Frustrierte Flüchtlingsbetreuer „Ein Christ muss Zivilcourage zeigen“

Von Reiner Ruf 

Inge und Bernhard Auer betreuen Flüchtlinge. Nun musste eines ihrer Mündel das Land verlassen. Dabei hatte der junge Nigerianer Israel Igberase mit Hilfe der Auers einen Ausbildungsplatz gefunden. Das Ehepaar fühlt sich des Sinns seiner ehrenamtlichen Arbeit beraubt.

Inge und Bernhard Auer mit einem Foto von Israel Igberase. Den Teddy hatten sie ihm Ende 2015 nach Scharnhausen mitgebracht. Foto: Gottfried Stoppel
Inge und Bernhard Auer mit einem Foto von Israel Igberase. Den Teddy hatten sie ihm Ende 2015 nach Scharnhausen mitgebracht. Foto: Gottfried Stoppel

Ostfildern - Was bleibt, sind warme Worte. „Herr Igberase war stets ein freundlicher und äußerst zuverlässiger Mitarbeiter, welcher auch immer bereit war, bei Arbeitsspitzen über die reguläre Arbeitszeit im Betrieb zu bleiben. Wir bedauern es sehr, dass Herr Igberase Deutschland wieder verlässt, da er für uns ein äußerst wichtiger Mitarbeiter war. Wir wünschen ihm für die Zukunft alles Gute.“

So steht es im Arbeitszeugnis für Israel Igberase, geboren am 15. September 1992 in Uromi, Nigeria, ausgestellt Ende November 2016 vom Wein- und Gemüsebaubetrieb Sohn in Esslingen. Israel ist nicht mehr da, nicht mehr in den Weingärten im Neckartal, nicht mehr in Deutschland, jenem Land, das er unter so großen Mühen und Schrecken erreicht hatte.

Am Abend des 9. Januar 2017 begleitet ihn ein Ehrenamtlicher vom Flüchtlingscamp in Ostfildern-Scharnhausen nach Filderstadt. Auf der Polizeiwache will Israel die Stunden abwarten, bis er zur Rückschiebung nach Italien abgeholt wird. Wie es das EU-Regelwerk vorsieht, muss er dort seinen Asylantrag stellen, wo er das erste Mal europäischen Boden betrat. Das war nicht in Deutschland, das war Lampedusa, die kleine, zwischen Sizilien und Tunesien gelegene Mittelmeerinsel.

Die Polizisten sind erst etwas unsicher ob Israels Ansinnen, bei ihnen auf die Abholung zu warten. Sie sagen, sie könnten ihn nicht einfach in eine Zelle einquartieren. Er sei ein unbescholtener Mann, auch wenn er das Land verlassen müsse. Doch Israels Betreuer im Scharnhausener Camp will vermeiden, dass es im Camp zu Aufgeregtheiten kommt, wenn die Polizei mitten in der Nacht auf dem Hof steht. Diese Abschiebungen, sagt der Ehrenamtliche, bekämen leicht den Anschein, als ginge es gegen Kriminelle. Schließlich findet sich ein Plätzchen auf der Polizeistation in Filderstadt, wo Israel – ausgerüstet mit einem Teddybären und einem Schlafsack – seiner Abholung harrt.

Ein Schreiben an den Innenminister

Der Schlafsack ist schon jahrzehntealt, er stammt von der Bundeswehr. Israel bekam ihn von einem Mann geschenkt, den er 2015 in der provisorischen Flüchtlingsaufnahme in Halle 6 der Sinsheimer Messe kennengelernt hatte. Bernhard Auer heißt dieser Mann. 74 Jahre zählt er und ist doch nicht alt. An jenem 9. Januar, an dem Israel Igberase auf dem Polizeirevier Filderstadt lauscht, ob sich die Schritte der Polizisten nähern, sitzt Auer zu Hause im Kraichgau-Flecken Kirchardt und tippt einen Brief an Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU). „Ich habe mir lange überlegt, ob ich Ihnen, einem viel beschäftigten Politiker, überhaupt schreiben soll“, hebt er an. „Ich weiß nicht, ob Sie dieses Schreiben persönlich zu Gesicht bekommen oder ob es einer Ihrer Untergebenen liest und vielleicht beantworten muss oder darf. Ich probiere es einfach mal, weil ich denke, es kann Ihnen nicht gleichgültig sein, wie einfache Menschen, mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität stehend, einiges wahrnehmen, was anderswo entschieden wird.“

