Fußball-Aufstiegsspiele Calcios magische Nacht: der Oberliga-Traum wird wahr

Calcio feiert den erstmaligen Aufstieg in die Oberliga. Foto: Günter Bergmann

Die Echterdinger steigen durch einen 2:1-Sieg gegen den FC Auggen auf. Voraus geht eine dramatische Wende in der Endphase des Spiels mit einem späten Matchwinner. Für die nächste Saison sollen nun noch Verstärkungen kommen, wohl auch von den Stuttgarter Kickers. Auch im Fall des Torjägers Luan Kukic zeichnet sich eine Entscheidung ab.

Lokalsport : Franz Stettmer (frs)

Über dem Rasen erhoben sich blaue Rauchschwaden, die Spieler hatten flugs gereichte zwei Finger dicke Zigarren in den Mundwinkeln, und aus den Boxen dröhnte, natürlich, Gianni Nanninis und Edoardo Bennatos Kulthit „Un Estate Italiana“, in dem es um magische Nächte geht. Das passte allemal. Um Punkt 20 Uhr begann am Samstagabend die magische Nacht der Fußballer von Calcio Leinfelden-Echterdingen. Seitdem ist es fix: Der Filderclub hat sein großes Ziel tatsächlich erreicht – er steigt zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte in die Oberliga auf.

 

„Ein Traum wird endlich wahr“, sagte ein ergriffener Präsident Franjo Biberovic mit Fanschal um den Hals. Derweil sprangen sich sein Schwiegersohn, der Trainer Francesco Di Frisco, und dessen „Co“ Sezgin Karabiyik gegenseitig in die Arme. Und der Matchwinner Charalampos Parharidis knipste Selfies mit jubelnden Anhängern. Es waren die Momente, in denen aller Druck abfiel. Eine Explosion der Gefühle, nachdem zuvor die Nerven aller Beteiligten noch einmal bis zum Anschlag strapaziert worden waren.

Was für ein Saisonfinale! Was für ein Drama im zweiten der beiden abschließenden Aufstiegsspiele! Bei einem 0:1-Rückstand sowie nur noch zu zehnt nach Rot gegen ihren Spieler Adin Kajan hatten die Echterdinger bereits wie der Verlierer ausgesehen. Der Außenseiter FC Auggen schien nach dem Hinspiel-0:0 zum bitteren Partycrasher zu werden – bis in der letzten gut Viertelstunde doch noch alles anders kam. In der vierten Minute der Nachspielzeit war es Parharidis, der den Sportpark Goldäcker samt seiner rund 1400 Zuschauer zum Beben brachte. Freistoß Denis Zagaria, Kopfball Parharidis – eine Gemeinschaftsproduktion der beiden Calcio-Innenverteidiger. Dann gab es kein Halten mehr. Auch nicht innerhalb der gelb-schwarzen Gastdelegation auf den Rängen. Der bisherige Staffelrivale und Ortsnachbar TV Echterdingen hatte in kompletter Mannschaftsstärke mitgefiebert. Ihm ist dank des Calcio-Erfolgs der Klassenverbleib sicher, obwohl er zuvor sein Relegationsspiel gegen den VfR Heilbronn mit 0:1 verloren hatte. „Ich glaube, der ein oder andere bei uns war auf der Tribüne nah am Herzinfarkt“, sagte ein grinsender Max Bey, Mittelfeldrackerer seines Teams.

Torschützen unter sich: Charalampos Parharidis und Luan Kukic. Foto: Günter Bergmann

Für Calcio war dieses zweite Happy End des Spieltags ein erfreulicher Nebeneffekt – mittlerweile vorbei die Zeiten, in denen zwischen beiden Vereinen stadtintern die Giftpfeile flogen. „Wir wollten heute zwei Dinge schaffen“, sagte Di Frisco: „Selbst aufsteigen und dem TV Echterdingen helfen.“ Freilich, im Vordergrund stand das eigene Glück. Jenes hat sich die Mannschaft laut Di Frisco „in jedem Fall verdient“. „Wenn man jeweils so zurückkommt wie wir“, so seine Einschätzung, „steigt man zurecht auf“. Und vor allem auch in Anbetracht einer solchen Bilanz. Seit dem verpatzten Rückrunden-Start mit einem 1:2 gegen den VfL Pfullingen haben er und die Seinen keine Begegnung mehr verloren. Gefolgt sind, die beiden aktuellen Showdown-Ergebnisse eingerechnet, zwölf Siege und vier Unentschieden.

