Tafelläden im Kreis Ludwigsburg Corona verändert Abläufe – Hilferuf von Betreibern

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Corona hat die Abläufe im Ludwigsburger Tafelladen verändert. Dort dürfen nur noch vier Kunden gleichzeitig einkaufen. Aus dem Strohgäuladen in Ditzingen wiederum kommt ein Hilferuf: Die Betreiber suchen Fahrer – und bitten Bauern um Erntegaben.

Möhren, Tomaten und anderes: Im Strohgäuladen in Ditzingen wird  Obst und Gemüse mit Maske verkauft – ebenso wie in anderen Tafelläden. Foto: factum/Simon Granville
Möhren, Tomaten und anderes: Im Strohgäuladen in Ditzingen wird Obst und Gemüse mit Maske verkauft – ebenso wie in anderen Tafelläden. Foto: factum/Simon Granville

Ditzingen/Ludwigsburg - An eine Maske haben sich Kunden aller möglichen Geschäfte gewöhnt. Einen Mund-Nasenschutz brauchen auch die Kunden der Tafelläden – und es dürfen wegen Corona weniger Personen gleichzeitig dort einkaufen. Doch die Pandemie hat zu noch einschneidenderen Veränderungen geführt.

Für den Strohgäuladen in Ditzingen, das Geschäft für bedürftige Menschen, werden dringend Fahrer gesucht. „Das ist quasi ein Hilferuf“, sagt Nadine Bernecker von der Diakonischen Bezirksstelle. Einer der beiden bisherigen Chauffeure ist wegen Krankheit ausgefallen, der verbliebene schafft die Arbeit alleine nicht.

Die Fahrer holen morgens mit dem Kleinbus des Ladens Warenspenden aus den Läden umliegender Gemeinden ab. „Wenn wir keine Fahrer haben“, sagt Bernecker, „können wir zulassen.“ Sie denkt beispielsweise an einen tatkräftigen Studenten mit Führerschein und Fahrerfahrung mit einem Kleinbus. Und die Frau von der Diakonie wendet sich an die Landwirte im Strohgäu: Lagerfähiges Obst und Gemüse werden dringend gebraucht, wenn der Strohgäuladen am nächsten Montag wieder öffnet. Kartoffeln, Zwiebeln, Kürbis, Äpfel sind gefragt. Der Keller will gefüllt werden für den Winter. Und Mehl und Milchprodukte sind immer Mangelware.

Zuerst zu, dann nur Tüten

An vielen Stellen merkt man in den Tafelläden, dass der Betrieb wegen Corona nicht so rund läuft wie zuvor. Zu Beginn der Pandemie war geschlossen, dann öffnete man wieder und gab zunächst nur Tüten mit Warenspenden aus. „Uns fehlt der Umsatz von drei Monaten“, sagt Bernecker – rund 10 000 Euro. Es gebe zwar noch Rücklagen, die würden aber für maximal zwei Jahre reichen. Zum Jahresbeginn hat der Kirchenbezirk Vaihingen/Ditzingen die Trägerschaft des Strohgäuladens an den Kreisdiakonieverband abgegeben. Dort denke man darüber nach, einen Teil der hauptamtlichen Personalstellen aufzugeben – „der Ersatz ist nur über das Ehrenamt möglich“. Denn ein fünfstelliges Minus pro Jahr muss erst finanziert werden.

Auch die Öffnungszeiten stehen zur Diskussion – obwohl die Zahl der bedürftigen Kunden nicht geringer wird. 390 Personen haben eine Einkaufskarte, rund 1000 Menschen werden so mit preisgünstigen Lebensmitteln und anderem täglichen Bedarf versorgt. Auf den Listen stehen 540 Erwachsene und 480 Kinder und Jugendliche. „Da wird das Thema Kinderarmut präsent“, sagt die Sozialarbeiterin in Diensten der Kirche. Für den Laden werden zudem neue Freiwillige gesucht – etliche 80-Jährige haben aufgehört oder wollen aufhören. „Wir haben eine große Verantwortung auch für diese Menschen“, sagt die Ladenchefin Martina Holler. Und für die Kunden: nur noch zwei dürfen gleichzeitig rein. Draußen stehen sie an.

