Auf einer Wandertour unserer Zeitung nach Gebersheim erfahren die Aktiven Geschichten aus alten Zeiten, aber auch viel über das einstige Leben in einem Bauerndorf.

Es ist der interessante Abschluss einer achtteiligen Wanderserie gewesen, die für aktive Erwachsene und auch Familien mit älteren Kindern gedacht war, die während der Urlaubswochen etwas Besonderes erleben wollten. Unsere Zeitung hatte für die Touren in der Landeshauptstadt und in der Region den Schwäbischen Albverein mit ins Boot geholt. Der hat mit Liebe zur Heimat, Gespür für Atmosphäre und dem Anspruch, ein echtes Erlebnis zu bieten, die Routen geplant.

 
Früher galt die Glems als „schmutzigster Fluss“ in Baden-Württemberg. Seit Langem plätschert sie aber sauber vor sich hin. Foto: Archiv

Dieses Mal ging es darum, in alte Zeiten einzutauchen und etwas über das Leben von früher zu erfahren, und so war nicht von ungefähr Gebersheim, Leonbergs kleinster Ortsteil, das Ziel. Weil alle Start- und Zielpunkte an den öffentlichen Nahverkehr angebunden waren, ist die Gruppe, begleitet vom Vorstandsteam der Ortsgruppe Leonberg des Schwäbischen Albvereins, Cornelia Hermann und Brigitte Brosch, am Leonberger Bahnhof abmarschiert.

Einst gab es sechs Mühlen- keine mahlt heute noch Getreide

Nach wenigen Hundert Metern geht es an der Glems an der Clausenmühle vorbei, die im Jahr 1304 erstmals erwähnt wurde und dem Esslinger Katharinenspital gehörte. Bruder Klaus war der Müller und sein Name ist der Mühle bis heute erhalten geblieben. Sie ist eine der sechs Mühlen, die einst die Glems auf der heutigen Leonberger Markung von der Quelle bis zur Höfinger Tilgshäuslesmühle säumten – außerdem die Schweizermühle auf dem heutigen Aldi-Gelände, die Lahrensmühle, die Clausenmühle, die Felsensägmühle, die Scheffelmühle und die Tilgshäuslesmühle , die 1975 in eine Glaserei umgebaut wurde. Gemeinsam mit der Felsensägmühle gehört die Clausenmühle zu den ehemaligen Mühlen, die heute Strom mit der Wasserkraft der Glems erzeugen - aber keine mahlt noch Getreide.

Nun wird deutlich, was um 1248/49 Graf Ulrich I. von Württemberg bewogen hat, hier die erste Stadtgründung seines Hauses in die Wege zu leiten. Im Laufe von Hunderttausenden Jahren hatte die Glems hier den Felsenhang aus Muschelkalk so tief erodiert, dass sich ein Bergsporn mit steilen Wänden an drei Seiten gebildet hatte. So war ein strategisch vorteilhaftes Gelände zwischen dem Engelberg und dem Glemsknie entstanden. Die anfangs „Levinberch“ genannte Stadt am Westrand des Herrschaftsbereichs des Grafen war bestens geeignet, die benachbarten freien Reichsstädte Weil der Stadt und Markgröningen militärisch im Auge zu behalten.

Am einst „schmutzigsten Fluss“ im Land entlang

Einen ersten Halt im Höfinger Täle, das ein sehr geschätztes Naherholungsgebiet ist, bietet die hier auf langen Strecken renaturierte Glems. Ältere Semester können sich noch erinnern, dass der Bach in der Zeit des Wirtschaftswunders über Jahre mit der Jagst um den zweifelhaften Ruf des „schmutzigsten Flusses“ in Baden-Württemberg konkurriert hat. Dann errichtete Leonberg im Jahr 1968 hier im Tal die erste große Kläranlage. Gleichzeitig wurde an der Glems der Mühlkanal, der das Wasser zur Felsensägmühle leitet, neugestaltet. Dieses Wasserabzapfen aus Flüssen und Bächen beruht auf jahrhundertealten Wasserrechten. Die sollten seinerzeit garantieren, dass den Müllern genügend Wasser zur Verfügung steht, um ihre Mahlwerke zu betreiben.

Mit Beton wurde nicht gespart. Es wurde ein hohes Wehr errichtet, welches das meiste Wasser zur Stromturbine leitete. Das Mutterbett der Glems bekam dadurch nur wenig Wasser ab – in trockenen Zeiten häufig überhaupt keines mehr. Für die Fische und andere Lebewesen entstand ein schier unüberwindbares Hindernis. Der Bau der großen Kläranlage Mittleres Glemstal im Jahr 1991, an die die gesamte Stadt angeschlossen ist, machte das Klärwerk Felsensägmühle überflüssig. Es wurde 1998 abgerissen.

Renaturierung einer ehemaligen Kläranlage

Das Gelände wurde Teil der Pläne für den Ausbau der A8 von Leonberg nach Heimsheim. Es galt nämlich, Ersatzmaßnahmen für den im Jahr 2008 abgeschlossenen sechsspurigen Autobahnausbau zu finden. Vor zehn Jahren investierte der Bund als Träger der Autobahn rund 1,3 Millionen Euro in die Renaturierung des Areals der früheren städtischen Kläranlage Felsensägmühle und die Umgestaltung des Wasserkanals der Mühle.

