Peking/Frankfurt am Main - Als sie dieses Exemplar zum ersten Mal sah, war sie baff: „Man sieht einen schönen, winzig kleinen Vogelschädel, der in einem Stück Bernstein erhalten geblieben ist“, erinnert sich Jingmai O’Connor von der chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking. Diesen Fund hat die Expertin für ausgestorbene Vögel jüngst gemeinsam mit Lida Xing von der China University of Geosciences in Peking und fünf weiteren Kollegen in der Zeitschrift „Nature“ genauer vorgestellt (Band 579, Seite 245).
Mit gerade einmal 7,1 Millimetern ist der Schädel des Oculudentavis khaungraae getauften Winzlings noch ein wenig kleiner als der 8,8 Millimeter lange Schädel der Zwergelfe. Dieser Kolibri lebt auf den Inseln Jamaika und Hispaniola und gilt mit einer Länge von ungefähr sechs Zentimetern neben der auf Kuba lebenden Bienenelfe als kleinster heute lebender Vogel. Allerdings stammt der in Bernstein eingebettete Schädel nicht etwa aus der jüngeren Vergangenheit, sondern ist rund 99 Millionen Jahre alt.
Die Überreste eines Mini-Urvogels
Das Tier lebte demnach in der Epoche der Dinosaurier. Da sich aus einer Gruppe dieser Reptilien vor mindestens 160 Millionen Jahren die Vögel entwickelt haben, die noch heute auf der Erde zwitschern, piepsen, gurren und krächzen, dürfte es sich bei dem in Bernstein eingebetteten und an einen kleinen Vogel erinnernden Schädel also um die Überreste eines Mini-Urvogels handeln, argumentieren Jingmai O’Connor und ihre Kollegen. Damit wäre diese Art der kleinste bisher entdeckte Dinosaurier aus dem Erdmittelalter, das vor 251 Millionen Jahren begann und vor 66 Millionen Jahren endete.
Das im Norden von Myanmar oder Birma gefundene Stück Bernstein hat also das Zeug zu einer Weltsensation. Schließlich kennen die Forscher bisher nur deutlich größere Dinosaurier, die mindestens 500 Gramm und bisweilen auch etliche Tonnen wogen. Allerdings wundert sich Roger Benson von der Universität im englischen Oxford kaum über das Fehlen der Fossilien kleinerer Dinos. Während sie in Sand, Schlamm und Lehm eingebettet werden und versteinern, werden die Überreste winziger Tiere leicht zerbrochen und zerstört, erklärt der Forscher ebenfalls in der Zeitschrift „Nature“ (Band 579, Seite 199). Als aber vor 99 Millionen Jahren im heutigen Myanmar das Harz von Nadelbäumen auf den Schädel von Oculudentavis khaungraae tropfte, bettete es diesen sanft ein und bewahrte so auch feine Strukturen, als es langsam zu Bernstein erstarrte. Ähnlich blieben dort im Bernstein auch die Überreste von Insekten und sogar von Eidechsen erhalten.
Das Fossil passt nicht zu den anderen Funden
Schon früher hatten die Forscher um Jingmai O’Connor in diesem Gebiet auch die in Bernstein eingebetteten Überreste von acht Vögeln der urtümlichen Enantiornithes-Gruppe gefunden, die vor rund 130 bis 66 Millionen Jahren lebten. Auch diese Tiere waren klein, nur war von keinem von ihnen ein ganzer Schädel oder auch nur ein Teil davon erhalten geblieben. Jingmai O’Connor war daher zu Recht über den vor Kurzem gefundenen Schädel begeistert.
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„Allerdings passt dieses Fossil kaum zu den anderen Vögeln der Enantiornithes-Gruppe“, erklärt der Spezialist für ausgestorbene Vögel, Gerald Mayr, vom Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main, der an den Untersuchungen nicht beteiligt war. Auch Jingmai O’Connor und ihre Kollegen fanden bei ihren Abstammungsanalysen kaum Hinweise auf eine Zugehörigkeit zur Enantiornithes-Gruppe. Für viel wahrscheinlicher halten die Forscher eine deutlich nähere Verwandtschaft zu den Dinosauriern, weil der gefundene Schädel einige recht ungewöhnliche Eigenschaften hat.
So hatte Oculudentavis khaungraae sehr große Augenhöhlen mit einer jeweils relativ kleinen Öffnung im Schädel. Diese Eigenschaften sind typisch für Vögel, die am hellen Tag aktiv sind. „Allerdings ist die Form der kleinen Knochen, die einen Ring um die Augen bilden, typisch für Eidechsen, aber nicht für Vögel und Dinosaurier“, erklärt Gerald Mayr.
In den Kiefern des Tieres saßen mehr als hundert Zähne
Andererseits hatte der in Bernstein eingebettete Schädel eine lange Schnauze, die kaum zu einer Eidechse passt. In den Kiefern des Tiers saßen offensichtlich mehr als hundert winzige Zähne. Das ist wiederum typisch für die Urvögel der Enantiornithes-Gruppe. Jingmai O’Connor und ihre Kollegen vermuten daher, dass der kleine Urvogel vor 99 Millionen Jahren nicht wie heutige Kolibris Nektar aus Pflanzen saugte, sondern Insekten und andere kleine Tiere jagte.
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„Nur zieht sich die Zahnreihe viel weiter nach hinten als bei anderen urtümlichen Vögeln und reicht bis unter die Augenhöhle“, wundert sich Gerald Mayr. Obendrein sitzen die Zähne bei Dinosauriern und bei Urvögeln ähnlich wie bei uns Menschen in kleinen Höhlen im Kieferknochen. „Die Zähnchen dieses Tieres scheinen dagegen mit den Kieferknochen verwachsen zu sein, was bei vielen Eidechsen üblich ist“, erklärt der Senckenberg-Forscher weiter. Ausgerechnet die beiden Eigenschaften, nach denen der in Bernstein eingebettete Schädel benannt ist – Oculudentavis bedeutet „Augenzahnvogel“ – passen daher eher zu einer Eidechse als zu einem Dinosaurier oder einem Vogel, die beide mit Eidechsen nur sehr entfernt verwandt sind.
Wie so oft beim Fund von Fossilien scheint also das letzte Wort noch nicht gesprochen zu sein. Ob Oculudentavis khaungraae tatsächlich ein urtümlicher Vogel war oder vielleicht doch etwas ganz anderes, lässt sich vielleicht erst dann entscheiden, wenn weitere Funde auftauchen, die dann hoffentlich auch Teile vom Skelett dieses seltsamen Tiers zeigen.