Früherer Surge-Coach in Wien Sind Sie der heimliche Boss, Jordan Neuman?

Jordan Neuman weiß, wie man Trophäen holt: Mit Stuttgart Surge gewann der Cheftrainer die ELF-Meisterschaft. Foto: Baumann

Mit den Footballern von Stuttgart Surge gewann Jordan Neuman die Meisterschaft, dann folgte die Insolvenz. Jetzt ist er bei den Vienna Vikings – und blickt mit Wehmut zurück.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Erst der Sieg im September vor 36 784 Fans in der großen MHP-Arena im Finale der European League of Football (ELF), dann der Insolvenzantrag: Das Aus von Stuttgart Surge war geschichtsträchtig und beschäftigt die Beteiligten noch immer, natürlich auch Jordan Neuman (42). Der charismatische Meister-Trainer kam bei den Vienna Vikings unter – und sagt: „Das Ende in Stuttgart tat richtig weh.“

 

Coach Neuman, haben Sie sich bei den Vienna Vikings schon eingelebt?

Ja, alles läuft bestens. Ich pendle zwischen Schwäbisch Hall, wo meine Familie weiterhin leben wird, und Wien. Dort haben wir bereits mit der Saisonvorbereitung begonnen. Ich bin dabei, bei den Vikings mein Spielsystem zu implementieren.

Was bedeutet das?

Für die Jungs etwas völlig Neues. Es ist, als würden sie eine andere Sprache lernen.

Ist der Kader schon komplett?

Fast. Es sind auf jeden Fall genügend Leute da, um gut arbeiten zu können.

Im September haben die Vikings das ELF-Finale in Stuttgart gegen Ihr Surge-Team verloren. Wie stark wird die neue Wiener Mannschaft sein?

Sehr stark. Wir haben viel Talent im Kader.

So wie es aussieht, wird nach der Abspaltung in diesem Jahr in Europa in zwei Ligen gespielt – in der AFLE mit acht Teams, in der EFA mit sechs.

Das ist richtig und, darüber denken alle Beteiligten gleich, auch sehr schade. Es wäre toll gewesen, wenn eine einvernehmliche Lösung gefunden worden wäre.

Was sind die Folgen der Abspaltung?

Es war zuletzt in der ELF, was das sportliche Niveau, die Zuschauerzahlen und die TV-Präsenz angeht, ganz klar zu sehen, dass der europäische Football ein sehr gutes Produkt sein kann. Leider hat man sich nicht auf die Fortsetzung des Spielbetriebs in einer Liga verständigen können. Alle, mit denen ich zu tun habe, eint die Hoffnung, dass dies in der Zukunft wieder der Fall sein wird.

Sind die Vikings nun in der AFLE der große Favorit?

Nein. Ich rechne vor allem mit Rhein Fire als starkem Konkurrent. Aus meiner Sicht sind die Teams aus Wien und Düsseldorf die zwei besten in Europa. Aber auch die Panthers Wroclaw aus Polen haben viel Potenzial.

Sie sind nun offiziell kein Cheftrainer mehr, sondern nur noch für den Angriff der Vikings verantwortlich – oder doch der heimliche Boss?

(lacht) Auf keinen Fall. Headcoach in Wien ist seit 19 Jahren Chris Calaycay. Dass ich nun sein Offensive Coordinator bin, ist nach zehn Jahren, in denen ich in Schwäbisch Hall und Stuttgart Cheftrainer war, natürlich eine Umstellung für mich. Aber ich habe eine sehr gute Beziehung zu Chris Calaycay, wir arbeiten richtig eng zusammen, es ist ein perfektes Miteinander. Deshalb wird das problemlos funktionieren.

Ist es Teil Ihrer Abmachung mit den Vikings, dass Sie Chris Calaycay irgendwann als Cheftrainer ablösen?

Diesen Plan gibt es nicht. Schließlich weiß ich, dass Chris Calaycay in Wien noch sehr viel vor hat.

Wie lange läuft Ihr Vertrag dort?