Zum mentalen Belastungstest war allerdings das vor zwei Wochen dennoch knapp verlorene Titelduell mit dem SV Fellbach geworden, wonach die Italo-Schwaben nun überhaupt erst den Umweg der Vizemeister gehen mussten. Und zu einer gar noch größeren Nervenprobe geriet die jetzige letzte Saisonpartie. Auch, weil sich der Gegner erneut als ganz zäher Prüfstein erwies. „Chapeau. Auggen hat uns erneut alles abverlangt“, konstatierte der Sportdirektor Ioannis Tsapakidis.

Doppelter Schock kurz nach der Pause

In der ersten Hälfte entwickelte sich eine Kopie des Mittwoch-Duells. Calcio bemüht, aber ohne Durchschlagskraft – der südbadische Kontrahent derweil als defensives Bollwerk, das sich keine Blößen gab. Und es sollte wie erwähnt noch schlimmer kommen für den Favoriten. Durchgang zwei hatte kaum begonnen, als der Torjäger-Oldie der Gäste, Bastian Bischoff, einen Flankenball von Julian Saur ins Netz köpfte (47.). Im Hinspiel hatte der Ex-Profi wegen eines Muskelfaserrisses noch gefehlt, sich diesmal aber fit spritzen lassen. Und hindern ließ er sich dann auch durch eine obendrein früh erlittene Kopfplatzwunde nicht. Seinen Treffer erzielte der 39-Jährige quasi in Dieter-Hoeneß-Gedächtnismanier, mit bandagiertem Haupt.

Damit nicht genug: wenig später der nächste Schock. Kajan, neu in die Startelf gekommen, sah für ein Nachtreten gegen Bischoff die rote Karte (52.). Zu diesem Zeitpunkt war die „Notte magica“, also die magische Nacht, plötzlich so weit entfernt wie Leinfelden-Echterdingen von der Adria. Zagaria räumte später ein: „Da habe ich nicht mehr gedacht, dass wir das noch drehen.“

Jubel in Blau. Szenen nach dem Schlusspfiff. Foto: Günter Bergmann

Allerdings hatte er die Rechnung ohne den Kampfgeist der verbliebenen Zehn gemacht. Diese schlug zurück, als es bereits so aussah, als sollten Calcio die Ideen vollends ausgehen. Erst avancierte Luan Kukic im Luftkampf zum lachenden Dritten – nachdem der Auggener Keeper Stefan Lauer einen weit in seinen Strafraum geschlagenen Ball verfehlt hatte, flog die Kugel von Kukics Stirn zum Ausgleich ins leere Tor (75.). Dann schwanden dem Gegner die Kräfte. Kein Wunder. Anders als für die Echterdinger war es für ihn das vierte Spiel innerhalb von nur elf Tagen. Vorangegangen war für ihn bereits die Qualifikationsrunde der badischen Mannschaften. „Dieser Modus ist eine Frechheit“, wetterte der enttäuschte Auggener Coach Marco Schneider.

Und dann, ja, kam der finale Parharidis-Coup. Der Rest: Jubel, Trubel, Heiterkeit. Für Mannschaft und Trainerteam ging es bis in die frühen Morgenstunden rund – und am Sonntagnachmittag in den Flieger nach Mallorca. Arbeit bleibt fürs Erste nur noch für einen. Für Tsapakidis gilt: Nach der Saison ist vor der Saison – mithin für den Mann, der als Schlüsselfigur des jetzigen Triumphs zu sehen ist, begann mit seinem Einstieg vor zwei Jahren doch erst die Konkretisierung der bis dahin nur vage am Horizont wabernden Calcio-Oberliga-Vision.

Nun Zugänge von den Kickers?

