Für kleine und mittelständische Unternehmen Land gibt Starthilfe für firmeneigene 5G-Netze

An fünf Universitäten und Forschungseinrichtungen in Stuttgart, Mannheim, Reutlingen, Karlsruhe und Freudenstadt werden derzeit reine 5G-Netze als Testumgebung für mittelständische und kleinere Firmen aufgebaut. Foto: Rainer Bez/Universität Stuttgart IFF, Fraunhofer IPA

Um auch kleinere Unternehmen von den Möglichkeiten eigener Mobilfunknetze zu überzeugen, startet das Land im Dezember in fünf Städten Testnetze. Daimler und Bosch bauen unterdessen ihre Zukunftsnetze weiter aus.

Geld/Arbeit: Daniel Gräfe (dag)

Stuttgart - Der Logistikdienstleister LSU Schäberle hat sich auf den Transport und die Lagerung von Gefahrstoffen spezialisiert. Doch die Abläufe, mit denen sich der Stuttgarter Mittelständler derzeit beschäftigt, erscheinen ähnlich diffizil. Schäberle baut ein eigenes lokales 5G-Netz auf, auch Campusnetz genannt. Im Idealfall soll mit diesem die neue Logistikhalle, die gerade gebaut wird, „zu einem der modernsten und innovativsten Gefahrstofflager in Deutschland“ werden, wie Geschäftsführer Thomas Schäberle hofft.

 

Dann könnten zum Beispiel Gabelstapler direkt mit den firmeneigenen Servern und Datenbanken vernetzt oder Artikel aus den Regalen autonom entnommen und zusammengestellt werden. Außerdem emanzipiere man sich so von den großen Mobilfunkanbietern, betont Schäberle. „Damit schaffen wir ein erhöhtes Maß eigener Kontrolle über unsere Daten und werden unabhängiger von etwaigen Störfällen.“

In Deutschland können Firmen Lizenzen für eigene 5G-Netze beantragen

Die Hoffnungen der Firmen und Kommunen im Land sind groß. Der neue Mobilfunkstandard 5G, der sich derzeit entwickelt, lässt schon jetzt die Geschwindigkeit bei der Datenübertragung nach oben schnellen und soll diese zuverlässiger und individueller machen. Außerdem ermöglicht 5G wegen extrem kurzer Verzögerungszeiten künftig eine Kommunikation in Echtzeit. Für das Zukunftsnetz können in Deutschland auch Firmen eigene lokale Frequenzen im Bereich von 3700 bis 3800 MHz beantragen – kleine Flächen lassen sich so schon ab einigen Tausend Euro vernetzen.

Ein Vorteil im weltweiten Wettbewerb, wie Netzexperten betonen: Mit dem eigenen Netz könnten Auto- und Maschinenbauer, Logistiker, Chemie- und Medizinfirmen nicht nur sicherer, schneller und effizienter wirtschaften, sondern mit den gesammelten Daten auch neue Geschäftsmodelle entwickeln.

Seit November vergangenen Jahres vergibt der Bund die Lizenzen. Bisher wurden 88 Anträge für lokale 5G-Netze gestellt und 83 Lizenzen vergeben, teilt die zuständige Bundesnetzagentur auf Anfrage mit. Anfang Februar waren es noch rund 20 gewesen.

Die Lizenzvergabe ist auch für mittelständische Unternehmen eine Chance

Dass sich neben Branchengrößen wie Daimler, Airbus, Porsche und Bosch und renommierten Forschungseinrichtungen wie das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) auch IT-Dienstleister vorwagen, ist neu. Die Bundesnetzagentur listet jene Lizenznehmer auf, die einer Veröffentlichung ihrer Daten zugestimmt haben. Darunter sind auch die Beratungsunternehmen EZcon Network aus Aalen und die LS Telcom AG aus Lichtenau oder der Backnanger Systemintegrator Telent zu finden. „Die Lizenzvergabe eröffnet auch für Mittelständler wie uns einen neuen Markt und nicht nur den großen Telekommunikationsunternehmen“, sagt Telent-Marketingleiter Giuseppe D’Amicis. „Wir sind näher dran an den Bedürfnissen kleinerer Unternehmen als große Konzerne wie die Telekom.“

Telent hilft auch dem Logistiker LSU Schäberle beim Aufbau des eigenen Campusnetzes. Im Normalfall kooperieren für die Campusnetze Konzerne: So hat etwa Daimler für sein 5G-Netz in der Sindelfinger Factory 56 unter anderem den Mobilfunker Telefónica mit in die Halle geholt.