Aber auch Privatleuten ist die Aufwertung des Höfinger Täles zu verdanken. Wie etwa das Erbe der Höfinger Eheleute Marianne und Erwin Beck, die der Stadt Leonberg 640  000 Euro hinterlassen haben – mit der Maßgabe, diese für Höfinger Projekte zu verwenden. Ein Teil des Geldes wurde für den „Naturerlebnisraum Höfinger Täle“ verwendet. Eine der fünf so entstandenen Stationen ist der Rastplatz Hauerlöcher.

Für die Wanderführerin Brigitte Brosch der ideale Standort, um etwas über die in der hohen Felswand sichtbaren Höhleneingänge zu erzählen. Um das Hauerloch (ursprünglich wohl Huhenloch, von der alten Bezeichnung Huhen für Uhu abgeleitet), das 1535 erstmals urkundlich erwähnt wird, ranken sich alte Sagen. Drei seit 1991 vergitterte Öffnungen, um sie vor wagemutigen Besuchern zu schützen, sind Eingänge in die von Hand gehauenen kleinen Räume, die seit Jahrhunderten Anlass zu Spekulationen bieten. Die Klause eines Eremiten oder die Heimstätte eines reichen Zwerges? Nichts ist belegt.

Doch Rumpelstilzchen lässt grüßen: Einst stand die Felsensägmühle am Fuße der Felswand zum Verkauf. Ein junges Höfinger Paar war interessiert, doch das Geld fehlte. Also sahen sie dem Zwerg, der im Hauerloch einen unermesslich wertvollen Schatz hütete als Ausweg. Der war nicht abgeneigt, verlangte aber im Gegenzug, dass er die erstgeborene Tochter des Paares ehelichen darf – falls diese bis zu ihrem 20. Lebensjahr nicht seinen Namen erraten kann. Ein Freudentanz mit Singsang am Vortag des freudigen Ereignisses verriet das Geheimnis, und der Zwerg namens „Erdmann“ musste weitere 500 Jahre in seiner Höhle hausen. Abenteuerlustige Höfinger haben wohl immer wieder versucht den Zwerg und seinen Schatz zu finden – ohne Erfolg.

„Das idyllische Fockental als Verbindung nach Gebersheim ist auch vielen Leonbergern nicht bekannt“, weiß die Wanderführerin Cornelia Herrman, als die Gruppe hier kurz rastet. Im Ort ist der erste Halt das Backhaus. „Die beiden Öfen, in denen sich jeweils 40 Brote backen lassen, werden mindesten vier Mal im Jahr an Gebersheimer Festen eingeheizt,“ erläutert Ilka Els aus dem Backhaus-Team. 15 Frauen und ein Mann sorgen dann dafür, dass die Besucher mit frischen Backwaren bewirtet werden.

„Auch Privatpersonen nutzen gelegentlich das Backhaus“, weiß Hubert Kogel, der Vorsitzende des Fördervereins des Gebesheimer Bauerhausmuseums. Der Verein betreut nämlich auch das Backhaus aus dem 19. Jahrhundert, das in den 1970er Jahren Instand gesetzt wurde, die benachbarte Schmiede und die alte Viehwaage. Dass es das alles noch gibt, ist ein Verdienst von Lothar Kogel, der in seinen 15 Jahren als Gebersheimer Ortsvorsteher, viel Zeit und Energie in den Erhalt investiert hat.

Glühendes Eisen in der Schmiede

In der Schmiede hat Frank Siehe gerade ein Stück rot glühendes Eisen in der Esse und zeigt der interessierten Schar, wie daraus ein Haken geformt wird. Der gelernte Maschinenschlosser hat während seiner Lehre auch Schmieden gelernt. „Für einfachere Sachen reicht es, denn Schmieden ist eine Kunst“, ist er bescheiden. Allerdings freut er sich schon auf das Frühjahr, wenn im März in der Schmiede die „Geschirr-Richtetse“ stattfindet, und in der Schmiede Sensen und Sicheln gedengelt und Gartenwerkzeuge auf Vordermann gebracht werden.

Natürlich darf in Gebersheim auch ein Abstecher ins örtliche Bauernhausmuseum nicht fehlen. Doch in das ehemalige Anwesen des im Jahr 1986 verstorbenen Wilhelm Häcker können die Wanderer nicht hinein, denn es muss saniert werden. 1616 war das ehemalige Leonberger Pfarrhaus abgebrochen und in Gebersheim als bäuerliches Anwesen wieder aufgebaut worden. 1995 hat die Stadt den Hof gekauft und dort ein Museum eingerichtet, das aber vor 20 Jahren aus Kostengründen geschlossen werden sollte.

Pläne für Sanierung des Bauernhausmuseums

Das war die Geburtsstunde des Fördervereins des Gebersheimer Bauernhausmuseums, der sich für den Erhalt des Ensembles einsetzt. „Wir sind aktuell guter Dinge. Denn inzwischen liegt das Gutachten vor, das aufzeigt, was saniert werden sollte“, sagt Frank Kogel. Nun liege es an den Gremien der Stadt Leonberg, die weiteren Schritte zu beschließen.

Bewirtet von den Mitgliedern der BUND-Ortsgruppe, die im Garten des Bauerhausmuseums zum Herbstfest eingeladen hatte, tritt die Gruppe den Rückweg über die Felder nach Leonberg an. Und als die Wanderer gerade am Leonberger Krankenhaus vorbeikommen, erhebt sich der Rettungshubschrauber in die Luft. Der gemeinsame Tenor: Das wäre Unsinn, den von hier zu verlegen.