FSME, Borreliose und Co. Krank nach Zeckenstich: So groß ist das Risiko

Nach Wanderungen oder Spaziergängen sollten Körper und Kleider nach Zecken abgesucht werden. Foto: KI/Midjourney/Montage: Björn Locke

Justin Timberlake ist nach einem Zeckenstich an Borreliose erkrankt. Doch wie hoch ist das Risiko, an FSME und Co. zu erkranken? Was Experten sagen.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Ein kleiner Wanderausflug auf die Schwäbische Alb wurde einer Stuttgarterin zum Verhängnis: Erst bekam sie Kopfschmerzen, dann taten ihre Glieder bei jeglicher Bewegung weh, bald folgte hohes Fieber. Ihr Hausarzt schickte die Mitvierzigerin mit Verdacht auf Hirnhautentzündung ins Klinikum Stuttgart. Dort wurde der ärztliche Verdacht bestätigt: Sie wurde mit der Diagnose Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME genannt, stationär aufgenommen – übertragen von einer Zecke, die sich die Stuttgarterin beim Wandern eingefangen hatte.

 

Doch wie groß ist die Gefahr eigentlich, dass ein Zeckenstich in eine ernsthafte Erkrankung mündet? Bezogen auf die FSME-Erkrankung ist eine Infektion statistisch gesehen hauptsächlich Pech – selbst in sogenannten Hochrisikogebieten wie Baden-Württemberg. Nach Angaben des Robert Koch Instituts in Berlin tragen im Mittel in FSME-Risikogebieten bis zu fünf Prozent der Zecken FSME-Viren in sich. Hieraus ein Erkrankungsrisiko nach einem einzelnen Zeckenstich abzuleiten, sei nicht möglich, so die Experten.

Die allermeisten FSME-Infektionen verlaufen unbemerkt

Lediglich anhand der gemeldeten Fälle lässt sich eine gewisse Wahrscheinlichkeit errechnen: So wurden im Jahr 2024 dem Robert-Koch-Institut 686 nachgewiesene FSME-Erkrankungen gemeldet. Nahezu ein Drittel davon in Baden-Württemberg: Hier gab es im vergangenen Jahr 226 FSME-Fälle. Im Jahr 2023 waren es noch 140. Die Dunkelziffer ist dabei weitaus höher: So bleiben laut Robert-Koch-Institut bis zu 95 Prozent der Infektionen unbemerkt. Wenn aber jemand erkrankt, dann ist Vorsicht geboten: Denn unter denen, die fiebern, stirbt einer von hundert.

Dass sich vermehrt Menschen mi t diffusen Krankheitsbeschwerden nach einem Zeckenstich vorstellen, vermelden auch die hiesigen Krankenhäuser. „Teils haben wir es tatsächlich mit einer FSME-Infektion zu tun“, sagt Andreas Lienig, leitender Oberarzt der Infektologie am Klinikum Stuttgart, der auch die Stuttgarterin behandelt hat. Die Erkrankung beginnt meist mit grippeähnlichen Symptomen und kann dann in eine Hirnhaut-, schlimmstenfalls in eine Rückenmarksentzündung führen. Häufiger aber noch kommen Patienten in die Notaufnahme, weil sich um den Stich der Zecke eine Rötung gebildet hat: Ein mögliches Zeichen, einer beginnenden Infektion mit Borrelien.

Borreliose-Infektionen nach Zeckenstichen sind häufiger

„Borreliose kommt sehr viel häufiger vor als FSME“. sagt Lienig. Schätzungen zufolge kommt es jährlich bundesweit zu 60 000 bis 100 000 Neuerkrankungen. Das Risiko, nach einem Zeckenstich daran zu erkranken, ist weitaus höher als bei der FSME: Die spiralförmigen Bakterien namens Borreliae burgdorferi sind maximal in jeder dritten Holzbock-Zecke zu finden, einer von 20 Gestochenen infiziert sich, einer von 100 erkrankt mit roter Verfärbung um den Stich und Fieber.

„Die Borreliose kann verschiedene Organsysteme betreffen“, sagt Lienig. Antibiotika können das Schlimmste abwenden – sofern die Medikamente rechtzeitig verschrieben werden. „Aber einen medizinischen Schutz wie eine Impfung dagegen gibt es nicht“, sagt der Experte. Erst unlängst hatte der US-Sänger Justin Timberlake seine Borreliose-Erkrankung öffentlich gemacht. Wie viele Borreliose-Erkrankte es in Baden-Württemberg gibt, ist unklar.