Ein Mittelständler wie LSU Schäberle muss im Vergleich zu Daimler noch genauer kalkulieren, wie er ein eigenes Campusnetz nutzen könnte. „Dass das die Zukunft ist, ist klar. Schwieriger ist es, konkrete Anwendungen zu finden, dass sich der Aufbau auch rechnet“, sagt Schäberles Campusnetz-Experte Christian Zadow. Jede Branche müsse dafür ihre eigene Antwort finden, meint er. Ein Problem sei, dass sich der 5G-Standard permanent weiterentwickle. Oft gebe es noch keine passenden Endgeräte, oder sie seien zu teuer. Und doch müssten am Ende bestenfalls neue Geschäftsfelder mit einem Zusatznutzen stehen, um die eigenen Kunden von dem Mehrwert zu überzeugen, betont Zadow. „Ich hoffe, dass wir in ein, zwei Jahren im Laufen sind.“ Weil Mittelständler wie LSU Schäberle beim Aufbau eigener 5G-Netzte eine Ausnahme sind, leistet das Land Starthilfe. An fünf Universitäten und Forschungseinrichtungen in Stuttgart, Mannheim, Reutlingen, Karlsruhe und Freudenstadt werden derzeit reine 5G-Netze als Testumgebung für mittelständische und kleinere Firmen aufgebaut, kurz 5G4KMU genannt. Im Dezember sollen sie in Betrieb gehen, das Wirtschaftsministerium fördert sie mit knapp sechs Millionen Euro. „Damit sollen die Firmen für ihre jeweiligen Bedürfnisse die Potenziale von 5G erforschen“, sagt Projektleiter Matthias Schneider.

Das Wirtschaftsministerium unterstützt die kleinen Firmen im Land mit Testzentren

So bietet das Stuttgarter Fraunhofer IPA ein 5G-Testfeld für Fabriken und Produktionssysteme an, das Karlsruher KIT für die vorausschauende Instandhaltung von Maschinen sowie das Mannheimer PAMB für Kliniken und medizinische Labore. Anderswo geht es um smarte Produkte, Datenanalysen und Logistik. Im Idealfall findet ein Unternehmen die entscheidenden Anwendungen, um es selbst mit einem Campusnetz zu versuchen.

Abwarten, bis die Kosten für die Campusnetze und die benötigten Endgeräte in den kommenden Jahren fallen, sollten die Firmen besser nicht, warnt Schneider. „Dann verpassen sie den Anschluss und setzen ihre Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel. Genau das versuchen wir, mit unseren Angeboten zu verhindern.“

Hintergrund

Daimler und Bosch bauen ihre eigenen Netze auf – Porsche erprobt sein Netz in Leipzig

Daimler
Die großen Konzerne im Südwesten sehen sich bei den eigenen Campusnetzen in puncto Wettbewerb international mit vorn. So sagt Daimler von sich, die Sindelfinger Factory 56 biete „das weltweit erste 5G-Mobilfunknetz für die Automobilproduktion“. Seit September funkt es teils für die Serienproduktion der neuen S-Klasse. Derzeit suche und teste man verstärkt Anwendungsfälle für das neue Netz, um sie in die Produktion und letztlich in die Serienproduktion zu integrieren, sagt ein Sprecher. Die Ergebnisse wiederum sollen als Blaupause für weitere Standorte in Deutschland und später weltweit dienen. Welche neuen 5G-Fabriken das sein könnten, sagt Daimler nicht.

Bosch
Der Automobilzulieferer und Technologiekonzern Bosch erprobt schon seit Jahresbeginn 5G für den Aufbau von Campusnetzen in seinem Industrie-4.0-Leitwerk im Stuttgarter Stadtteil Feuerbach und am Forschungscampus in Renningen. Jetzt testet Bosch den neuen Mobilfunkstandard auch mit dem schwedischen Netzausrüster Ericsson in seinem Halbleiterwerk in Reutlingen. Erprobt werde der Einsatz autonomer Transportsysteme, der Fernzugriff auf Maschinen sowie die Kommunikation von industriellen Anlagen untereinander. Die Erkenntnisse würden auch in die Planungen weiterer Campusnetze wie dem neuen Halbleiterwerk in Dresden einfließen, sagt Michael Bolle, Digital- und Technikchef bei Bosch. „Von Tag eins an wird das Werk bereit für 5G sein.“ Die Pilotproduktion solle voraussichtlich Ende 2021 beginnen.

Porsche
Dass auch die Leitkonzerne im Land für die neuen Campusnetze oft mehr Zeit brauchen als erhofft, zeigt das Beispiel Porsche. Noch Anfang Februar teilte der Autobauer unserer Zeitung mit, man sei „gerade dabei“, Frequenzen für „eine zweistellige Anzahl von Standorten“ in Deutschland zu beantragen. Schon in der zweiten Jahreshälfte wollte man im Stammsitz in Zuffenhausen ein eigenes Campusnetz testen. Jetzt soll vorerst nur im Werk in Leipzig ein privates 5G-Netz installiert werden – das allerdings erst im ersten Quartal des kommenden Jahres.

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