Evolution des Menschen Die Wiege der Menschheit liegt in Europa

Graecopithecus freybergi – Spitzname El Graeco – hat vor 7,2 Millionen Jahren in einer staubbelasteten Savannen-Landschaft rund um das heutige Athen gelebt. Der Künstler Velizar Simeonovski hat dieses Gemälde nach wissenschaftlichen Vorgaben von Madelaine Böhme und Nikolai Spassov erstellt. Foto: Velizar Simeonovsk

Woher kommt der Mensch? Tübinger Forscher haben nach Funden in Bulgarien und Griechenland nun auch in Süddeutschland Hinweise auf eine bisher unbekannte Vormenschen-Art entdeckt. Die ältesten Vorfahren des Menschen stammen aus Europa und nicht – wie bislang immer angenommen – aus Afrika.

Wochenend-Magazin: Markus Brauer (mb)

Tübingen - Der aufrechte Gang des heutigen Menschen soll sich nach jüngeren Funden von Tübinger Forschern in Europa und nicht wie bislang immer angenommen in Afrika entwickelt haben. Danuvius guggenmosi, der neu entdeckte mögliche Vorfahr von Mensch und Menschenaffe, habe sich bereits vor fast zwölf Millionen Jahren auf zwei Beinen fortbewegen können, sagt die Paläontologin Madelaine Böhme von der Universität Tübingen und des Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment in einer im Fachmagazin „Nature“ veröffentlichten Studie. Das wäre mehrere Millionen Jahre früher als Wissenschaftler bislang zumeist angenommen hatten.

 

„Das ist eine Sternstunde der Paläoanthropologie und ein Paradigmenwechsel“, erklärt die 52-jährige Forscherin am Mittwoch (6. November) bei der Vorstellung der Fossilien im geowissenschaftlichen Institut der Universität Tübingen. Die Fossilien stellten die bisherige Sichtweise auf die Evolution der großen Menschenaffen und des Menschen grundlegend in Frage. „Dass sich der Prozess des aufrechten Gangs in Europa vollzog, erschüttert die Grundfeste der Paläoanthropologie“.

Madelaine Böhme hält es für „nahezu ausgeschlossen“, dass in Afrika noch ältere aufrecht gehende Menschenaffenformen existierten. Europa ist, davon ist die Forscherin überzeugt, die Wiege der Menschheit.

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Danuvius guggenmosi – der Urahn aus dem Allgäu

Das Team von Madelaine Böhme hatte zwischen 2015 und 2018 in einem Bachlauf der Tongrube Hammerschmiede auf der Gemarkung der Gemeinde Pforzen im Unterallgäu die versteinerten Fossilien dieser bislang unbekannten Primatenart entdeckt. Danuvius guggenmosi hat vor 11,62 Millionen Jahren gelebt und sich wahrscheinlich sowohl auf zwei Beinen als auch kletternd fortbewegt.

„Bislang war der aufrechte Gang ein ausschließliches Merkmal von Menschen. Aber Danuvius war ein Menschenaffe“, betont Madelaine Böhme. Die bislang ältesten Belege für den aufrechten Gang sind rund sechs Millionen Jahre alt und stammen von der Insel Kreta und aus Kenia.

Madelaine Böhme hatte bereits Fossilienfunde aus Griechenland und Bulgarien untersucht, die Graecopithecus freybergi zugeordnet werden. Diese Menschenaffen waren Vorfahren der ersten Frühmenschen und lebten vor mehr als sieben Millionen Jahren im östlichen Mittelmeerraum.

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Unterkiefer und Backenzahn von El Graeco

Der französische Paläoanthropologe Ives Coppen, der als bedeutendster französischer Forscher auf dem Gebiet der Stammesgeschichte des Menschen gilt, hatte 1994 die These aufgestellt, wonach Klimaveränderungen in Ostafrika bei dieser evolutionären Entwicklung eine entscheidende Rolle gespielt haben könnten.

Von Graecopithecus freybergi existieren zwei Funde: 1944 entdeckte der deutsche Geologe Bruno von Freyberg 1944 an der Fundstelle Pyrgos Vassilissis in der Nähe von Athen bei Ausschachtungsarbeiten für einen Bunker der Wehrmacht einen Unterkiefer, den er für den Überrest einer frühen Affenart hielt.

Der deutsch-niederländische Paläoanthropologe Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald konnte 1972 allerdings nachweisen, dass es sich bei diesem Unterkiefer um das 7,175 Millionen Jahre alte Fossil eines frühen Menschenaffen handelt. Er gab der Gattung den Namen Graecopithecus.

2012 wurde im Grabungsort Azmaka nahe der bulgarischen Stadt Tschirpan ein oberer linker Backenzahn von Graecopithecus entdeckt, der 7,24 Millionen Jahre alt ist.

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Vormenschen lebten bereits in Europa

Die Ähnlichkeit beider Funde veranlasste Madelaine Böhme 2017 zu einer näheren Untersuchung. Dabei fand sie heraus, dass beide Gebissüberreste zu ein und derselben bisher unbekannten Vormenschen-Art gehören – Graecopithecus freybergi, der sie den Spitznamen El Graeco gab. Die Paläontologin schließt daraus, dass die Abspaltung der menschlichen Linie vom Schimpansen im östlichen Mittelmeerraum stattgefunden haben könnte und nicht – wie bisher angenommen – in Afrika.

Mit Hilfe der Computertomografie machten die Tübinger Forscher die Struktur der Fossilien sichtbar. So konnten sie nachweisen, dass die Wurzeln der Vorderbackenzähne weitgehend verschmolzen waren. Während Menschenaffen zwei oder drei getrennte Zahnwurzeln besitzen, gilt die Verschmelzung der Wurzeln eines Zahns als charakteristisches Merkmal des Ur- und Vormenschen.

„Wir waren von unseren Ergebnissen selbst überrascht, denn bislang waren Vormenschen ausschließlich aus Afrika südlich der Sahara bekannt“, erklärt der Paläontologe Jochen Fuss, der die Untersuchung durchgeführte.

Muss die menschliche Evolution neu geschrieben werden?

Damit ist Graecopithecus freybergi mehrere hunderttausend Jahre älter als der bisher früheste Vormensch in Afrika Sahelanthropus, der vor rund sechs Millionen Jahren im heutigen Tschad lebte. „Mit dieser Datierung lässt sich die Trennung der Vormenschen- und der Schimpansen-Linie in den östlichen Mittelmeerraum verlegen“, betont der Paläontologe David Begun von der Universität Toronto

Madelaine Böhme geht davon aus, dass sich parallel zur Entstehung der Sahara in Nordafrika auch in Europa eine Savannenlandschaft ausgebildet haben muss. Zusammen mit den Fossilien des Graecopithecus freybergi wurden nämlich auch Überreste von Vorfahren heutiger Giraffen, Gazellen, Antilopen und Nashörner gefunden. Die Entstehung einer ersten Wüste in Nordafrika vor mehr als sieben Millionen Jahren und die zeitgleiche Ausbreitung von Savannen in Südeuropa könnten eine zentrale Rolle für die Trennung der menschlichen Stammlinie von der Abstammungslinie der Schimpansen gespielt haben.

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