Finanzielle Unabhängigkeit Rente mit 40: „Frugalismus ist mehr als stumpfes Sparen“

, aktualisiert am 01.07.2025 - 16:37 Uhr
Viele Menschen träumen von finanzieller Unabhängigkeit. Sogenannte Frugalisten wollen im Eiltempo Vermögen aufbauen. Foto: KI/Midjourney/Montage: Pichlmaier

Der Stuttgarter Florian Wagner hat seinen Ingenieursjob gekündigt. Stattdessen arbeitet er an seinem Ziel, mit 40 Jahren auf kein Gehalt mehr angewiesen zu sein. Kann das jeder schaffen? Es gibt eine Art goldene Faustregel dafür.

Digital Desk: Jonas Schöll (jo)

Mit 40 Jahren finanziell ausgesorgt haben und (vielleicht) in Rente gehen oder sich den schöneren Seiten des Lebens widmen – davon träumen wohl viele. Der Stuttgarter Florian Wagner macht ernst damit: Seine gut bezahlte Festanstellung als Projektmanager bei einem Autozulieferer hat der 38-Jährige an den Nagel gehängt, um sich anderen Themen zu widmen, die ihm mehr Freude bereiten. Dafür hat der studierte Wirtschaftsingenieur kontinuierlich seine Ausgaben effizienter gestaltet und regelmäßig investiert.

 

Wagner spart mittlerweile monatlich über 70 Prozent seines Einkommens – nach eigenen Worten ohne Einschränkung oder Verzicht. Funktioniert das Modell auch für andere und macht das wirklich Sinn?

Menschen mit diesem Lebensstil nennt man Frugalisten. Frugal bedeutet einfach, bescheiden, mäßig. Die Super-Sparer überlegen genau, was ihnen im Leben die meiste Freude bringt und richten ihre finanziellen Handlungen danach aus. Sie sparen so einen möglichst großen Teil ihres Einkommens, investieren das Geld in Aktien, ETFs und Fonds und häufen so im Erfolgsfall ein Vermögen an, mit dem sie bis an ihr Lebensende auskommen könnten, ohne einer Arbeit nachgehen zu müssen. Kann das jeder schaffen?


So funktioniert das „Frugalismus“-Konzept

„Ich verzichte auf nichts, das meine langfristige Lebensfreude einschränken würde. Vielmehr suche ich nach Win-Win Situationen“, erläutert Frugalist Wagner. Ein Beispiel: „Ich koche selbst gesundes Essen, anstatt jeden dritten Tag den Döner abends zu holen, den ich nicht genieße, sondern ich eher aus Faulheit kaufe.“ Das bescheidenere Leben wirke sich zugleich positiv auf die Gesundheit aus: „Das ist eine einfache Rechnung. Wer schlechte Laster wie Rauchen oder Trinken reduziert, lebt gesünder und länger. Die Lebensqualität steigt und man hat gleichzeitig mehr Geld auf dem Konto.“

Frugalismus ist aber mehr als stumpfes Sparen, erläutert Wagner: „Es geht sicher nicht darum, die Toilettenspülung möglichst kurz zu drücken oder nur eine Glühbirne in der Wohnung brennen zu lassen.“ Vielmehr gehe es um bewusste Entscheidungen: „Natürlich kann ich eine Pauschalreise in einem Luxushotel für 5000 Euro machen, wenn mir das Freude bringt. Aber vielleicht gefällt es mir ja besser, einfach mit den Kumpels in den Bergen zu wandern.“ Vielen Menschen könne es bereits helfen, sich einmal einen genauen Überblick über ihre Ausgaben zu verschaffen.

Faustregel: Ab wann mal als finanziell unabhängig gilt

Wagner ist mittlerweile selbstständig. Im Schnitt hat der frühere Ingenieur ein Einkommen von etwa 8000 Euro netto im Monat. In dem Blog geldschnurrbart.de und seinem Buch „Rente mit 40 – Finanzielle Freiheit und Glück durch Frugalismus“ beschreibt der Stuttgarter Praxisgeschichten von Menschen, die mehr finanzielle Unabhängigkeit auf ganz unterschiedliche Arten erreicht haben. Die Faustregel dabei lautet: Wer das 25-Fache seiner jährlichen Ausgaben angespart hat, gilt als finanziell unabhängig.

Frugalist Florian Wagner Foto: geldschnurrbart.de

Dieser Definition nach hat Wagner sein Ziel bereits erreicht. Denn mittlerweile hat der 38-Jährige ein Vermögen von 800.000 Euro angehäuft. Laut eigenen Angaben belaufen sich seine Jahresausgaben auf rund 20 000 Euro. Um nicht mehr arbeiten zu müssen, würde, so sagt er, das 25-Fache seiner jährlichen Ausgaben, also 500.000 Euro als Vermögen genügen, das dann weiter in Aktien, Anleihen, Fonds oder Immobilen angelegt wäre.

