Führender der Tour de France Wie Tadej Pogacar in seiner eigenen Liga fährt

Der Mann im Gelben Trikot: Tadej Pogacar Foto: dpa/Daniel Cole

Auf den beiden Alpen-Etappen zeigt der slowenische Titelverteidiger bei der Tour de France seine große Überlegenheit – das wirft Fragen auf.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Tignes/Stuttgart - Jede Tour de France produziert unvergessliche Bilder. Szenen, die sich einprägen. Das aktuelle Rennen ist da keine Ausnahme, wie sich nun erneut zeigte – doch diesmal ging es nicht um den nächsten spektakulären Sturz. Sondern um Gesichter.

 

Auf der Etappe nach Le Grand-Bornand fuhr Tadej Pogacar am Samstag eine Attacke, die hinterher wahlweise als unfassbar, unglaublich, unheimlich oder unwirklich beschrieben wurde. Dazu passte die Mimik der Fahrer aus der ursprünglichen Spitzengruppe, die der Slowene einen nach dem anderen überholte. Sie waren komplett überrascht, tief beeindruckt, total perplex – und die TV-Kameras fingen ihr aussagekräftiges Mienenspiel wunderbar ein. „Er befindet sich auf einem anderen Level, ist an mir vorbeigeflogen“, sagte Michael Woods, einer der Profis, die Pogacar hatte aussehen lassen wie Pennäler, die mit dem Rad gemütlich zur Schule fahren. Zu diesen gehörte auch Sören Kragh Andersen: „Echt beeindruckend! Ich bin von den Socken, wie schnell er war. Aber wer die Tour gewinnen will, muss schnell sein.“

Daran, dass Tadej Pogacar in zwei Wochen in Paris erneut im Gelben Trikot aufs Podium klettern wird, gibt es seit dem Wochenende in den Alpen wenig Zweifel. An ihm selbst sehr wohl. Neu sind diese Vorbehalte allerdings nicht.

Ein vergiftetes Lob

Zwar kann niemand einem Sieger vorwerfen, wer sich alles in die Schar seiner Gratulanten einreiht, vielsagend aber war schon, was Superdoper Lance Armstrong nach dem Erfolg von Pogacar bei der Tour de France 2020 erklärte: „Das ist eine der besten Leistungen gewesen, die wir jemals im Radsport gesehen haben.“ Ein vergiftetes Lob, klar. Und eines, an das sich jene erinnert fühlten, die dem Slowenen jetzt nach seinem Husarenritt in den Alpen in den sozialen Medien einen neuen Spitznamen verpassten – „Pogstrong“.

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Die Frage, ob Pogacar unsauber spielt oder gar in eine Schublade mit einem Betrüger wie Armstrong gehört, lässt sich aktuell nicht seriös beantworten. Ein Beweis dafür fehlt. Was es gibt, sind Fragwürdigkeiten, die ihn schon länger begleiten. Er ist auch diese Saison der Star des UAE Team Emirates, zu dem Führungspersönlichkeiten gehören, die alles andere als einen guten Ruf haben. Er kommt weiterhin aus einem Land, das immer wieder mit Dopingfällen zu tun hat (die französische Zeitung „Le Monde“ errechnete, dass 42 Prozent der slowenischen Fahrer, die zwischen 2009 und 2019 Profis wurden, Dopingstrafen kassiert haben). Und er fährt immer noch auf dem Niveau, das schon die Tour 2020 zu einem Rennen der Superlative machte.

Phänomenale Leistungswerte

Damals entriss Pogacar seinem Landsmann Primoz Roglic das Gelbe Trikot am vorletzten Tag durch einen fulminanten Sieg im Bergzeitfahren in den Vogesen, nach dem seine Leistungswerte auf 6,5 bis 6,7 Watt pro Kilogramm taxiert wurden. In einer ähnlich übermenschlichen Dimension soll er sich nun am Samstag wieder bewegt haben, als er 30 Kilometer vor dem Ziel antrat – und die Konkurrenz abhängte, als würde nur er auf einem Hochleistungs-E-Bike sitzen. Am Ende überließ Pogacar den Etappensieg dem Belgier Dylan Teuns, es reichte ihm, alle verbliebenen Gegner in der Gesamtwertung um mindestens viereinhalb Minuten distanziert zu haben. Auch den Ecuadorianer Richard Carapaz, der am längsten mitgehalten hatte. „Er ist uns allen klar überlegen“, sagte der Giro-Sieger von 2019, „das haben wir heute gespürt.“ Und Nils Politt meinte: „Wahnsinn, was er hier macht. Berghoch fährt Pogacar in einer anderen Liga.“

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Der 22-Jährige war zufrieden mit seiner Machtdemonstration, schließlich hatte er gezeigt, dass er kein herausragendes Team benötigt wie einst Lance Armstrong oder Chris Froome, um der jüngste Doppelsieger der Tour-Geschichte zu werden – sondern dass er es auch alleine richten kann. Und dennoch wehrte er voreilige Glückwünsche zum erneuten Gesamtsieg ab. „Am Freitag ist jeder gegen uns gefahren, deshalb habe ich alles auf eine Karte gesetzt, um Zeit zu gewinnen – sonst wäre es immer so weitergegangen. Angriff ist eben die beste Verteidigung“, sagte Pogacar, „doch der Weg bis Paris ist weit, es ist noch nicht vorbei. Auf keinen Fall habe ich das Rennen gekillt.“ Viele Beobachter beurteilen das grundlegend anders.

Zweite Attacke auf dem Weg nach Tignes

„Pogacar zermatscht die Tour“, lautete nach dem Supersolo am Samstag eine der Schlagzeilen in den französischen Medien. Die Überlegenheit hat damit zu tun, dass in Roglic (beendete die Tour) und Geraint Thomas (nach Sturz aussichtslos zurück) die beiden vermeintlich härtesten Konkurrenten keine Rolle mehr spielen. Vor allem aber liegt sie an der Stärke von Pogacar – der denn auch einräumte, dass sein härtester verbliebener Kontrahent er selbst sei. Das zeigte auch die zweite Etappe in den Alpen am Sonntag.

Während der Australier Ben O’Connor in Tignes nach einer tollen Soloflucht gewann, mit der er sich auf Rang zwei der Gesamtwertung verbesserte, unterstrich Pogacar, dass ihn nur ein Sturz, eine Verletzung oder eine Krankheit stoppen kann. Nicht die Konkurrenz. Diesmal attackierte der Mann in Gelb am letzten Anstieg aus der Gruppe der Besten heraus – und machte im Alleingang weitere 30 Sekunden gut. Seit den Alpen ist Pogacar ein Herrscher ohne echten Rivalen. Auch dieses Bild wird sich einprägen.

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