Furioses Finale beim Böblinger Pianistenfestival Jubelstürme wie bei einem Rockkonzert

Virtuoser Kraftakt zum Finale: Eugène Mursky begeistert beim Abschluss des Böblinger Pianistenfestivals. Foto: Eibner-Pressefoto/Lars Neumann

Mit einem virtuosen Höllenritt setzt Eugène Mursky den Schlussakkord bei der Klassikreihe. Am Ende bleibt eine Frage offen: Auf welchem Flügel wird 2026 gespielt?

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Stresstest bestanden: An gleich fünf Klavierabenden in Folge durfte der Bösendorfer Flügel Modell 280 VC beim Böblinger Pianistenfestival seine Leistungsfähigkeit unter Extrembedingungen unter Beweis stellen – schließlich stand zuletzt gleich zweimal Franz Liszt auf dem Programm. Der Komponist und Ausnahmevirtuose galt als „Rockstar der Klassik“ und war bekannt dafür, in seinem Feuereifer auch gerne mal einen Konzertflügel kaputt zu spielen.

 

Vor gut einer Woche war es Evgeny Konnov, der mit Liszts als nahezu unspielbar geltenden zwölf Etüden vielleicht den Höhepunkt des diesjährigen Festivals präsentiert hatte. Am vergangenen Freitag setzte dann Eugène Mursky einen wuchtigen Schlussakkord mit den „Réminiscences de Don Juan“. In dieser Klavierfantasie über Mozarts Oper „Don Giovanni“ schickt Franz Liszt den maßlosen und mörderischen Frauenhelden buchstäblich in die Hölle.

Der Bösendorfer-Flügel wird demnächst wieder abtransportiert

Rasende Notenwechsel, donnernde Bässe und höchste technische Anforderungen – dieser virtuose Höllenritt stellte sowohl den Pianisten als auch sein Arbeitsgerät auf eine gnadenlose Belastungsprobe. Beide hielten dem enormen Druck stand – sehr zum Glück und zur großen Freude der Veranstalter, denn schließlich ist der rund 207 000 Euro teure und brandneue Flügel lediglich eine Leihgabe.

Der Bösendorfer war über die Vermittlung von Piano Hölzle in Sindelfingen eigens für die fünf Konzertabende vom 10. Januar bis zum 7. Februar in den Württembergsaal der Kongresshalle geliefert worden und wird demnächst wieder abtransportiert. Bei der Jazztime, die am kommenden Freitag beginnt, wird dann wieder der seit 2007 eingesetzte Sauter-Flügel auf die Bühne gerollt.

Ob der Bösendorfer oder ein vergleichbar hochwertiger Konzertflügel wieder nach Böblingen zurückkehrt, ist noch unklar. Auf die Frage angesprochen, gibt sich Böblingens Kulturamtsleiter Sven Reisch zurückhaltend. „Wir suchen in Abstimmung mit der CCBS nach Möglichkeiten“, verweist er auf die Hallengesellschaft, die letztlich über diese Investition entscheiden müsse.

In diesem Zusammenhang spielte Festivalleiter Ulrich Köppen bei der Begrüßung am Freitagabend auf das geplante neue Opernhaus für Hamburg an. Für dieses Projekt will der Milliardär Klaus-Michael Kühne laut Medienberichten bis zu 330 Millionen Euro lockermachen. „Falls sich unter Ihnen jemand findet, der den Flügel sponsern will, nehmen wir Ihre Spende gerne entgegen“, erlaubte sich Köppen einen augenzwinkernden Aufruf.

Tatsächlich mehren sich die Stimmen, die den Sauter-Flügel gerne durch ein neues und besseres Exemplar ersetzt sehen würden. Viele empfinden den Klang des in die Jahre gekommenen Instruments als zu aggressiv für den vergleichsweise kleinen Württembergsaal. Der allseits gelobte Bösendorfer weckt deshalb Begehrlichkeiten – und hatte womöglich keinen geringen Anteil daran, dass die diesjährige 27. Auflage der Reihe mit im Schnitt 90 Prozent Auslastung so gut besucht war wie zu besten Vor-Corona-Zeiten.

