginn ist um 23 Uhr.

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