Ludwigsburg auch während der Ferien offen

„Armut macht keinen Halt“, sagt Anne Schneider-Müller, die Geschäftsführerin des Tafelladens in Ludwigsburg. Deshalb sei der Laden auch während der Sommerferien geöffnet. In das Geschäft in der Saarstraße kommen pro Tag etwa 110 Kunden – 20 weniger als vor Corona. Es seien vor allem ältere Menschen, die fernblieben – aus Angst, sich anzustecken. Nur vier Kunden dürfen noch gleichzeitig einkaufen, halb so viele wie vor Corona. Das führt ab und an zu Wartezeiten von einer oder anderthalb Stunden.

Lesen Sie hier: Die Erfahrungen nach 20 Jahren Ludwigstafel

Dennoch sind die Erfahrungen gut. „Wir haben es nicht erlebt, dass sich Leute blöd benommen haben“, zeigt sich die Geschäftsführerin erleichtert, auch sei „große Solidarität der Bevölkerung mit den Tafeln“ zu spüren. Im Moment habe man keine finanziellen Sorgen, meint Anne Schneider-Müller, erinnert aber an eines: „Wir sind ein Verein, haben keine Diakonie im Hintergrund.“

Kurzarbeiter oder Studenten seien gekommen, um mitzuhelfen. Zu ihnen zählt Jacqueline Schnoor. Wie alle im Team sortiert sie Gemüse, füllt Tomaten in Beutel. „Ich bin mit einem guten Gefühl seit Juni hier“, sagt die 18-Jährige aus Gerlingen, die im Herbst ein Studium in Trier beginnen will. „Viele Menschen sind auf die Tafeln angewiesen.“ Sie werde jedenfalls „schöne Begegnungen, die den Horizont erweitern“ mitnehmen – Erfahrungen mit Kunden und anderen Ehrenamtlichen in der Ludwigstafel. Eine andere Helferin an diesem Vormittag ist Ilona Stephan. Seit fünf Jahren hilft die 65-Jährige donnerstags – ihren Mann hat sie mitgebracht.

Zentrale für andere Tafelläden

Auf solche Menschen sind Anne Schneider-Müller und ihre Kunden angewiesen. Denn die Ludwigstafel versorgt nicht nur Bedürftige in Ludwigsburg und in vier anderen Läden im Kreis, sondern sie beliefert auch elf Läden in der Heilbronner Gegend und fünf Tafeln im Rems-Murr-Kreis mit Waren. „Es ist manchmal ein ganz schöner Kraftakt, das alles hinzukriegen“, sagt Anne Schneider -Müller.

In Marbach sind der Tafelladen und sein Verein bisher gut zurechtgekommen. „Es gab große Solidarität, alle haben etwas getan“, sagt der Vereinsvorsitzende Ewald Pruckner gegenüber unserer Zeitung. So habe es nennenswerte Bargeldspenden aus dem Verein und der Bevölkerung gegeben, der Vermieter habe die Miete gestundet – und Schüler hätten im Frühjahr und Frühsommer wochenlang im Laden mitgearbeitet. Das sei deshalb so wichtig gewesen, so Pruckner, weil etliche ältere Ehrenamtliche wegen des Corona-Risikos ausgefallen seien.

Öffnungszeiten der Tafelläden

Ditzingen:

Von 31. August an ist in der Mittleren Straße 22 geöffnet: dienstags bis donnerstags von 9.30 bis 12 Uhr, montags, dienstags und donnerstags von 15 bis 17 Uhr; freitags von 9.30 bis 14 Uhr.

Kornwestheim:

In der Karl-Joss-Straße 10 ist mittwochs und freitags von 14.30 Uhr bis 16.30 Uhr geöffnet.

Ludwigsburg:

In der Saarstraße 25 ist montags und donnerstags von 13.30 bis 17 Uhr offen, dienstags, mittwochs und freitags von 10.30 bis 15.30 Uhr, in der Neuen Weinsteige 18 in Eglosheim am Donnerstag von 14.30 Uhr bis 16.30 Uhr. Der Laden in Grünbühl ist vorübergehendgeschlossen.

Bietigheim-Bissingen:

Der Laden ist vorübergehend in der Alten Jahnhalle in Bissingen, Jahnstraße 91, und montags, mittwochs und freitags von 10.30 bis 16 Uhr offen. Ferien sind vom 31.8. bis 11.9.

Marbach:

Der Laden, Niklas-torstraße 20, ist am Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag von 11.30 Uhr bis 13 Uhr und am Samstag von 13.30 bis 14.30 Uhr offen.

Vaihingen:

Informationen gibt es unter der Telefonnummer 0 70 42/9 30 40.




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