Fünf Tage besser leben Eine Woche ohne Smartphone - eine Woche Steinzeit

Nach fünf Tagen sage ich Tschüs zu meinem Nokia 100. Morgen früh hole ich mir mein iPhone zurück. Foto: StZ 10 Bilder
Nach fünf Tagen sage ich "Tschüs" zu meinem Nokia 100. Morgen früh hole ich mir mein iPhone zurück. Foto: StZ

Online-Ressortleiter Tobias Köhler hat sein iPhone ausgeschaltet und im Schrank eingeschlossen. Freitagnachmittag beschließt er: genug gejammert! Die Bilanz des Selbstversuchs, sich ohne Smartphone durchzuschlagen.

Digital Unit : Tobias Köhler (tokö)
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Stuttgart - Freitagmittag, 14 Uhr.

Ganz ohne Umschweife: die nackten Fakten. Ich habe diese Woche...

...elf Kurznachrichten erhalten (mangels Absender überwiegend ignoriert).

...sechs Kurznachrichten geschrieben, was pro Stück ca. fünf bis acht Minuten gedauert hat (weil zu doof, T9-Texterkennung zu nutzen, die aus "Tobias" immer "Stöbic" macht. Aber nur, weil ich mich vertippe).

...acht Anrufe erhalten (drei verpasst, zwei aus Versehen weggedrückt).

...vier Mal selbst telefoniert (einmal mit einer freundlichen, aber mit völlig unbekannten türkischen Familie, weil verwählt).

...ungefähr 749 dumme Kein-Smartphone-Witze über mich ergehen lassen müssen.

...ungefähr 874 noch viel dümmere Kein-Smartphone-Witze selbst gemacht.

...mindestens 56 Stunden netto mit Lamentieren, Weltschmerz und Herumjammern verbracht.

...festgestellt, dass ich der größte Jammerlappen im Onlineressort bin, aber nur mit ganz knappem Vorsprung vor Anja (selber kochen), Rebecca (täglich Sport) und Uli (nur mit dem Rad fahren).

...vor lauter Motzen gar nicht gemerkt, dass mir mein iPhone gegen Ende der Woche gar nicht mehr arg gefehlt hat. Und ich am Ende ganz ohne Handy durch die Gegend gelaufen bin.

...die Erkenntnis gewonnen, dass ich niemals, never, jamais wieder mit einem guten, alten Tastentelefon auskommen wollte. Aber vielleicht mit ein bisschen weniger Smartphone (aber wirklich nur ein bisschen).

Ich werde, ganz sicher, am Samstag um 0.01 Uhr mein Smartphone anwerfen. Kurz die Apps aktualisieren, einmal über die eingelaufenen Whatsapp-Nachrichten schauen - und das Ding gleich wieder weglegen. Weil ich das jetzt kann.

Am Montag die Bilanz der Aktion im Lokalteil der (gedruckten) Stuttgarter Zeitung - und um 5.10 Uhr und 5.35 Uhr, 8.10 Uhr und 8.35 Uhr auf Antenne 1.

Und hier gibt's zum Nachhören, was bisher geschah auf Antenne 1:

Freitagmorgen, 6 Uhr.

Als das Nokia am Donnerstagabend gegen 22 Uhr plötzlich ausgeht, zucke ich nicht mal.

Weil meine Mitmenschen unisono von der fabelhaften Akkuleistung meines Dinophones geschwärmt hatten, habe ich mich um so etwas Banales wie die Stromversorgung die letzten Tage nicht gekümmert.

Ich bin kein bisschen geläutert

Und was soll ich sagen: Es kümmert mich gar nicht, dass das Ding plötzlich nimmer funktioniert.

Bevor meine Kollegen jetzt triumphierend aus dem Schrank springen (was auch immer sie da drin gemacht haben mögen): Nein, ich bin nicht geläutert. Kein bisschen. Null. Naja, fast null.

Ich verspreche euch: Am Samstag, 0 Uhr, werde ich mein iPhone anwerfen, vermutlich erst einmal 30 Apps updaten und dann alle Icons unabhängig von deren Funktion drücken. Einfach, weil ich es (wieder) kann.

Na gut, ich bin ein kleines bisschen geläutert

Aber eines gebe ich schon zu: wenn man so am Hans-im-Glück-Brunnen sitzt, ein bisschen mit Freunden redet und sich eines lau(nig)en Abends erfreut, geht es auch ganz gut ohne dauernd auf das Smartphone zu gucken.

Ausnahme: ich bin mit dem Kollegen H. unterwegs und das Schicksal hat uns an einen Tisch mit Doppelkennzeichen-Touristen verschlagen, die sich in einem schwäbischen Kryptodialekt abwechselnd über die Wunder der Großstadt und das abenteuerliche Leben bei der Freiwilligen Feuerwehr Hintertupfingen unterhalten. Weil selbst wir dann zu gut erzogen sind, um mit den Augen zu rollen und offen zu thematisieren, dass die Herrschaften doch sicher in Kürze die Kühe von der Weide treiben müssen und ergo ein rascher Aufbruch empfehlenswert wäre, tauschen wir unsere teuflischen Gedanken Auge in Auge via iPhone aus. Ja, Großstädter - oder die, die es gerne wären - können sehr grausam sein. ;-)

Der Countdown läuft

Also los, die Sonne geht gerade auf, die Vögel zwitschern, die dritte Tasse Kaffee dampft vor mir: den letzten Tag kriegen wir auch noch irgendwie rum.

Blöd nur, dass ich das Nokia-Ladegerät im Büro liegen lassen habe.




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