Wir schauen von Jahr zu Jahr.

Sie waren der Trainer des Meisters, der anschließend Insolvenz anmelden musste. Ist der Wechsel zu den Vikings eine Notlösung gewesen?

Auf keinen Fall. Es war für mich eine Top-Option. Dass sich diese ergeben hat, darüber bin ich sehr froh.

Der Abschied schmerzt noch immer: Jordan Neuman mit Luca Siebert. Foto: Baumann

Auch Johannes Brenner, 2025 als Assistant-Coach des Jahres in der ELF ausgezeichnet, ist nun in Wien gelandet. Waren Sie an seinem Wechsel beteiligt?

Sehr sogar. Ich habe den Vikings von Anfang an gesagt, dass es toll wäre, Johnny bei uns zu haben. Ich arbeite seit 2005 mit ihm. Er ist einer der besten Trainer, die es gibt.

Was wird seine Aufgabe sein?

Er ist unser Offensive Quality Control Coach.

Das müssen Sie uns erklären.

Er arbeitet meistens von zu Hause aus, analysiert Videomaterial und Daten unserer Offensive, organisiert mit, unterstützt bei der Vorbereitung auf das nächste Spiel. Uns wird sehr helfen, dass er dabei immer auch einen super Blick auf die Verteidigung des Gegners hat. Er ist eine Art Top-Berater.

Treffen Sie in Wien noch mehr bekannte Gesichter?

Ja. Mit Receiver-Coach Mike Gentili habe ich schon in Schwäbisch Hall zusammengearbeitet, Yannick Mayr und Darrell Stewart waren bei Surge zwei meiner Wide Receiver. Und ich kenne natürlich noch viele Leute in Wien, weil ich schon von 2011 bis 2013 Offensive Coordinator bei den Vikings war.

Sie haben keinen Spieler aus dem Stuttgarter Meister-Team nach Wien geholt – ganz bewusst?

Nein. Es hat sich einfach nicht ergeben, was auch daran lag, dass ich spät bei den Vikings unterschrieben habe und dort die personellen Planungen weit fortgeschritten waren. Es sind nur noch wenige Plätze frei gewesen.

Hätten sich in Stuttgart Verstärkungen finden lassen?

(lächelt wehmütig) Wir sind Europameister geworden. Von der Qualität her würden viele meiner Ex-Spieler nach Wien passen.

Schmerzt Sie das Ende des Surge-Teams immer noch?

Sehr sogar. Es tat weh. Richtig weh. Wir haben in Stuttgart sehr hart gearbeitet und den Titel geholt. Danach dachten alle: Hier gibt es noch viel mehr zu erreichen. Wir hatten eine wahnsinnig tolle Gruppe. Spieler, Trainer, Staff – alle waren sehr gut in ihrem Job und hatten eine super Beziehung zueinander. Es war eine große Familie.

Die immer noch Kontakt hält?

Selbstverständlich, sehr oft sogar. Wir rufen an, schreiben uns. Und eines finde ich dabei besonders schön: Das passiert auch über die Grenze der einzelnen Bereiche hinweg.

Die Spieler sind mittlerweile über Clubs in ganz Europa verteilt . . .

. . . was ein bisschen schade ist. Die Jungs waren sehr eng und hatten vor, gemeinsam in großen Gruppen zu wenigen Vereinen zu wechseln. Das hat leider nicht geklappt. Jetzt sind es eben mehrere kleine Pakete geworden, was eines zur Folge hat: Viele Vereine profitieren vom Surge-Aus.

Inwiefern?

Ich bin sicher, dass alle meine früheren Spieler in ihren neuen Teams eine tragende Rolle spielen und großen Einfluss haben werden. Es gab ja einen Grund, warum wir 2025 den Titel geholt haben.

Auf einige Ex-Spieler werden Sie treffen.

Ich bin jetzt schon sehr aufgeregt. Es wird ein besonderes Gefühl sein, bei den Panthers Wroclaw Ben Wenzler, Marko Vidackovic und Mike Harley in Aktion zu sehen.

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