Frust vor der Tarifrunde Metalltarifpartner in der Beziehungskrise

Die Arbeitgeber sind noch immer mächtig verärgert über den Tarifabschluss, den die IG Metall 2018 in Baden-Württemberg durchgesetzt hat. Foto:  

Im Vorfeld der Tarifrunde 2020 treten die Spannungen zwischen den Arbeitgebern und der IG Metall offen zutage. Der hohe Tarifabschluss von 2018 wirkt insbesondere bei den Unternehmen immer noch nach – aber nicht nur dort.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Stuttgart - „Im Konflikt mit schwachen Partnern“ ist das Kapitel einer 190-seitigen Broschüre überschrieben, in der die IG Metall umfassend die vorige Tarifrunde analysiert. Das Kapitel wurde vor allem von Stefan Schaumburg, dem Leiter der Abteilung Tarifpolitik beim Vorstand, verfasst. Doch der Vorsitzende Jörg Hofmann dürfte jede Zeile abgesegnet haben.

 

Auf zehn Seiten rechnet die Gewerkschaft mit dem Arbeitgeberverband ab. Es gipfelt in den Vorwürfen, dass „Gesamtmetall gesellschaftspolitisch nicht auf der Höhe der Zeit ist“, dass „die Zerstrittenheit und ein sehr unterschiedliches Niveau an politischer Analyse- und Strategiefähigkeit die innere Verfasstheit des Gesamtverbandes prägen“ – und dass „die Schwäche der Spitze von Gesamtmetall, die in keiner Weise einen adäquaten Gesprächspartner für die IG Metall darstellt, konstruktive Lösungen verhindert“. Sie habe „keine Verankerung“ in der Industrie. Offener kann man dem Verbandspräsidenten Rainer Dulger nicht das Misstrauen aussprechen.

Neuer Tiefpunkt zwischen den Tarifpartnern

Die Broschüre markiert einen neuen Tiefpunkt zwischen den Tarifpartnern. Die Arbeitgeber sind ohnehin noch mächtig verärgert seit dem Stuttgarter Abschluss von Februar 2018. Die Mitglieder sind Sturm gelaufen gegen den Vertrag, der den Beschäftigten etwa acht Prozent mehr Einkommen bescherte. In den 32 Jahren seiner Verbandsarbeit habe er nach keiner Tarifrunde einen solchen Diskussionsbedarf erlebt, sagt Südwestmetall-Hauptgeschäftsführer Peer-Michael Dick. „Nie gab es so viel Ärger und Kritik.“

Damit werde die Erosion der Tariflandschaft forciert, klagen die Arbeitgeber. Dulger hat jüngst – so wurde es jedenfalls vielfach verstanden – sogar den Flächentarif infrage gestellt: „Wenn alle Unternehmen die Tarifbindung verlassen, kann die Gewerkschaft zusehen, wie sie sich im Häuserkampf durchschlägt“, sagte er in einem Interview. Südwestmetall stellt nun klar: „Wir wollen den Flächentarifvertrag nicht abschaffen.“ Der nächste Tarifabschluss müsse jedoch einerseits die gegenseitigen Beziehungen und andererseits die Reihen der Arbeitgeber befrieden. „Es muss in beiden Mitgliedschaften Frieden herrschen“, mahnt Dick. Sonst fürchtet Südwestmetall einen weiteren Mitgliederschwund. Im Jahr 2000 hatte der Verband noch 1090 Mitglieder, Anfang 2019 waren es nur noch 695. Ein Teil der Abgänger ist allerdings im OT-Verband (ohne Bindung an den Flächentarif) gelandet.

„Unternehmen auf den Wandel nicht vorbereitet“

Vor der im März beginnenden Tarifrunde wolle man bei der IG Metall „darauf hinwirken, dass sie mit ihren Forderungen die Komplexität der Tarifverträge nicht noch erhöht“, weil diese gerade kleinere Mittelständler zunehmend überfordere. Zudem solle die IG Metall eine „finanziell erträgliche Situation schaffen“ und helfen, die Verhältnisse für eine mögliche Krise „wetterfest“ zu machen. „Es kann nicht noch mehr und noch mehr geben“, sagt Dick. Man müsse den Betrieben durch tarifpolitische Maßnahmen helfen, ohne den Beschäftigten etwas wegzunehmen. Bislang „haben wir nicht den Eindruck, dass die IG Metall zu den erforderlichen Veränderungen bereit ist“.

Dass sich jetzt die Konjunktur eintrübt und der Industrie ein radikaler Umbruch bevorsteht, verstärkt die Spannungen. Im Juni hatte die IG Metall einen „Transformationsatlas“ präsentiert, der vor allem belegen sollte, dass viele Unternehmen auf den digitalen und ökologischen Wandel nicht vorbereitet sind. Sie müssten mehr in Klimaschutz investieren. Mehr noch: Ein großer Teil der Zulieferer „hat immer noch nicht verstanden, dass es eine Veränderung beim Antriebsstrang gibt und dass diese Veränderung viel schneller kommt als häufig gedacht“, wie der Baden-Württemberger Roman Zitzelsberger sagt. Nun ermahnt der Bezirksleiter nicht nur die Arbeitgeber, sondern auch die eigenen Reihen, sich rasch auf gravierende Umwälzungen einzustellen. „Kein Stein wird auf dem anderen bleiben“, prophezeit er für die Transformation. Die Mahnungen Zitzelsbergers tat Dulger wiederum im Interview mit unserer Zeitung als „alten Wein in neuen Schläuchen“ ab. Die IG Metall wünsche sich nur mehr Mitbestimmung. Als „katastrophal“ wurde diese oberflächliche Haltung wiederum aufseiten der Gewerkschaft empfunden.

Vorerst keine 35-Stunden-Woche im Osten

Es kommt also einiges zusammen in der Beziehungskrise. Dass die IG Metall auch noch Oliver Zander, den Hauptgeschäftsführer von Gesamtmetall, ins Abseits zu schieben versucht, indem sie ihn als Verhandlungspartner ablehnt, wirkt da fast schon wie eine Petitesse. Hintergrund ist die Forderung der Gewerkschaft, in Ostdeutschland von 38 auf 35 Stunden herunterzukommen. Allerdings kam auch auf Betreiben der Südwestmetaller, deren Unternehmen große Werke im Osten haben, kein Ergebnis zustande. „Die IG Metall darf nicht erwarten, dass die Kollegen eine Vereinbarung unterschreiben, die die 35-Stunden-Woche ohne Wenn und Aber einführt“, sagt Dick. Einen Zeitpunkt dafür festzulegen ist in seinen Augen nicht sinnvoll, solange die Produktivität im Osten so viel geringer ist als im Westen.

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