Führung in Beutelsbach „Atmosphäre ist toll“ – Taschenlampen wecken im Württemberg-Haus die Geschichte
Von wegen Geschichte ist langweilig – im Schein von Taschenlampen bekommt das Württemberg-Haus für Kinder und ihre Eltern einen ganz neuen Reiz.
Von wegen Geschichte ist langweilig – im Schein von Taschenlampen bekommt das Württemberg-Haus für Kinder und ihre Eltern einen ganz neuen Reiz.
Lichtkegel von Taschenlampen erhellen abends die Räume des Württemberg-Hauses in Beutelsbach, huschen mal hierhin, mal dorthin. Wer geht dort zur nächtlichen Stunde um? Sind womöglich Einbrecher am Werk?, mögen Außenstehende sich fragen. Doch Sorge um die Exponate muss sich an diesem Samstagabend niemand machen. Denn es sind keine Diebe, sondern die Teilnehmer einer Taschenlampenführung, welche die Historikerin Katja Nellmann unter dem Motto „Licht aus, Geschichte an!“ erstmals für Acht- bis Zwölfjährige anbietet.
Zu Nellmanns großer Freude machen tatsächlich auch Kinder mit – was offenbar keine Selbstverständlichkeit ist, wie sie erzählt. Mit dabei ist unter anderem auch der achtjährige Sohn der Reporterin. An ihren Familienführungen habe jedenfalls erst einmal ein Kind teilgenommen – was nicht heißt, dass ansonsten bisher nur Erwachsene das Württemberg-Haus besucht haben. Bei einer Rallye, die Nellmann auf Wunsch der örtlichen Grundschule konzipierte, bevölkerte schon einmal die gesamte vierte Klassenstufe das Museum. Und auch eine Jugendfreizeit habe schon einmal eine Führung gebucht, berichtet sie. Insgesamt betrachtet stellen Kinder als Museumsbesucher im Württemberg-Haus aber doch mehr die Ausnahme als die Regel dar.
Mit dem neuen Angebot der Taschenlampenführungen soll sich das ändern. Die Idee dazu ist nicht neu. Gibt man das Stichwort Taschenlampenführung in einen Online-Suchdienst ein, bekommt man eine ganze Reihe von Angeboten angezeigt, allen voran etwa vom Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart. Felix Traier und sein elfjähriger Sohn Jonathan kennen das Konzept von dorther bereits. „Die Atmosphäre ist einfach toll. Man guckt die Sachen ganz anders an“, schwärmt der Endersbacher sichtlich begeistert auch von der nächtlichen Führung jetzt durch das Württemberg-Haus.
Bei dieser geht es zunächst hinauf ins Obergeschoss des Museums. Im Zentrum des Interesses steht indes nicht die aktuelle Sonderausstellung über Grafeneck und die dort in der NS-Zeit verübten Verbrechen. Gemeinsam wird mit den Lampen hinter eine der Stellwände geleuchtet, um das bei der jüngsten Renovierung freigelegte Fachwerk dahinter mit seinen Malereien zu betrachten und so ein Gefühl für das Museumsgebäude an sich zu bekommen. Denn knapp 500 Jahre alt ist es als ehemaliges Rathaus von Beutelsbach selbst ein Ort mit Geschichte.
Noch wesentlich älter hingegen ist der Weihestein in einem der Dauerausstellungsräume nebenan. Der wuchtige Quader stammt von der Kapelle, die einst 1083 auf dem Kappelberg errichtet wurde, erfahren die Kinder und ihre Eltern von Nellmann, und dass einst auf der Anhöhe bei Beutelsbach auch eine Burg stand. Die jungen Führungsteilnehmer hören, staunen und untersuchen mit ihren Lampen die raue Oberfläche des Steins millimetergenau. Derweil vollbringt Nellmann auf die Hintergrundfrage eines Vaters das Kunststück, den Investiturstreit kindgerecht zu erklären, infolge dessen Konrad von Beutelsbach seinen Wohnsitz vom Remstal ins Neckartal auf den Wirtemberg verlegte und sich entsprechend umbenannte.
Dennoch brennt der achtjährige Begleiter der Zeitungsreporterin schon darauf, sich die nächsten Räume anzusehen, statt langen Erklärungen zuzuhören. Schließlich gibt es noch so viel zu entdecken, wie beispielsweise den Abguss eines auf 1252 datierten Inschriftensteins der Burgruine Kappelberg und weitere Fundstücke aus der Zeit, etwa von Sicheln und Armbrüsten. Im Schein der Taschenlampe betrachtet der Nachwuchs den Inhalt von Vitrinen ganz genau, dem er bei Museumsbesuchen im Tageslicht wohl nur einen flüchtigen Blick gönnen würde. Zudem hält auch Nellmann die Kinder an, genau hinzugucken. So wird gemeinsam gerätselt, weshalb den Abguss eines Schmucksteins der Beutelsbacher Stiftskirche ein Bärenkopf ziert, und werden die Merkmale des Wappens der Württemberger besprochen.
Im Erdgeschoss des Hauses empfängt die nächtlichen Besucher ein finster dreinblickender Herr auf einem mannshohen Gemälde. Nellmann zeigt den gestrengen Herrscher Herzog Ulrich von Württemberg indes auch von seiner menschlichen Seite. Wie er als Halbwaise nach dem Tod seiner Mutter bei der Geburt bei Eberhard im Bart, der ihn als seinen Sohn annahm, aufwuchs und nach dessen Tod bereits mit elf Jahren zum Herzog ernannt wurde und mit 16 die Regierung zu übernehmen hatte.
„Der war wahnsinnig überfordert“, so Nellmann – insbesondere als 1514 der Aufstand des Armen Konrad in Beutelsbach seinen Anfang nahm und der Gaispeter als einer der zehn Anführer der Aufständischen mit Sturmgeläut auf dem Kappelberg seine Anhänger zusammenrief. In einfachen Worten erklärt die Historikerin, was es mit seiner Wasserprobe in der Rems auf sich hatte, was es für die Menschen damals bedeutete, ein Leibeigener des Herzogs zu sein, und welche historische Bedeutung dem Armen Konrad als Ersten bekannten Aufstand überhaupt zukommt.
Obwohl bereits sichtlich müde, kann selbst der siebenjährige Arthur als jüngster Teilnehmer von der nächtlichen Erkundungstour offenbar nicht genug bekommen. „Und was ist das da für eine Karte?“, fragt der junge Endersbacher, als Nellmann sich eigentlich bereits verabschieden möchte, zu einem Schaubild, das den Bauernzug von 1525 verdeutlicht, der rund zehn Jahre nach dem Armen Konrad ein noch weit blutigeres Ende fand.
Auch sein Vater Benjamin Schwarz, für den die Taschenlampenführung ebenso eine Premiere ist wie für seinen Sohn, hätte fasziniert von dem Angebot noch so einige Fragen an Nellmann gehabt. „Man hat einen anderen Blickpunkt, bekommt einen ganz anderen Fokus. Das ist echt spannend“, so sein Resümee.