Die Nachricht, dass Ursula Kreutel 140 000 Euro an die Gemeinde Weissach zahlen muss, hat bei vielen Menschen verdrängte Erinnerungen geweckt, bei der Betroffenen selbst alte Wunden aufgerissen. Denn die stattliche Summe muss die einstige Bürgermeisterin der Strudelbach-Gemeinde nicht etwa wegen mutwilliger Verfehlungen oder gar krimineller Energie berappen. Sie wird für ein Dienstvergehen bestraft, das zweifelsfrei nicht mit einer einwandfreien Amtsführung in Einklang zu bringen ist, aber eben keine kriminelle Handlung darstellt, wie die Höhe der Forderung nahelegen könnte.
Ursprünglich ging es nicht um 140 000, sondern um 230 000 Euro. Genau diese Summe hatte Kreutels Nachfolger Daniel Töpfer aufgewandt, um das aufzuarbeiten, was Kreutel in zehn Jahren verabsäumt hatte: das Erstellen von Jahresabschlüssen. Dafür hatte der nassforsche CDU-Mann einen Pensionär als Honorarkraft angeheuert, der sich seine finanzielle Aufräumaktion äußerst großzügig vergüten ließ. Für 230 000 Euro hätte man einen Sachbearbeiter in der Kämmerei mehrere Jahre beschäftigen können.
Den Formalien hat Töpfer mit der Verpflichtung einer teuren Aushilfskraft genüge getan, dem politischen Frieden hat er geschadet. Und der Weissacher Gemeinderat gleich mit. Nicht der junge Bürgermeister allein hat seine Vorgängerin auf Schadenersatz verklagt, das Ratsgremium hat den Vorstoß mit großer Mehrheit bestätigt.
Dass zwei gerichtliche Instanzen das Ansinnen der Weissacher bestätigt haben, und Kreutel die alleinige Verantwortung zuwiesen, zeigt, dass der karrierebewusste wie selbstbezogene Bürgermeister seinerzeit juristisch im Recht war, aber in den Bereichen politische Weitsicht und Empathie eklatante Defizite hat erkennen lassen. Was ihn nicht weiter gestört hat: Empathie, so hatte Töpfer vor gut zwei Jahren im Gespräch mit unserer Zeitung gesagt, sei hier „völlig fehl am Platz.“
Keine Konsequenzen aus der Greensill-Pleite
Das alles ist lange her, Töpfer ist mittlerweile Geschäftsführer der Stadtwerke im niedersächsischen Soltau, und auch Kreutel ist der berufliche Wiedereinstieg gelungen. Allerdings ist das mehrere Jahre währende Drama erst jetzt mit dem Vergleich zu Ende gegangen, dass die einstige Rathaus-Chefin eben die immer noch hohe Summe von 140 000 Euro hinlegen muss. Zum Vergleich: Dass die Gemeinde Weissach 15 Millionen Euro-Termingeld-Anlagen durch die Pleite der Greensill-Bank vor zwei Jahren verloren hat, wurde dem damals verantwortlichen Bürgermeister Töpfer nicht zur Last gelegt.
Wie gesagt: All das mag formal in Ordnung sein, wenngleich es kein Geheimnis ist, dass Gerichte höchst unterschiedlich entscheiden können. Aber das Gerechtigkeitsempfinden sehr vieler Menschen wird massiv gestört. Das mag mit ein Grund dafür sein, dass Ursula Kreutel bei der Kommunalwahl für die FDP in Leonberg gute Ergebnisse eingefahren hat. Viele Wähler wollten ihr offensichtlich den Rücken stärken.
Auf jeden Fall ist der nun mit einem mehr als schalen Beigeschmack zu Ende gegangene „Fall Kreutel“, der mindestens um den Namen Töpfer ergänzt werden müsste, ein trauriges Musterbeispiel dafür, wie eine völlig übersteigerte Ich-Bezogenheit zur bösen Saat für die zunehmende Polarisierung unserer Gesellschaft gehört und damit die Vertrauenskrise der Politik weiter befeuert. Im Mittelalter hätte man das eine Fehde genannt. Doch nicht nur damals: Persönlich motivierte Fehden sind im (kommunal-)politischen Alltag bis zum heutigen Tag zu beobachten. Wie jetzt in Leonberg.