Von seinem Ziel, der Rente mit 40, ist Wagner jedoch etwas abgerückt. „Ich arbeite noch und habe das auch bis an mein Lebensende vor“, sagt der Selbstständige. Mehr finanzielle Unabhängigkeit ermögliche es ihm aber, freier entscheiden zu können, an was er arbeite, mit wem und in welchem zeitlichen Umfang. Sein Geld verdient er heute mit seinem Youtube-Kanal und seinem Blog. Dort zeigt Wagner zum Beispiel, wie man eine Website für ein Lieblingsthema erstellt und damit Geld verdienen kann.

Rente mit 40 – ist Frugalismus realistisch?

Doch ist die Rente mit 40 für jeden möglich? Kritiker bemängeln, Frugalismus sei nur etwas für Besserverdiener. Laut Statistischem Bundesamt sparen die Menschen in Deutschland im Schnitt gerade einmal rund elf Prozent ihres Einkommens. Viele können auch gar nicht mehr zur Seite legen. „Die Vorstellung, mit 40 Jahren in Rente zu gehen, klingt verlockend – doch für Durchschnittsverdiener ist dieses Ziel in der Regel kaum erreichbar“, sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Der Grund: „Die dafür notwendige Vermögensbildung erfordert ein sehr hohes Einkommen, eine außergewöhnlich hohe Sparquote oder beides“, erklärt der Finanzexperte.

Niels Nauhauser Foto: Wolfram Scheible

„Nicht unrealistisch hingegen ist es, bis zum regulären Rentenalter ein Vermögen von zum Beispiel einer Million Euro anzusparen“, sagt Nauhauser. Der Verbraucherschützer verdeutlicht das mit einem Rechenbeispiel: Angenommen, eine 25-jährige Person entscheide sich, statt 20.000 Euro in ein Auto zu investieren, diesen Betrag anzulegen. Zusätzlich spare sie monatlich 162 Euro, wobei die Sparrate jährlich um zwei Prozent steigt – im Einklang mit dem wachsenden Einkommen.

Als Millionär in die Rente mit 40?

Werde das Geld nun mit einer durchschnittlichen jährlichen Rendite von 7,2 Prozent angelegt – was dem historischen Mittelwert globaler Aktienmärkte entspreche – ergebe sich bis zum 67. Lebensjahr ein Vermögen von rund einer Million Euro vor Steuern. Um denselben Betrag nach Steuern zu erreichen, wäre laut Nauhauser – auf Basis aktueller Steuersätze – eine Sparrate von 200 Euro erforderlich.

Der Finanzexperte empfiehlt: „Diese Rendite lässt sich mit einem breit gestreuten ETF auf einen weltweiten Aktienindex und einer konsequenten Buy-and-Hold-Strategie erzielen.“ Sprich: Wertpapiere kaufen und über einen längeren Zeitraum halten. Das Beispiel zeige: „Auch ohne Spitzenverdienst ist ein finanziell abgesichertes Leben im Alter möglich – vorausgesetzt, man beginnt frühzeitig und bleibt diszipliniert.“

Keine Rente mit 40 für Geringverdiener

Was die Höhe der Sparrate betrifft, gibt es laut Nauhauser kein Richtig oder Falsch. Er meint: „Wichtig ist nur, sich die finanziellen Konsequenzen zwischen Sparen und Konsum bewusst zu machen, damit man eine informierte Entscheidung treffen kann.“ Wie sparsam man leben möchte und ob der Ruhestand mit 40 überhaupt erstrebenswert ist, sei schließlich jedem selbst überlassen. „Das ist eine persönliche Entscheidung auf Basis persönlicher Vorlieben, die jeder für sich selbst treffen sollte.“

Auch Frugalist Wagner räumt ein: Wer sein Leben lang den Mindestlohn verdiene, könne nicht mit 40 Jahren finanziell unabhängig sein. Auch für Menschen mit geringerem Einkommen sei es wichtig, sich mit ihren Finanzen auseinanderzusetzen. Nur die Ziele seien andere: „Sich endlich den lang ersehnten Urlaub leisten zu können, weniger Sorgen durch einen Notgroschen auf dem Konto, keine Zinszahlungen mehr für den Dispokredit.“ Verdiene man aber wie in seinem Fall ein Ingenieursgehalt, sei es möglich, finanzielle Unabhängigkeit Jahrzehnte vor dem offiziellen Rentenalter zu erlangen.

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