Führungskräfte in der Pflege Auf den Stationsfluren von Kliniken lauern Konflikte
Eine Untersuchung unter Pflege-Führungskräften zeigt deutliche Defizite bei der Bewältigung von Problemen in den Teams. Das hat nicht nur für die Patienten Folgen.
Eine Untersuchung unter Pflege-Führungskräften zeigt deutliche Defizite bei der Bewältigung von Problemen in den Teams. Das hat nicht nur für die Patienten Folgen.
Patienten spüren es sofort, wenn der Haussegen in einer Klinik schief hängt und es innerhalb der Mitarbeiterschaft ungelöste Konflikte gibt. Besonders große Auswirkungen hat das im Pflegesektor, denn dort ist der Kontakt zum Patienten extrem intensiv. Erschwerend kommt hinzu, dass der Personalmangel dazu führt, dass der Stress für das Pflegepersonal ständig zunimmt. Jede auf ungelösten Konflikten beruhende Kündigung verschärft das Problem.
Was kann eine Klinikleitung also tun, um die Situation im Pflegesektor zu verbessern? Welche Rolle spielen dabei die Pflege-Führungskräfte? Wie kann man sie besser auf Konfliktsituationen und den Umgang damit vorbereiten? Diesen Fragen sind Katrin Heeskens, Geschäftsführerin der Fachkommission Gesundheit an der in Stuttgart beheimateten Dualen Hochschule Baden-Württemberg, und Konfliktcoach und Mediatorin Anja Dietze, die Leiterin der Unternehmenskommunikation des Klinikums Esslingen, gemeinsam in einer Studie nachgegangen. „Wir wollten ein Problem beleuchten, über das bisher nicht ausreichend gesprochen wird“, sagt Anja Dietze.
Als Basis ihrer Studie diente den Expertinnen eine Befragung von rund 100 Pflegeführungskräften in Krankenhäusern in Stuttgart, der Region und ganz Baden-Württemberg. Das Ergebnis der Querschnittsstudie ist eindeutig: Rund 80 Prozent der Befragten gaben an, mit Konflikten in ihren Teams moderat bis stark belastet zu sein. Nur für knapp neun Prozent spielt dieser Aspekt keine Rolle.
Rund die Hälfte der Führungskräfte erklärte, dass Mitarbeiterinnen als Grund für ihre Kündigungen Konflikte mit Kolleginnen und Kollegen genannt haben. Das sei, das betonen die Autorinnen der Studie, ein großes Problem: Denn komme es in einem Pflegeteam vermehrt zu Kündigungen, führe dies häufig dazu, dass es den Ruf des Teams schädige. Das wiederum wirke sich negativ auf das Anwerben von neuen Mitarbeitenden aus.
Auf die Frage nach den Gründen, die zu Konflikten führten, gibt es eine breite Ursachen-Palette: Platz eins belegt die mangelnde Kommunikation. Aber auch herausfordernde Rahmenbedingungen werden ebenso genannt wie der Umgang mit Beschwerden und eine emotional fordernde Arbeit. Auch unterschiedliche Lebens- und Arbeitsphasen und die große Heterogenität der Mitarbeitenden können zu Konflikten führen. Einige Führungskräfte vermissten auch Rückhalt von Leitungsebenen und bemängelten fehlende klare Organisationsprozesse.
Wichtig ist Dietze aber: „Konflikte sind per se kein Problem. Sie können, wenn sie bearbeitet werden, Strukturen verbessern, Teams in ihrer Zusammenarbeit voranbringen und im besten Falle alle Beteiligten gemeinsam gestärkt aus der Bearbeitung hervorgehen lassen“, sagt sie. Heeskens fügt hinzu: „Kündigungen, Teams, deren Zusammenarbeit wegen Konflikten leiden, oder Einzelne, die innerlich kündigen und aufgrund von ungelösten Konflikten krank werden, das wollen wir mit unserer Studie und dem Fokus auf Konflikte in Pflegeteams verhindern.“
Dabei, so fordern die Autorinnen der Studie, dürfe man die Führungskräfte in der Pflege mit ihren Sorgen nicht alleine lassen. Die Bearbeitung von Konflikten erfordere Zeit und ein professionelles Vorgehen. Eine unsensible Konfliktbearbeitung könne zu noch größeren Unstimmigkeiten oder Verletzungen führen, die eine Lösung noch schwieriger mache.
Oft hätten die Führungskräfte nicht die Ressource und das professionelle „Handwerkszeug“, einen Konflikt so zu bearbeiten, dass es für alle Beteiligten zu einem positiven Ergebnis kommt. Deshalb sei es sinnvoll, die Führungskräfte zu entlasten und die Konfliktbearbeitung durch professionelle Hilfe von außen mit Hilfe von Konfliktcoaching, Supervision und Mediation zu ermöglichen.
So könne man auch viel Geld sparen, argumentiert Heeskens: Es sei günstiger, sich um die vorhandenen Pflegekräfte stärker zu bemühen, als Personal in Indien oder Mexiko zu verpflichten, das dann nach kurzer Zeit Deutschland wieder verlasse.
Auch Myriam Holm, Hebamme und Teamleiterin am Klinikum Esslingen, betont, dass Konflikte an sich grundsätzlich nichts Negatives sind: „Obwohl Konflikte uns aus unserer Komfortzone holen, bieten sie uns die Chance, unsere Arbeitsprozesse zu verbessern“, sagt sie. Das wichtigste sei, die entstehende Energie in eine konstruktive Richtung zu lenken: „Letztlich können wir so eine bessere Versorgung für unsere Patienten und Patientinnen gewährleisten – und gleichzeitig die Mitarbeiterzufriedenheit steigern.“
Führungskräfte
Laut der Umfrage von Anja Dietze und Katrin Heeskens fühlen sich mehr als 35,5 Prozent der Führungskräfte im Pflegedienst an Krankenhäusern stark und weitere 10,5 Prozent sehr stark durch Konflikte in ihrer Arbeit belastet.
Teamarbeit
Die Arbeit im Team wird demnach durch Konflikte in 28,5 Prozent der Fälle stark und in weiteren 14,5 Prozent sogar sehr stark belastet. hol