Schulen in Baden-Württemberg Warum Schulleiter Schneeschippen müssen

Von  

Das Kultusministerium tut sich schwer, die Chefsessel der Schulen zu besetzen. Die Koalition hat versprochen, die Schulleitungen zu stärken, doch das Konzept lässt auf sich warten.

An manchen ländlichen Schulen muss der Schulleiter auch Hausmeisteraufgaben übernehmen. Foto: dpa
An manchen ländlichen Schulen muss der Schulleiter auch Hausmeisteraufgaben übernehmen. Foto: dpa

Stuttgart - Schulleiter von kleinen ländlichen Grundschulen müssen Tausendsassas sein. Frühmorgens schippen sie schon mal den Schulhof frei, berichtet die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Meist kommt die Sekretärin nur zweimal die Woche für ein paar Stunden, meldet der Verband Bildung und Erziehung (VBE). Was sonst an Verwaltung anfällt, erledigt der Schulleiter. Ebenso wie diverse Hausmeisteraufgaben. Und er unterrichtet auch noch 18 Stunden in der Woche. Dafür ist die Bezahlung kaum besser als die eines normalen Grundschullehrers. A12Z, heißt die Einstufung im Fachjargon, das sind 200 Euro brutto mehr als ein Lehrer bekommt, erklären Gerhard Brand der Vorsitzende des VBE und Matthias Schneider, Geschäftsführer der GEW.

Anfänger verdienen mehr als Schulleiter

Junge Hauptschullehrer fangen jetzt bereits in der Besoldungsklasse A13 an, und erhalten damit als Berufseinsteiger mehr als der Grundschulrektor, sagt Brand. Das sorgt für Unmut, zumal Grund- und Hauptschulen häufig unter einem Dach sind. Kein Wunder, dass in Baden-Württemberg 6,5 Prozent der Schulleiterstellen nicht besetzt sind. Zwischen Main und Mainau werden laut Kultusministerium derzeit 231 Schulleiter gesucht. Die meisten davon für Grund-, Haupt- und Werkrealschulen.

Brand berichtet, dass es zum Teil zwei Jahre dauert, bis eine kleine Grundschule wieder einen Chef hat. Solange mache manchmal der dienstälteste Lehrer den Job (zu seinem normalen Lehrergehalt) oder der Rektor aus dem Nachbarort komme gelegentlich vorbei. „In Interesse der Qualität ist das nicht“, sagt Brand.

Konzept lässt auf sich warten

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU), die sich die Qualitätsverbesserung der Schulen auf die Fahnen geschrieben hat, sieht die Schulleiter dabei in einer tragenden Rolle: „Auf die Schuleiter kommt es besonders an, wenn wir über Qualität an den Schulen reden. Sie sind entscheidend für die Motivation der Lehrkräfte, für die Qualitätsentwicklung an den Schulen und damit für den Erfolg einer Schule und der Schüler“, erklärte Eisenmann gegenüber dieser Zeitung.

Das Kultusministerium arbeite „mit Hochdruck an einem Konzept, das die Schulleitungen stärken soll“. So wie es Grüne und CDU in ihrem Koalitionsvertrag versprochen haben. Eigentlich wollte Eisenmann noch in diesem Jahr ihre Pläne vorstellen. Doch jetzt trifft sie sich erst noch mit ausgewählten Schulleitern. Dabei soll es sich nicht um Funktionäre, sondern um reine Praktiker handeln, erklärt eine Sprecherin Eisenmanns.

Die Einladungspraxis hat den Unmut der GEW erregt. Man vertrete tausend Schulleiter und verstehe nicht, warum man nicht eingeladen sei, bedauert die Vorsitzende Doro Moritz in einem Brief an Susanne Eisenmann.

Jede Schulart hat eigene Probleme

Die Problemlagen unterscheiden sich von Schulart zu Schulart. An Grundschulen steht eher die Besoldung im Vordergrund, an großen Gymnasien und beruflichen Schulen dagegen geht es um die Entlastung von Verwaltungsaufgaben. „Schulleiter brauchen mehr Zeit für ihre Führungsaufgabe“, betont auch die Kultusministerin. Eine Lösung könnten Schulverwaltungsassistenten sein. Das sei durchaus eine Option für große Schulen, lässt Eisenmann ausrichten. Seit dem Schuljahr 2006/07 laufen an elf Schulen im Land Versuche zur Schulassistenz. Die Beamten werden je zur Hälfte vom Land und den Kommunen finanziert. Norbert Brugger, der Bildungsdezernent des Städtetags, könnte sich vorstellen, dass ein Verwaltungsassistent für mehrere Schulen eingesetzt wird.

Verbände fordern bessere Bezahlung und mehr Zeit für die Schulleitung

„Minimum Besoldungsgruppe A13 und mehr als zehn Stunden Leitungszeit“, fordert der VBE. Das teilt auch die GEW. „Der Fokus muss auf der Grundschule liegen“, sagt GEW-Geschäftsführer Schneider. Auch brauche jede Schule mindestens halbtags eine Sekretärin. Ferner sollte das Land ein Programm auflegen, das Lehrer überhaupt motiviere, sich als Rektoren zu bewerben. Schneider kritisiert, dass das Programm „Fit für Führung“ gekürzt worden sei. Im Interesse der Personalentwicklung und der Vorbereitung auf die Rolle als Führungskraft gehe es darum, frühzeitig Kandidatinnen und Kandidaten zu gewinnen, meint auch Eisenmann. Gleichzeitig seien gute Aus-und Fortbildungsangebote „unabdingbar“. Das Konzept stellt sie nun für den Jahresanfang in Aussicht.

Größte Probleme an Grundschulen

3540 Schulleiter gibt es im Land. 231 Stellen sind unbesetzt. An Grund- und Hauptschulen im Land fehlen 179 Chefs. An den Sonderschulen, die jetzt sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) heißen, sind 20 Chefsessel vakant ebenso an zehn Realschulen. Neun Gemeinschaftsschulen suchen einen Schulleiter, sieben Gymnasien und fünf berufliche Schulen. Dazu kommt eine Stelle an einer Verbundschule. Das Kultusministerium erwartet, dass 29 der offenen Stellen spätestens zum Jahresende besetzt sein werden. Zum Teil seien schon Stellen ausgeschrieben, die erst zum kommenden Schuljahr frei würden, erklärt eine Sprecherin.


In Baden-Württemberg sind einer Bertelsmann-Studie zufolge derzeit 6,5 Prozent der Schulleiterstellen nicht besetzt. In Sachsen ist jede zehnte Stelle offen, in Nordrhein-Westfalen sind es 15 Prozent.