Der Christdemokrat war gut zwei Jahrzehnte Bürgermeister, von 1979 bis Ende 1992 auch der erste Stellvertreter von OB Manfred Rommel. Die beiden hatten besonders anfänglich ein schwieriges Verhältnis.

Stuttgart - Rolf Thieringer, der frühere Erste Bürgermeister der Landeshauptstadt, lebt nicht mehr. Er starb, wie unsere Zeitung erfuhr, bereits am 4. Januar. Seine letzte Ruhestätte findet er auf dem Fangelsbachfriedhof in Stuttgart-Süd.

Über 22 Jahre lang hatte Thieringer im Stuttgarter Rathaus als Gesundheits- und Sozialbürgermeister gearbeitet, in den letzten Jahren bis zu seiner Pensionierung im Dezember 1992 auch als erster Stellvertreter von OB Manfred Rommel (CDU), dessen Amt er zunächst selbst gern gehabt hätte. Als im August 1974 der langjährige OB Arnulf Klett überraschend starb, war das CDU-Mitglied Thieringer, damals schon Fachbürgermeister im Rathaus, zur Kandidatur bei der fälligen OB-Wahl bereit. Doch in der parteiinternen Vorauswahl sprach sich der Kreisvorstand der CDU mit 24 zu 18 Stimmen für Rommel aus, der damals beim Land tätig war und vom damaligen Ministerpräsidenten Hans Filbinger favorisiert wurde. Thieringer erlitt damit seine vielleicht bitterste Niederlage in der Politik. In der Folge wurde Rommel von den Stuttgartern zum OB gewählt, und in den ersten Jahren hatte Thieringer nach eigenem Bekunden „ein gespanntes Verhältnis“ zu ihm. Danach rauften sich die beiden besser zusammen, und Thieringer nahm für sich später in Anspruch, Rommel gegenüber „immer loyal gewesen“ zu sein.

Der Bürgermeister legte sich mit Chefärzten an

Bequem war Thieringer nie. Beispielsweise verlangte er als Gesundheitsbürgermeister den Chefärzten der städtischen Kliniken bis dahin unübliche Ausgleiche für die Nutzung von Klinikeinrichtungen für Privatpatienten ab. Klaren Kurs hielt er auch bei ehrenamtlichen Engagements nach der Berufszeit, etwa als Vorsitzender beim Stuttgarter Kammerorchester, als Präsident des Landessportverbandes und des Württembergischen Landessportbundes oder als Kreisvorsitzender des Deutschen Roten Kreuzes, als Ehrenpräsident des Württembergischen Schwimmverbandes und als Mitwirkender in diversen Stiftungen. Wenn es nicht mehr ging, ging im Zweifel Thieringer. Er tat aber sehr viel und wurde für sein Engagement in Beruf und Ehrenämtern mit dem Großen Bundesverdienstkreuz, für seine Verdienste um die christlich-jüdische Verständigung mit der Otto-Hirsch-Medaille geehrt.

Thieringer wurde am 26. Dezember 1927 zwar in Höchstberg bei Heilbronn geboren, kam aber schon 1928 mit der Familie nach Stuttgart. Im Zweiten Weltkrieg wurde er als Flakhelfer in Zuffenhausen eingesetzt. 1947 legte er am Karlsgymnasium das Abitur ab. Der Katholik ging dann auf das Jesuiten-Kolleg in Pullach bei München, verließ es aber nach anderthalb Jahren wieder, weil ihm der Dogmatismus dort nicht lag. In München, Mainz und Tübingen studierte er Staatswissenschaften, Philosophie, Geschichte und Geografie. 1954 wurde er zum Doktor der Philosophie promoviert. Thema seiner Dissertation: „Das Verhältnis der Gewerkschaften zu Staat und Parteien in der Weimarer Republik“. Während der Arbeit an der Dissertation begegnete er am Rhein zufällig Bundeskanzler Konrad Adenauer – und Thieringer trat später in Adenauers CDU ein. Beruflich begann er 1954 bei der Arbeitsgemeinschaft der Fremdenverkehrsverbände Baden-Württemberg, war dort zuletzt Geschäftsführer. 1963 machte ihn OB Klett zu seinem Referenten. 1970 wählte der Gemeinderat ihn zum Bürgermeister. 1979, im fünften Amtsjahr von OB Rommel, wurde Thieringer Erster Bürgermeister. Bereits in den 1990er Jahren starb seine Frau, Mutter seiner Kinder.

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