Anfang März 2016 geht es los. Israel schneidet Reben, pflanzt Gemüse, erntet Trauben. Er macht seine Sache gut. Er steht auf eigenen Füßen, er bezieht keine Flüchtlingshilfe mehr und bezahlt für die Unterkunft im Containercamp. Schließlich bekommt er einen Ausbildungsvertrag. Im September 2017 soll er die Lehre beginnen, vorher muss er noch besser Deutsch lernen, um den Stoff zu bewältigen.

Doch der Ausbildungsvertrag kommt zu spät. Zu diesem Zeitpunkt sieht sich Israel bereits mit der Aufforderung konfrontiert, nach Italien zurückzukehren. Damit ist nach Ansicht der Verwaltungsgerichte das Rückschiebeverfahren schon angelaufen und kann durch den eigentlich rettenden Ausbildungsplatz nicht mehr gestoppt werden. Israels Betreuer sagt, in anderen Fällen hätte die Gerichte indes die Abschiebung unterbunden, wenn der Ausbildungsvertrag vor der Nennung eines konkreten Abschiebetermins abgeschlossen wurde.

Inge Auer erzählt, ein Anwalt habe Israel geraten, sich auf die Schnelle eine deutsche Frau zu suchen. Doch das kam für diesen nicht infrage: „Mama, das ist doch keine Basis für eine Familie.“ Und so spitzen sich die Dinge zu. Bernhard Auer fasst in seiner Empörung und Ratlosigkeit den Entschluss zu dem Brief an Innenminister Strobl. „Sie wissen als Jurist nur zu gut, dass es Ermessensspielräume gibt, die man nutzen kann, wenn man will. Es ist für beschämend, feststellen zu müssen, dass solche Spielräume nicht genutzt werden.“

Die Fleißige müssen weichen

Aus Auer spricht der Frust vieler Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe, die sich des Sinns ihrer Arbeit beraubt sehen, wenn Menschen weggebracht werden, die morgens früh aufstehen, mit Bus und Bahn zur Arbeit fahren, ihren Lebensunterhalt selbst verdienen – und oft in Betrieben arbeiten, die anders nur noch schwer Mitarbeiter finden, vor allem in der Landwirtschaft oder im Handwerk. „Sie gehen in eine Zukunft, die keine ist“, schreibt Auer, „während es ungleich schwieriger ist, diejenigen auszuweisen, die sich einer Straftat schuldig gemacht haben.“ Auch darin stimmt er mit vielen Ehrenamtlichen überein, sie sind ja keine Traumtänzer: dass ihnen die Tunichtgute, die Faulen, die Straftäter erhalten bleiben, die Fleißigen aber weichen müssen. Ist das gerecht?

Bernhard Auer erkennt: Die deutsche Politik hat sich von der Willkommenskultur verabschiedet. Vor dem CDU-Bundesparteitag Anfang vergangenen Dezember lancierte Innenminister Strobl ein Asylpapier, das einer strikten Abschiebepolitik das Wort sprach. Nicht nur Herz, sondern auch Härte sei nötig, um die Folgen der Flüchtlingswelle zu bewältigen. Strobls Argument: „Wir müssen die Ausreisepflicht systematisch durchsetzen, sonst untergraben wir das Vertrauen der Bürger in den Rechtsstaat. Und im Übrigen verhindern wir sonst auch die Integration von Menschen, die wirklich Schutz brauchen.“ Laut Stuttgarter Innenministerium sind aktuell 22 400 Ausländer in Baden-Württemberg ausreisepflichtig. Strobl plädiert für konsequentes Abschieben, um die Akzeptanz für das Asylrecht zu erhalten. Es geht im sicherlich auch darum, die Rechtspopulisten klein zu halten. Deutschland soll stabil bleiben in einer unruhigen Welt.

Bernhard Auer und seine Frau Inge gehören zu den Menschen, die für dieses Land etwas geleistet haben. Nicht nur, weil sie 2015, als sie von den Flüchtlingen in der Sinsheimer Messehalle hörten, kurzerhand ihren Fahrradurlaub stornierten, um in der Kleiderkammer für 1500 Menschen ehrenamtlich Schuhe zu sortieren und Hemden auszugeben. 45 Jahre arbeitete Bernhard Auer als Lehrer, „immer singend vor dem Unterricht, immer singend nach dem Unterricht“ – genau ein Vierteljahrhundert an der Grund- und Hauptschule Kirchardt, dann 20 Jahre an der Silcherschule in Heilbronn. Und jetzt wieder, „als Feuerwehr, wenn jemand krank ist“, an der Volkshochschule Heilbronn. Dort gibt er Integrationskurse für Einwanderer, vor allem unterrichtet er Deutsch.

