So habe sich das Elternpaar geäußert, schilderte die Schulleitung dem Kollegium den Fall, der kein Einzelfall ist. Gegenüber unserer Zeitung spricht die Lehrerin, die weder ihren Namen noch den ihrer Schule öffentlich nennen will, von einem „regelrechten Trend“. Es gebe eine „Welle an Früheinschulungen“, etliche der Eltern beriefen sich auf Betreuungsprobleme, manche auch auf die Kosten: Schule sei billiger als Kita. Ein Vater, auf die mangelnde Schulreife seiner Tochter hingewiesen, habe gar gesagt: „Macht nichts, wenn sie mal durchfällt. Sie ist ja ein Jahr früher eingeschult worden.“
Eine Sondersituation an dieser Grundschule mit ihrem sozial eher gemischten Einzugsbereich? Zumindest drei weitere der von uns befragten Grundschullehrerinnen – auch sie wollen in der Zeitung anonym bleiben – bestätigen für ihre Schulen in der Region ähnliche Entwicklungen. Öffentlich thematisiert wurden sie bislang nicht, welche Dimensionen sie annehmen, ist mangels statistischer Daten unbekannt. Corina Schimitzek, Direktorin des Staatlichen Schulamts Esslingen-Nürtingen, hält eine Flucht in die Früheinschulung zumindest „für möglich. Auch in der Lehrerschaft kriegen wir die Betreuungsprobleme ja massiv mit.“ Entschieden wird über die Einschulungsanträge der Eltern von den Schulleitungen. Rückmeldungen über einen Boom an Früheinschulungen seien aus dem Kreis Esslingen bisher nicht zu ihr vorgedrungen, sagt Schimitzek. Entsprechende Zahlen würden für das Kreisgebiet nicht erhoben.
Zahlen gibt es indes fürs ganze Land, und da zeigt sich in der Tat eine zwar nicht sprunghafte, dennoch merkliche Zunahme von Früheinschulungen, die allerdings unterschiedlich interpretiert werden kann. Laut Statistischem Landesamt lag der Anteil der vorzeitig eingeschulten Kinder in den Schuljahren von 2012/13 bis 2019/20 zwischen 1,7 und 2,5 Prozent. 2020/21 stieg er auf 4,5 Prozent, 2021/22 auf 5,9 Prozent, 2022/23 auf acht Prozent. Ob daraus ein Trend abzuleiten sei und welche Gründe er haben könnte, lässt eine Sprecherin des Kultusministeriums auf Anfrage offen. Sie verweist lediglich auf die Vorverlegung des Einschulungsstichtags vom 30. September auf den 30. Juni. Damit werden Kinder, die nach dem aktuellen Stichtag sechs Jahre alt werden und früher noch schulpflichtig gewesen wären, heute nur noch auf Antrag der Eltern eingeschult – was einen gewissen Trend zur Früheinschulung befördern könnte. So sieht es Peter Buchmann, stellvertretender Vorsitzender des Landeselternbeirats. Als Indiz führt er den Höchststand von zwölf Prozent Früheinschulungen im Schuljahr 2004/05 an. Auch damals war der 30. Juni Stichtag. Er wurde dann so schrittweise auf den 30. September verlegt, wie er ab dem Schuljahr 2020/21 auf eine Elternpetition hin wieder nach vorne wanderte. Buchmann ist überzeugt, dass bei der Entscheidung über die Einschulung „die Mehrheit der Eltern das Wohl des Kindes im Blick hat“ und nicht „ lediglich auf eine externe Herausforderung“ reagiere. Kita-Probleme sind seiner Meinung nach „ungeeignet, den Trend zur Früheinschulung pauschalisierend zu erklären“.
Gegensätze in der Elternschaft?
Und wenn doch etwas dran sein sollte? Dann spräche dies für einen weiteren der vielen Gegensätze in der Elternschaft: auf der einen Seite die entwicklungspsychologisch argumentierenden Gegner der Früheinschulung, die zu Zeiten der CDU-Kultusministerin Annette Schavan von 1995 bis 2005 noch politisch gewollt war. Auf der anderen jene, denen die Betreuungsprobleme auf den Nägeln brennen. Sollte letzteres tatsächlich ein entscheidender Früheinschulungsfaktor sein, schlägt die Kita-Krise auf die Schulen zurück. Durch die Vorverlegung des Stichtags war sie verschärft worden, weil „Kinder länger in den Kitas verbleiben“, wie der Esslinger Stadtsprecher Niclas Schlecht mitteilt. Einen umgekehrten Trend zur Früheinschulung kann er für Esslingen so wenig ausmachen wie sein Kollege Clint Metzger für Nürtingen.
Auch für Mira Hartwig, die Kreisvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), ist zumindest bisher nichts in dieser Richtung greifbar. Ein Rundruf bei fünf Grundschulleiterinnen im Kreis Esslingen habe keinen auffälligen Anstieg der Zahl der Früheinschulungen ergeben. Allerdings weiß sie von Eltern in ihrem persönlichen Umfeld, die „tatsächlich Überlegungen zu einer Früheinschulung anstellen. Als Hauptgrund wird die Betreuungszeit an der Schule bis 17 Uhr genannt.“ Im Kreis Esslingen sei nämlich „die Spätbetreuung aufgrund von Personalmangel in vielen Einrichtungen gestrichen worden“, ergänzt Hartwig, und dies betreffe auch Lehrkräfte an Ganztagsschulen. Womit die Kita-Krise ein zweites Mal zurückschlägt und ein Teufelskreis sich zu schließen droht: Fehlende Betreuungsmöglichkeiten gefährden den Ganztag an den Ganztagsschulen.
Zeit und Geld
Kosten
Bei der Frage nach Früheinschulungen als Reaktion auf Betreuungsprobleme spielen auch die Kosten für die Eltern eine Rolle. Das folgende Beispiel soll die Differenz zwischen den Kita- und den Betreuungsgebühren an Ganztagsgrundschulen veranschaulichen. Es wird von einem maximalen Betreuungsbedarf (in der Regel von 7 bis 17 Uhr), einer Familie mit einem Kind und Gebühren ohne Ermäßigung ausgegangen. Die Kostenpauschale für das Mittagessen bleibt in der Beispielrechnung weg. In Esslingen wären in diesem Fall in der Kita je nach Brutto-Haushaltseinkommen monatlich zwischen 203 und 652 Euro fällig. Bei der Grundschulbetreuung gibt es keine Gebührenstaffel nach Einkommen. Die Elternentgelte belaufen sich – je nach Schule und nach der ab 1. September 2023 gültigen Gebührenordnung – auf monatlich nur 45 beziehungsweise 58 Euro. In Kirchheim schlägt die Kita im selben Beispiel mit 216 Euro zu Buche, die Ganztagsgrundschule mit rund 100 Euro (wegen der Berechnung nach Stunden nicht exakt bezifferbar). In Nürtingen kostet die Kita einkommensabhängig zwischen 273 und 407 Euro. Die Betreuungsgebühren an der Grundschule sind hier ebenfalls nach Einkommen gestaffelt und werden stundenweise berechnet. Man kommt so im Beispielfall auf Elternbeiträge im Bereich zwischen knapp 50 und rund 100 Euro.
Ferien
Keine der drei Städte bietet eine Ferienbetreuung an den Schulen selbst an, wie dies in Stuttgart an etlichen Grundschulen praktiziert wird. In Esslingen, Kirchheim und Nürtingen müssen die Kinder zu den Ferienprogrammen extra angemeldet werden.