Auch beim Klavierabend mit Eugène Mursky war der Württembergsaal mit 330 Gästen restlos ausverkauft. Der 1975 in der usbekischen Hauptstadt Taschkent geborene Konzertpianist bescherte dem Publikum ein furioses Finale. Mursky überzeugte dabei nicht nur mit seinen herausragenden technischen Fähigkeiten, sondern auch mit charmant-humorvoll vorgetragenen Anmoderationen zu den einzelnen Musikstücken.

Mit teils atemberaubender Geschwindigkeit rasen Murskys Finger über die Klaviatur. Foto: Eibner/Lars Neumann

Die erste Hälfte eröffnete der regelmäßige Gastsolist beim Böblinger Pianistenfestival mit Sergei Prokofjews „Romeo und Julia, Op. 75“. Das Werk fügte sich perfekt in das diesjährige Festivalmotto ein, das einen Schwerpunkt auf große Zyklen legt.

Die Klavierfassung des berühmtem Balletts ist ein musikgewordenes Renaissancegemälde voller Lebendigkeit und emotionaler Vielfalt, an dessen Ende der Tod des tragischen Liebespaars zugleich tragisch und triumphal nachhallt. „Das war supertoll“, schwärmt eine Besucherin in der Pause, „ich hatte die ganze Zeit die Bilder aus dem Ballett vor Augen.“

Mit den warmen Klängen von „Claire de Lune“ in die kalte Nacht

Die zweite Konzerthälfte widmete Mursky dem Genre der Fantasien und Improvisationen, die ein Gefühl von spontaner Leichtigkeit erwecken, in Wahrheit aber perfekt durchkomponiert sind. Nachdem er mit der machtvoll-morbiden „Fantasie c-Moll“ ganz in Mozarts Sinne „das Totenreich zum Leben erweckte“, versetzte er das Publikum mit Beethovens zwischen Zartheit und ungestümer Leidenschaft changierender „Mondscheinsonate“ (Sonate cis-Moll op. 27 /2) in helle Begeisterung.

Mit den eingangs erwähnten „Réminiscences de Don Juan“ steigerte sich die Stimmung schließlich in einen Jubelsturm mit Johlen und begeisterten Pfiffen wie bei einem Rockkonzert – wenn auch ohne Liszts legendären Instrumentenverschleiß. Dass der Flügel diese Tour de Force schadlos überstanden hatte, bewies Mursky mit der Zugabe. Mit dem warmen Wohlklang von Claude Debussys „Clair de Lune“ entließ er ein bezaubertes Publikum in die kalte Nacht.

Ulrich Köppen schürt schon jetzt die Neugier auf das nächste Festival

Lieblingsstücke
 Anders als bei den bisherigen Pianistenfestivals gibt der Künstlerische Leiter Ulrich Köppen für die 28. Auflage im Jahr 2026 kein Motto vor. Die Vortragenden können eigene Lieblingsstücke auswählen, müssen jedoch als einzige Vorgabe ein oder zwei von Frauen komponierte Werke auswählen.

Starke Besetzung
 Zum Auftakt am 9. Januar gibt es ein Konzert für zwei Klaviere mit Florian Kunz und Oliver Prechtl – begleitet von den Schlagwerkern Daniel Kartmann und Albrecht Volz. Am 16. Januar kommt Ilya Shmukler (1. Preis beim Concours Geza Anda 2024). Am 23. Januar gastiert das zum Spitzenpianisten gereifte Jungtalent Robert Neumann. Das Konzert am 30. Januar gestaltet Jacob Leuschner.  

Rätselraten
 Zum Abschluss am 6. Februar erwartet Köppen „eine prominente Künstlerpersönlichkeit“, deren Namen er aber wegen eines Agenturwechsels noch nicht verraten dürfe.

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