Früheres Staatsoberhaupt Ein Werbevideo mit Christian Wulff für 790 Euro

Bald wieder Stargast beim „Mittelstands-Summit“. Christian Wulff, 64 Foto: dpa/Christophe Gateau

Wie sich der Ex-Bundespräsident als Galionsfigur einer Überlinger Firma für Firmenpreise vermarkten lässt – und warum er bestimmte Nebeneinkünfte trotz „Ehrensold“ weiter behalten darf.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Im Juni hat Christian Wulff (64) wieder seinen großen Auftritt. Dann ist der Bundespräsident außer Diensten erneut Stargast beim „Deutschen Mittelstands-Summit“, diesmal in Weimar. Die Überlinger Firma Compamedia kürt dort die innovativsten Unternehmen und besten Berater, jedenfalls unter den Teilnehmern, und Wulff dient ihr als „Mentor“ in der Kategorie „Top Consultant“. Wie jedes Jahr wird er auf der Bühne lobende Worte für die Berater finden und die dutzendfach vergebenen Auszeichnungen überreichen.

 

Für 790 Euro können die Preisträger später ein Kurzvideo von sich und dem einstigen Staatsoberhaupt erwerben, laut Compamedia zum „Selbstkostenpreis“. Zehnmal so viel, 7900 Euro, bezahlen sie als Lizenzgebühr für die Nutzung des Siegels, für die Verleihungsfeier und ein Firmenporträt. Die Teilnahme am Wettbewerb selbst samt wissenschaftlicher Evaluierung und Kundenbefragung ist kostenlos, Geld wird erst bei einer Auszeichnung fällig. Die Erfolgsquote ist freilich hoch: Von 151 Bewerbern wurden zuletzt 124 bedacht, mehr als drei Viertel waren es stets. Mit dem Siegel, lobt sich der Veranstalter, schaffe man Transparenz auf dem unübersichtlichen Beratermarkt.

Die Höhe der „Aufwandsentschädigung“ bleibt geheim

Es ist ein Geschäftsmodell, das offenkundig floriert. Diverse Veranstalter bieten ebenfalls solche Siegel an, darunter das SZ-Institut der „Süddeutschen Zeitung“, die wie die Stuttgarter Zeitung zur Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) gehört. Doch mit einem einstigen Bundespräsidenten als Galionsfigur können nur die Überlinger aufwarten. Entsprechend groß stellen sie Wulff in der Werbung heraus: Filmszenen mit ihm, ein Interview und seine einstige Amtsbezeichnung sollen wohl die Seriosität des Wettbewerbs betonen. Was der „Mentor“ dafür bekommt, wird nicht verraten, nur so viel: Es handele sich um eine „Aufwandsentschädigung“, kein Honorar.

Auf Geld ist Wulff auch nicht angewiesen: Bis ans Lebensende erhält er aus Steuermitteln einen „Ehrensold“ von zuletzt 258 000 Euro pro Jahr. Während öffentliche Bezüge angerechnet werden, darf er privatwirtschaftlich beliebig dazuverdienen. Aber sollte sich ein einstiges Staatsoberhaupt wirklich als Werbeträger für kommerzielle Zwecke hergeben? Das wird immer wieder einmal gefragt.

Verboten ist es jedenfalls nicht, wie das Bundespräsidialamt auf Anfrage erläutert: „Es gibt weder in geschriebener noch in ungeschriebener Form entsprechende Vorgaben.“ Zu etwaigen Engagements früherer Amtsinhaber nehme man „keine Stellung“, teilt ein Sprecher mit, weitere Fälle wie Wulffs Einsatz für Compamedia seien nicht bekannt.

Plan zur Anrechnung von Nebeneinkünften geplatzt

Wulff selbst schildert diesen eher als Mission für den Mittelstand und die soziale Marktwirtschaft. Qualität, Innovation und „Transparenz im Markt“ seien ihm wichtig, teilte er unserer Zeitung mit. Er verweist auf die Stiftung Warentest und die Verbraucherzentralen, die allerdings gemeinnützig agieren. Dass er offensiv als „Bundespräsident a. D.“ vermarktet wird, scheint ihn nicht zu stören: Das Amt, das er von 2010 bis 2012 ausübte, sei „Teil meiner Biografie“. Nach höchstrichterlicher Rechtsprechung dürften deshalb bis heute Fotos von ihm veröffentlicht werden, „selbst von rein privaten Lebensmitteleinkäufen“. Zu den 790 Euro für die Kurzvideos befragt, antwortet Wulff: „Ob Preise angemessen sind, entscheiden in der Marktwirtschaft Käufer und Verkäufer.“

Zur Höhe seiner „Entschädigung“ schweigt er ebenso wie der Veranstalter. Immerhin muss Wulff nicht mehr damit rechnen, dass diese seinen Ehrensold schmälert. Ein Vorstoß in der Ampelkoalition, privatwirtschaftliche Einnahmen vor dem Rentenalter anzurechnen, ist inzwischen gescheitert. Man habe den Medien entnommen, heißt es im Präsidialamt, dass in der laufenden Legislaturperiode doch keine Änderung mehr komme.

Betroffen hätte diese nur den jüngsten Ex-Präsidenten: Christian Wulff, bald 65.

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