Werner und Jogi Hohnecker stehen an der Spitze der etwas anderen Wengerter aus Wangen. Alle arbeiten im Nebenerwerb.
Mit einer leicht gerunzelten Stirn betrachtet Werner Hohnecker den roten Trauben, den er vorsichtig vom Rebstock anhebt. Eigentlich, sagt sein Sohn, „könnt man ja schon am Wochenende lesen“. Es ist jetzt Anfang September, viel zu früh für eine Weinlese, aber Jogi Hohnecker („Wenn man Jürgen schreibt, dann erkennt mich ja niemand!“) ist ein gebranntes Kind. Vor zwei Jahren war die Situation, etwas später, eine ähnliche. Damals setzten die Wengerter in Wangen auf Gelassenheit – und wurden bitter von der Kirschessigfliege bestraft. Der aus Asien eingewanderte Schädling fiel über die Trauben her und richtete innerhalb einer Woche gewaltige Schäden an. „Das hat uns ein Drittel des Ertrags gekostet“, sagt Jogi Hohnecker. Dieses Jahr sind alle gewarnt – und die Lese hat schon begonnen.
In Wangen kämpfen derzeit wieder eine Handvoll Unbeugsamer um den Erhalt ihrer Tradition: Der Stuttgarter Stadtteil ist so etwas wie das gallische Dorf des Weinbaus, ein absoluter Exot. Während die Traubenerzeuger aus rein praktischen Erwägungen andernorts Genossenschaften gegründet haben, ist das in Wangen nie passiert. Hier arbeiten die Erzeuger als „lose Bande“ zusammen, wie es Werner Hohnecker formuliert. Und: „Mir Wangener sind halt ziemlich eigen.“ Oiga, sagt der Schwabe. Allerdings bauen fast alle Trollinger an und machen einen gemeinsamen Tropfen daraus.
Die Kelter war eine architektonische Leistung
Knapp zwei mit Reben bestückte Hektar liegen in Wangen an steilen Hängen zwischen Obstbaumwiesen und Schrebergärten. Ihren Wein haben die Wangener immer direkt verkauft, an Wirtschaften oder Küfer. Kurz nach 1700 erklärten sie dem Herzog dann, bildlich gesprochen, wo der Bartel den Moscht holt: Sie erklärten ihm auf jeden Fall überzeugend, dass der kleine Ort eine neue Kelter brauche, ansonsten könnten sie keinen Zins mehr bezahlen. 1713 stand die Kelter, zur damaligen Zeit Europas größtes freitragendes Ständerfachwerk – und nach wie ein echt imposantes Gebäude.
Der Stolz auf ihre Kelter war dem ganzen Ort eigen, also oiga. Deshalb machten die Wangener bei der Eingemeindung nach Stuttgart im Jahr 1904 keine Eingeständnisse: Solange in Wangen Wein erzeugt werde, steht in der Urkunde schwarz auf weiß, so lange muss die Stadt Stuttgart die Kelter betreiben. Dazu gehört die Einstellung eines Keltermeisters samt Kelterknecht im Herbst, der Hochzeit der Weinerzeugung.
Diese Aufgabe wurde den Hohneckers quasi in die Wiege gelegt. Um seine Reben kümmert sich Werner Hohnecker nämlich bereits seit 1954, seit ihm seine Oma mit 84 Jahren sagte, dass sie nicht mehr die Mauerweinberge hochklettern werde. Genau 20 Jahre später wurde er Wangener Keltermeister, sein Sohn Jürgen stieg als sein Knecht ein. „Das bin ich schon seit meiner Geburt“, sagt der 61-Jährige und lacht.
Vier Familien bilden den Kern bei den Wengertern
Die Titel klingen gut, aber zum Leben reichen sie natürlich nicht. Wie so viele arbeitete Werner Hohnecker beim Daimler, 42 Jahre lang. Die Weinberge beackerte er entweder nach Feierabend oder am Wochenende. Warum? Diese Frage stellt sich ihm nicht. Sein Sohn, der als Gartenbauer näher an den Reben dran ist, tut es ihm gleich. Damit entsprechen sie dem Prinzip, das alle Wangener Wengerter pflegen. Vier Familien bilden den Kern um die Kelter, ein paar Enthusiasten haben sich dem Widerstand gegen den Verfall der Weinberge angeschlossen. Im Herbst werden sie für ihre Mühen belohnt, wenn die Trauben in die Kelter gebracht werden. Wenn Weinlese ist, fällt der Wochenmarkt aus, dann erfüllt das historische Gebäude ganz seine ursprüngliche Bestimmung. Dann wird die Maschine zum Abbeeren aufgestellt, dann kommen die Bottiche an ihren Platz und die Wangener maischen den Trollinger ein und lassen ihn vergären. Gepresst wird der Saft ebenfalls in den eigenen vier Wänden, erst zum Ausbau kommt er zur Kellerei Kern nach Rommelshausen. Andere kleine Genossenschaften geben ihr Lesegut meist gleich bei einer größeren Genossenschaft ab.
Werner Hohnecker bleibt in seiner Beurteilung zurückhaltend, wie groß der Einfluss des Profis auf die Qualität des Wangener Weins ist. Die Grundlage für einen guten Tropfen, davon sind alle im Ort überzeugt, wird im Weinberg gelegt. „Und wir legen viel Wert auf ein Top-Lesegut“, betont Werner Hohnecker. Der Zuckergehalt muss stimmen, und die Beeren müssen gesund sein, wenn sie Teil des gemeinsamen Trollingers werden sollen. Zur Lese schlägt in der Wangener Kelter die Stunde des Keltermeisters und seines Knechts. Vor fünf Jahren tauschten Werner und Jogi Hohnecker zwar ihre Rollen, der Senior überwacht trotzdem weiterhin das Geschehen. In Wangen ist der 89-Jährige nach wie vor der unbestrittene Fachmann, wird bei Befall durch Mehltau oder anderen Problemen zurate gezogen. Anders als seine Großmutter klettert er immer noch die uralten, schiefen Treppen im Weinberg nach oben – wie ein unbeugsamer Gallier.
Den Wein kaufen
Zu kaufen gibt es den Wein der Wangener bei den jeweiligen Produzenten, um Beispiel den Hohneckers (07 11 / 42 64 56) oder den Fölls (07 11 / 420 12 50). Und im Dritte-Welt-Laden im Ort.