Das Ehepaar engagiert sich in der katholischen Kirche. Bernhard war Diakon, er taufte Kinder, begrub die Toten der Gemeinde, die heute „Seelsorgeeinheit Bad Rappenau“ heißt, er predigte. Fünf Jahre half er in der Telefonseelsorge, als Notfallseelsorger versuchte er Menschen, denen er schlimme Nachricht bringen musste, Halt zu geben. 20 Jahre wirkte er als Schöffe beim Amtsgericht Heilbronn. Seine Frau Inge, auch sie Lehrerin, erhielt das Bundesverdienstkreuz für ihren Einsatz in der Zusammenarbeit der Erzdiözese Freiburg mit der Kirche in Peru. Mehr Ehrenamt geht nicht. Daneben und vor allem zogen sie sechs Kinder groß, drei leibliche und drei Adoptivkinder, zwei Mädchen aus Korea und einen Jungen aus Indien.

Von Pontius zu Pilatus

Und da sind noch die 13 jungen Männer, die sie in der Sinsheimer Kleiderkammer kennenlernten, zwölf Syrer und eben Israel Igberase aus Nigeria. In seinem Brief an Innenminister Strobl schreibt Bernhard Auer von seinen „13 Söhnen“. Die zwölf Syrer: Anwälte, ein Apotheker, Schüler, einer kam als Analphabet. Gerade dieser aber kann schwimmen, was sich bei der Überfahrt als Segensreich erwies: Er zog Gefährten ins Boot zurück, die ins Meer gefallen waren.

Israel wiederum betrieb in seiner Heimatstadt Uromi einen Kleiderhandel, war damit aber nicht sehr erfolgreich. Er suchte Rat und geriet in eine obskure Kultgemeinde, deren Treiben er, der Christ, nicht gutheißen konnte. Er fühlte sich bedroht und ging im Jahr 2012 nach Libyen, wo er Arbeit fand und wo er zunächst auch bleiben wollte. Doch der Bürgerkrieg und die Gefahr durch Islamisten trieben ihn aufs Meer – mit Europa als Ziel.

Heidelberg, Sinsheim – im November 2015 landet Israel schließlich in Scharnhausen. Der zur Stadt Ostfildern gehörende Flecken schmiegt sich ins tief eingeschnittene Körschtal. In seiner Unterkunft hört Israel die Triebwerke der Flieger, die in Echterdingen starten. Inge Auer reist aus dem Kraichgau an und nimmt Israel mit auf Arbeitssuche. „Es war ein kalter Tag“, erzählt sie, „es hat geschneit.“ Zusammen mit Israel rennt sie von Pontius zu Pilatus. „Wir waren total durchgefroren.“ Aber nach einem Hinweis in der Gaststätte hier und einem Wink im Hofladen dort klappt es in dem Wein- und Gemüsebaubetrieb in Esslingen-Mettingen.

Abschied von der Willkommenskultur

Anfang März 2016 geht es los. Israel schneidet Reben, pflanzt Gemüse, erntet Trauben. Er macht seine Sache gut. Er steht auf eigenen Füßen, er bezieht keine Flüchtlingshilfe mehr und bezahlt für die Unterkunft im Containercamp. Schließlich bekommt er einen Ausbildungsvertrag. Im September 2017 soll er die Lehre beginnen, vorher muss er noch besser Deutsch lernen, um den Stoff zu bewältigen.

Doch der Ausbildungsvertrag kommt zu spät. Zu diesem Zeitpunkt sieht sich Israel bereits mit der Aufforderung konfrontiert, nach Italien zurückzukehren. Damit ist nach Ansicht der Verwaltungsgerichte das Rückschiebeverfahren schon angelaufen und kann durch den eigentlich rettenden Ausbildungsplatz nicht mehr gestoppt werden. Israels Betreuer sagt, in anderen Fällen hätte die Gerichte indes die Abschiebung unterbunden, wenn der Ausbildungsvertrag vor der Nennung eines konkreten Abschiebetermins abgeschlossen wurde.