Bernhard Auer und seine Frau Inge gehören zu den Menschen, die für dieses Land etwas geleistet haben. Nicht nur, weil sie 2015, als sie von den Flüchtlingen in der Sinsheimer Messehalle hörten, kurzerhand ihren Fahrradurlaub stornierten, um in der Kleiderkammer für 1500 Menschen ehrenamtlich Schuhe zu sortieren und Hemden auszugeben. 45 Jahre arbeitete Bernhard Auer als Lehrer, „immer singend vor dem Unterricht, immer singend nach dem Unterricht“ – genau ein Vierteljahrhundert an der Grund- und Hauptschule Kirchardt, dann 20 Jahre an der Silcherschule in Heilbronn. Und jetzt wieder, „als Feuerwehr, wenn jemand krank ist“, an der Volkshochschule Heilbronn. Dort gibt er Integrationskurse für Einwanderer, vor ­allem unterrichtet er Deutsch.

Das Ehepaar engagiert sich in der katholischen Kirche. Bernhard war Diakon, er taufte Kinder, begrub die Toten der Gemeinde, die heute „Seelsorgeeinheit Bad Rappenau“ heißt, er predigte. Fünf Jahre half er in der Telefonseelsorge, als Notfallseelsorger versuchte er Menschen, denen er schlimme Nachricht bringen musste, Halt zu geben. 20 Jahre wirkte er als Schöffe beim Amtsgericht Heilbronn. Seine Frau Inge, auch sie Lehrerin, erhielt das Bundesverdienstkreuz für ihren Einsatz in der Zusammenarbeit der Erzdiözese Freiburg mit der Kirche in Peru. Mehr Ehrenamt geht nicht. Daneben und vor allem zogen sie sechs Kinder groß, drei leibliche und drei Adoptivkinder, zwei Mädchen aus Korea und einen Jungen aus Indien.

Von Pontius zu Pilatus

Und da sind noch die 13 jungen Männer, die sie in der Sinsheimer Kleiderkammer kennenlernten, zwölf Syrer und eben Israel Igberase aus Nigeria. In seinem Brief an Innenminister Strobl schreibt Bernhard Auer von seinen „13 Söhnen“. Die zwölf Syrer: Anwälte, ein Apotheker, Schüler, einer kam als Analphabet. Gerade dieser aber kann schwimmen, was sich bei der Überfahrt als Segensreich erwies: Er zog Gefährten ins Boot zurück, die ins Meer gefallen waren.

Israel wiederum betrieb in seiner Heimatstadt Uromi einen Kleiderhandel, war damit aber nicht sehr erfolgreich. Er suchte Rat und geriet in eine obskure Kultgemeinde, deren Treiben er, der Christ, nicht gutheißen konnte. Er fühlte sich bedroht und ging im Jahr 2012 nach Libyen, wo er Arbeit fand und wo er zunächst auch bleiben wollte. Doch der Bürgerkrieg und die Gefahr durch Islamisten trieben ihn aufs Meer – mit Europa als Ziel.

Heidelberg, Sinsheim – im November 2015 landet Israel schließlich in Scharnhausen. Der zur Stadt Ostfildern gehörende Flecken schmiegt sich ins tief eingeschnittene Körschtal. In seiner Unterkunft hört Israel die Triebwerke der Flieger, die in Echterdingen starten. Inge Auer reist aus dem Kraichgau an und nimmt Israel mit auf Arbeitssuche. „Es war ein kalter Tag“, erzählt sie, „es hat geschneit.“ Zusammen mit Israel rennt sie von Pontius zu Pilatus. „Wir waren total durchgefroren.“ Aber nach einem Hinweis in der Gaststätte hier und einem Wink im Hofladen dort klappt es in dem Wein- und Gemüsebaubetrieb in Esslingen-Mettingen.