Anders wie bei der FSME gibt es nicht in allen Bundesländern bei Borreliose eine Meldepflicht. Lediglich die Behandlungsdaten der AOK Baden-Württemberg geben einen Einblick in das Krankheitsgeschehen: Demnach wurden im vergangenen Jahr 13 134 Patienten im Südwesten aufgrund einer Borreliose-Erkrankung behandelt. Davon stammen rund 300 aus dem Stadtgebiet Stuttgart. In den Jahren 2020 und 2021 waren es mit jeweils rund 14 700 noch mehr.

Fälle von Hasenpest nehmen im Südwesten zu

Es gibt noch eine Vielzahl anderer Erkrankungen, die über einen Zeckenstich verbreitet werden können. Ein Beispiel, das in den vergangenen Wochen in München Aufsehen erregte, waren etwa die beiden Fälle von Hasenpest-Infektionen, die ebenfalls über einen Zeckenstich erfolgt sind. Auch hier sind es zunächst unspezifische grippeähnliche Symptome, mit denen sich die Erkrankung bemerkbar macht. Typischerweise kommt es dann aber zu Bildung eines Geschwürs an der Einstichstelle.

Allerdings kann auch hier das Erkrankungsrisiko noch als moderat angesehen werden: Zwar ist nach Angaben des Robert Koch Instituts die Zahl der diagnostizierten und gemeldeten Hasenpest-Fälle beim Menschen in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Doch noch belaufen sie sich lediglich auf rund 180 Nachweise – die meisten in Bayern (63 Fälle) und Baden-Württemberg (46 Fälle). Welche davon tatsächlich von Zecken übertragen worden sind, ist unklar.

Stuttgarter achten zu wenig auf Schutz vor Zecken

Im Klinikum Stuttgart jedenfalls gehört die Abfrage nach Zeckenstichen bei der Aufnahme von Patienten mit diffusen grippeähnlichen Beschwerden inzwischen zur Routine. „Wir rechnen damit, dass wir häufiger mit Erkrankungen nach Zeckenkontakt konfrontiert werden“, sagt Lienig. Auch, weil viele Menschen gerade in Stuttgart nicht oder nur unzureichend auf einen Schutz achten, wenn sie sich im Freien aufhalten.

Andreas Lienig ist Leiter der Infektologie am Klinikum Stuttgart. Foto: Klinikum Stuttgart

Das bestätigt auch die Krankenkasse AOK Baden-Württemberg : Während in den Landkreisen wie beispielsweise Rottweil und Freudenstadt Schwarzwald fast jeder Dritte vollständig gegen FSME-Erreger geimpft sind, liegt der Anteil in größeren Städten deutlich niedriger: Im Stadtgebiet Stuttgart beispielsweise verfügen knapp zwölf Prozent der Versicherten über einen ausreichenden Immunschutz. Dabei ist die Impfung, die in drei Dosen verabreicht wird, gut verträglich und obendrein eine Kassenleistung. Selbst Kindern ab einem Jahr wird die Immunisierung empfohlen.

Auch im Garten lauern Zecken

Wichtig ist auch das Wissen, wo überall Zecken auftauchen können: Gerade im Südwesten kann dies überall der Fall sein – in Stadtparks genauso wie am Waldrand, im Weinberg oder im eigenen Garten. „Grundsätzlich kann man sich gegen Zeckenstiche durch das Tragen körperbedeckender Kleidung sowie mit zeckenabweisenden Mitteln auf Kleidung und unbedeckter Haut schützen“, sagt Lienig. Nach Wanderungen oder Spaziergängen sollten Körper und Kleider nach Zecken abgesucht werden. Kommt es doch zu einem Stich, ist es wichtig, die Zecke schnell zu entfernen: „Am besten mit einer Pinzette oder Zeckenkarte aus der Apotheke“, sagt Lienig.

Ein Stich allein ist aber noch kein Grund einen Arzt aufzusuchen, sagt Lienig. Erst, wenn erste Anzeichen einer möglichen Infektion auftreten – wie beispielsweise eine ringförmige Rötung rund um den Zeckenstich, die sich ausbreitet. Oder es kommt zu grippeähnlichen Symptomen wie Fieber, Kopf- und Gelenkschmerzen sowie einer allgemeinen Abgeschlagenheit. Je früher die Therapie beginnt, umso besser. Daher ist laut Lienig eine möglichst frühzeitige Diagnose wichtig.

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