Inge Auer erzählt, ein Anwalt habe Israel geraten, sich auf die Schnelle eine deutsche Frau zu suchen. Doch das kam für diesen nicht infrage: „Mama, das ist doch keine Basis für eine Familie.“ Und so spitzen sich die Dinge zu. Bernhard Auer fasst in seiner Empörung und Ratlosigkeit den Entschluss zu dem Brief an Innenminister Strobl. „Sie wissen als Jurist nur zu gut, dass es Ermessensspielräume gibt, die man nutzen kann, wenn man will. Es ist für beschämend, feststellen zu müssen, dass solche Spielräume nicht genutzt werden.“

Die Fleißige müssen weichen

Aus Auer spricht der Frust vieler Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe, die sich des Sinns ihrer Arbeit beraubt sehen, wenn Menschen weggebracht werden, die morgens früh aufstehen, mit Bus und Bahn zur Arbeit fahren, ihren Lebensunterhalt selbst verdienen – und oft in Betrieben arbeiten, die anders nur noch schwer Mitarbeiter finden, vor allem in der Landwirtschaft oder im Handwerk. „Sie gehen in eine Zukunft, die keine ist“, schreibt Auer, „während es ungleich schwieriger ist, diejenigen auszuweisen, die sich einer Straftat schuldig gemacht haben.“ Auch darin stimmt er mit vielen Ehrenamtlichen überein, sie sind ja keine Traumtänzer: dass ihnen die Tunichtgute, die Faulen, die Straftäter erhalten bleiben, die Fleißigen aber weichen müssen. Ist das gerecht?

Bernhard Auer erkennt: Die deutsche Politik hat sich von der Willkommenskultur verabschiedet. Vor dem CDU-Bundesparteitag Anfang vergangenen Dezember lancierte Innenminister Strobl ein Asylpapier, das einer strikten Abschiebepolitik das Wort sprach. Nicht nur Herz, sondern auch Härte sei nötig, um die Folgen der Flüchtlingswelle zu bewältigen. Strobls Argument: „Wir müssen die Ausreisepflicht systematisch durchsetzen, sonst untergraben wir das Vertrauen der Bürger in den Rechtsstaat. Und im Übrigen verhindern wir sonst auch die Integration von Menschen, die wirklich Schutz brauchen.“ Laut Stuttgarter Innenministerium sind aktuell 22 400 Ausländer in Baden-Württemberg ausreisepflichtig. Strobl plädiert für konsequentes Abschieben, um die Akzeptanz für das Asylrecht zu erhalten. Es geht im sicherlich auch darum, die Rechtspopulisten klein zu halten. Deutschland soll stabil bleiben in einer unruhigen Welt.

Schon richtig, sagt Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha (Grüne). Und doch ist er der Meinung: „Wenn ein Flüchtling seinen Platz in der Gesellschaft gefunden hat, wenn er Arbeit hat, und wenn der Chef im Handwerksbetrieb sagt, den könne er gebrauchen, dann ist das doch ein Wort. Solch einen Menschen sollten wir doch dabehalten.“

Schlechte Perspektiven

Bernhard Auer ist mit Minister Strobl in seinem Brief noch nicht fertig. Der hatte in einem Interview erklärt, auch das Abschieben kranker Flüchtlinge dürfe nicht länger tabu sein. Auer schreibt Strobl: „Ich schäme mich, einer Partei vertraut zu haben, die das C im Wappen trägt, aber weit davon entfernt ist, diesem C gerecht zu werden. Ich sehe mich unter diesen Gegebenheiten nicht in der Lage – und das tun viele andere ebenfalls –, Ihrer Partei bei den nächsten Wahlen meine Stimme zu geben.“ Eine Antwort erhielt Auer nicht. Er steht zu seinem Brief. Die CDU dürfe sich eigentlich nur noch Demokratische Union nennen, ohne das C, sagt er. „Christus hat zwischen Menschen nicht unterschieden. Für den, der in Not war, war er da. Ich denke, ein Christ muss auch Zivilcourage zeigen. Was die CDU heute macht, hat mit Zivilcourage nicht das Geringste zu tun. Die haben Angst, dass sie die nächste Wahl verlieren.“

Israel steigt am 10. Januar um 6.50 Uhr in den Flieger nach Mailand. Von dort wird er in eine Flüchtlingsunterkunft in Varese gebracht. Seine Helfer in Deutschland hoffen, ihn für die Ausbildung zurückholen zu können. Aber das gestaltet sich schwierig. Wie soll er in Varese die Deutschkenntnisse erwerben, die er für die Ausbildung benötigt und die er nach Auskunft der deutschen Botschaft in Rom für eine Wiedereinreise nachweisen muss? Woher soll er den Pass nehmen, den er nie besaß? „I’m very fine, Mum“, meldet er Inge Auer. Es gehe ihm sehr gut. Aber das tröstet sie nicht, das schreibe er immer, sagt sie. So sei er halt. Wenn er nur mit „I’m fine“ antworte, weiß sie: Es geht ihm nicht gut. „I’m fine Mum“, das hatte er auch aus der Polizeiwache in Filderstadt geschrieben.