Die Kaderplanung will Tsapakidis in dieser Woche finalisieren. Noch gesucht: zwei Torhüter, ein weiterer Innenverteidiger und ein Linksaußen. Dabei dürfte eine Spur, wie in der jüngeren Vergangenheit schon öfter, zu den Stuttgarter Kickers führen. Mögliche Kandidaten von dort könnten einer der drei Ersatztorhüter Maximilian Otto, Ramon Castellucci und Leon Neaime beziehungsweise Mario Borac (Abwehr) oder Konrad Riehle (Angriff) sein. Umgekehrt wird im Fall des Calcio-Schützenkönigs Kukic über einen Deal gemunkelt: Der von mehreren Vereinen umworbene 23-Jährige wird womöglich bei den Blauen einen Vertrag unterschreiben, anschließend aber für noch eine Saison an seinen bisherigen Club ausgeliehen.

Dass Tsapakidis schließlich lediglich am Radler nippte, ist indes nicht jobbegründet. „Ich trinke fast nie Alkohol“, bekannte er – und bekam stattdessen mitten im Interview die geballte Ladung Alkohol über den Kopf. Der Spitzbube, der ihn taufte, hieß, nach diesem Tag wenig überraschend, Parharidis. Die Zigarre hatte er kurz beiseite gelegt.

Calcio Leinfelden-Echterdingen: Bozatziolou – Ribeiro, Zagaria, Parharidis, Zweigle (71. Körtge Corral) – Swieter, Kajan – Schick (90.+7 Peric), Pepic (83. Seemann, 90.+6 Lander), Arslan (57. Visoka) – Kukic.

FC Auggen: Lauer – Cernenchi, Reinecker, Walther, Tschira – Tekbas (65. Julian Ehret), Ziegler, Casalnuovo (90.+1 Ophoven), Saur (72. Kalchschmidt) – Bischoff, Jonathan Ehret.

Stimmen

Francesco Di Frisco, Calcio-Trainer
„Nach dem verpassten Meistertitel war es schwer, die Jungs noch einmal motiviert zu bekommen. Jetzt ist es der Lohn für eine sensationelle Leistung. Beim Gegner ist der Bischoff wahrscheinlich der beste Stürmer, den ich in den vergangenen sieben Jahren in der Verbandsliga gesehen habe.“

Denis Zagaraia, Calcio-Abwehrchef
„Dass wir nach dem Rückstand und in Unterzahl noch so zurückgekommen sind, zeigt, welche Mentalität wir haben. Das ist ein verschworener Haufen. Kompliment aber auch an den Gegner für seine Leistung. “

Charalampos Parharidis, Calcio-Siegtorschütze
„Nach der roten Karte haben wir alles reingehauen. Wir wussten, wie gut wir vorne sind.“

Ioannis Tsapakidis, Calcio-Sportdirektor
„Dass wir das noch gedreht haben, zeigt, welche Moral in der Mannschaft steckt. Vielleicht war die rote Karte unser Weckruf. Bei der weiteren Personalplanung wird nun die anstehende Woche entscheidend. Da wollen wir alles abschließen.“

Franjo Biberovic, Calcio-Präsident
„Die Oberliga war mein Traum. Jetzt kann ich in Rente gehen. Acht Jahre waren eigentlich schon zu viel für mich.“

Marco Schneider, Auggener Trainer
„Das ist bitter für die Jungs, weil ich weiß, wie viel Aufwand sie betrieben haben. Der Modus mit vier Spielen in elf Tagen ist einfach eine Frechheit. Das wäre selbst für eine Profitruppe kaum zu stemmen. Außerdem tut es weh, dass der Schiri am Ende entscheidend eingegriffen hat. Das vor dem Freistoß zum 2:1 war kein Foul, und danach wurde uns ein klarer Elfer nicht gegeben.“

Bastian Bischoff, Auggener Torjäger-Oldie
„Schade. Wir haben als Mannschaft Großes geleistet. Nach der roten Karte hat der Schiedsrichter bei allen 50:50-Entscheidungen gegen uns gepfiffen. Am Ende hatte es Calcio jedoch verdient. Für mich war es das letzte Spiel – das war zuvor schon klar gewesen.“

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