Führung in Weinstadt Sehbehinderte eröffnen neue Perspektiven

Benjamin Braun bei einer Probe beim Weingut Kuhnle in Weinstadt. Foto: Edgar Layher

Weinstadt riechen, hören, schmecken und fühlen – das konnten die Teilnehmer der ersten inklusiven Wanderung durch die Stadt. Wir waren bei der Premiere dabei.

Weinstadt - Unten ist er quadratisch, oben achteckig mit gotischen Fenstern eingelassen, und auf seinem Dach ist ein Wetterhahn“, beschreibt Laura Kutter den Teilnehmern ihrer geführten Wanderung durch Weinstadt detailliert, wie der Turm der Beutelsbacher Stiftskirche gebaut ist. Sofort wandern die Blicke von einem Teil der Zuhörer den Kirchturm hinauf. Die übrigen Teilnehmer wirken eher in sich versunken, während sie dennoch aufmerksam Kutters Worten lauschen. Denn was die Wanderführerin ihnen erklärt, können sie so nicht sehen.

 

Eine Wanderung für alle Sinne

Zum ersten Mal veranstaltet das örtliche Stadtmarketing eine inklusive Wanderung durch Weinstadt für Menschen mit und ohne Sehbehinderung. Man wolle sich im kommenden Jahr am Deutschen Wandertag beteiligen, der von Fellbach ausgerichtet werde, und habe sich dazu das Thema Inklusion vorgenommen, erläutert Helena Moser vom städtischen Amt für Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Stadtmarketing die Hintergründe. Die Wanderung für alle Sinne sei daher gewissermaßen ein Testlauf. Dazu habe man sich Tour de sens als kompetenten Partner an die Seite geholt. Kutter ist die Geschäftsführerin des Stuttgarter Reiseveranstalters, der sich auf gemeinsame Unternehmungen für sehbehinderte und sehende Menschen spezialisiert hat. Wenn die inklusive Stadttour ankomme, merkt Moser an, sei es aber das Ziel, so etwas auch unabhängig vom Wandertag weiterhin anzubieten.

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Über mangelnden Zuspruch können sich die Veranstalter beim Testlauf zumindest schon einmal nicht beklagen. Nicht nur aus Stuttgart und dem Nachbarlandkreis Ludwigsburg sind Teilnehmer extra angereist, um dabei zu sein, sondern auch aus Bayern und Thüringen. Gestartet ist die Gruppe am S-Bahn-Halt in Beutelsbach, um dann durch den Bürgerpark und vorbei an der Stiftskirche und dem Alten Rathaus zum Karlstein aufzusteigen und anschließend hinab über den Skulpturenpfad nach Strümpfelbach zu laufen. Dort steht ein Besuch beim Bildhauer Karl Ulrich Nuss und eine Weinprobe auf dem Programm, bevor die Tour schließlich am Bahnhof in Endersbach nach rund elf Kilometern endet.

Als „mittelschwer“ bezeichnet Kutter die Wanderung, bei deren Planung sie natürlich ein besonderes Augenmerk auf die Wegauswahl gerichtet hat. Schließlich müsse dieser auch für sehbehinderte Menschen machbar sein. Breit genug, um zum Führen zu zweit nebeneinander gehen zu können, sollte dieser möglichst sein, erklärt Kutter am Rande der Veranstaltung, aber auf keinen Fall völlig barrierefrei und eben. „Der Untergrund sollte wechselnd sein. Denn über die Füße nimmt man unheimlich viel wahr.“ Nur über Asphalt zu gehen, würde gerade für Blinde relativ schnell langweilig werden.

Ein verkleinertes Modell der Stiftskirche

Dafür, dass es nicht langweilig wird, sorgt Kutter indes noch auf vielfältige andere Weise. So gibt es etwa die Stiftskirche für die Teilnehmer im verkleinerten Modell zum Anfassen. Von Hand zu Hand geht die Kirchenplastik, derweil auch die Außenwände des echten Gotteshauses ertastet werden. Und wie fühlt es sich an? „Der Sandstein ist schon präzise gehauen“, urteilt eine Frau aus München, die von Geburt an blind ist. Obwohl sie noch nie in ihrem Leben eine Kirche gesehen habe, mache sie sich ihr Bild, erklärt sie auf Nachfrage, etwa vom Alter des sakralen Bauwerks aus dem 16. Jahrhundert. Das kann sie nämlich ertasten. „Ältere Mauern sind viel gröber gemacht.“ Für ihre sehenden Begleiter, die sie führen und ihnen die Umgebung beschreiben, eröffnen die Sehbehinderten durch ihre intensiven Wahrnehmungen über andere Sinnesorgane wiederum neue Perspektiven. Das gemeinsame Erleben und der Austausch zwischen sehbehinderten und sehenden Teilnehmern gehören zum Konzept von Tour de sens.

Ein Halt bei der Kirbe

Vielfältige Sinneseindrücke ermöglicht dabei vor allem auch Kutters Tourenplanung, welche die inklusive Wanderung deutlich interessanter macht als gewöhnliche Führungen. Gemeinsam wird dabei etwa der Naschgarten im Bürgerpark erschmeckt. Eindrücklicher könnte Laura Kutters vorangegangene Erklärung, dass Weinstadts Grüne Mitte mit anderen Parks „nicht vergleichbar ist“, nicht werden. Vor dem Alten Rathaus in Beutelsbach gibt es dann Kirbe-Feeling auf die Ohren. Per digitalem Lautsprecher lässt Laura Kutter den Oberbürgermeister Michael Scharmann ertönen, wie er zur Eröffnung der Traditionsveranstaltung eine Rede hält, bevor junge Frauen und Männer des Kirbe-Jahrgangs in weinseliger Laune zu singen beginnen.

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