Radikaler Umbruch: So wie in dieser Saison wird die SV Böblingen in der Spielzeit 26/27 nicht mehr aussehen. Foto: Eibner/Daniele La Rocca
Aderlass, krasser Umbruch, Neuanfang – wie auch immer man es ausdrücken will: Die Landesliga-Fußballer der SV Böblingen werden nach der Saison ein komplett neues Gesicht bekommen.
Michael Schwartz
22.02.2026 - 15:34 Uhr
Die Gerüchteküche brodelt nun schon seit einiger Zeit. Verlassen etliche Fußballer nach der Saison die SV Böblingen aus der Landesliga, Staffel II? Die Zahl der Kandidaten für einen Abgang wurde beständig größer. Zuletzt war gar von insgesamt 16 (!) Kickern die Rede, die dem Silberweg schon bald den Rücken kehren.
„An den meisten Gerüchten ist grundsätzlich etwas dran“, kommt vom sportlichen Leiter Ioannis Tsapakidis auf Nachfrage kein Dementi. „Hier im Kreis Böblingen wissen andere irgendwie immer schon mehr als die Verantwortlichen selbst.“ Dann räumt er ein: „Es wird bei uns einen Umbruch geben.“
SV Böblingen verfällt angesichts der Spielerwechsel nicht in Panikmodus
Nun ist es laut seiner Aussage nicht so, dass der Verein damit vor den Kopf gestoßen wird und in den Panikmodus verfällt. „Der Umbruch wäre auch passiert, wenn uns die Spieler nicht von sich aus verlassen hätten“, betont Ioannis Tsapakidis und wird dann deutlich: „Der Kader, den mein Vorgänger aus der Not heraus zusammengestellt hat, ist qualitativ nicht reif für unsere Ziele.“
Anders ausgedrückt: „Von ihrer Entwicklung her sind viele noch nicht bereit für die Landesliga. Wir brauchen Häuptlinge, Anführer, Leader. Von denen haben uns vor der Saison einige verlassen, und das konnten wir nicht kompensieren.“ Die Jungs aus der aktuellen Truppe seien „gut, aber ihnen fehlt die Routine, um eine Mannschaft zu führen.“
Konkret spricht der sportliche Leiter von insgesamt sieben Akteuren aus der Stammelf der Hinrunde, welche die SV Böblingen bald verlassen werden. Konkrete Namen nennt er keine. Zu diesen sieben Leuten kommt Felix Widmann hinzu, der zwar Teil des Klubs bleibe, sich aber studienbedingt nach München verabschiede. Bereits im Winter hatte Topscorer Fabio Carneiro de Carvalho eine neue Herausforderung in der Oberliga gesucht, kurz darauf ging Trainer Thomas Siegmund zum VfL Sindelfingen.
Das wirkt nicht nur auf den ersten Blick wie Auflösungserscheinungen, doch Ioannis Tsapakidis ordnet es anders ein. „Wir hatten einen riesengroßen 30-Mann-Kader mit einigen Leuten, die nicht viel reißen konnten“, erklärt er seine Sicht der Dinge. „Aus diesem 30-Mann-Kader planen wir für kommende Saison mit sieben, acht Spielern, die uns qualitativ weiterhelfen und die Chance ermöglichen, unser Konzept umzusetzen.“
Auch auf Felix Widmann wird die SV Böblingen verzichten müssen: Er geht studienbedingt nach München. Foto: Stefanie Schlecht
Und der Rest? „Wir hoffen, sie für die zweite Mannschaft begeistern zu können“, antwortet Ioannis Tsapakidis und fügt hinzu, dass es tatsächlich in Summe die kolportierten 16 Abgänge geben könnte. Letztlich, so der sportliche Leiter, sei das aber kein Super-GAU, wie Außenstehende vielleicht annehmen könnten, denn: „Jeder ist ersetzbar.“
Er sei froh, früh Klarheit zu haben, um sich nun auf die sportlichen Aspekte der restlichen Saison 25/26 konzentrieren zu können. „Die Betroffenen werden weiterhin einhundertprozentig Gas geben – das gehört sich so“, nickt er. „Sie haben alle ein brutales Talent, müssen aber an ihrer Entwicklung arbeiten. Vielleicht tut da ein anderer Verein ja auch gut.“
SV Böblingen verliert drei bis vier Stammspieler an den VfL Sindelfingen
Drei bis vier der abwandernden Stammspieler werden laut ihm auch zum VfL Sindelfingen wechseln. „Mit dem Abgang von Thomas Siegmund war klar, dass ihm einige folgen werden. Er hat sein Netzwerk“, erläutert Tsapakidis. „Ich bin nicht sauer auf Thomas Siegmund oder die Spieler, die bei ihm eine neue Herausforderung suchen.“
Aus Erfahrung wisse er, dass man sowieso niemanden aufhalten könne, der bereits mit dem Verein abgeschlossen habe. „Ich mag die Jungs und die sehr offene Kommunikation, aber da hat sich über die Jahre eine gewisse Gruppendynamik aufgebaut“, geht er ins Detail. „Diese Konstellation gefällt mir nicht, denn der Verein macht sich erpressbar.“ Fabio Carneiro de Carvalho war der Stein des Anstoßes, es folgte Coach Thomas Siegmund, „und so fing das Gerüst bereits zu bröckeln an“.
Ioannis Tsapakidis wirkt entschlossen, wenn er verspricht: „Wir werden jetzt dank unseres eigenen Netzwerks Spieler aus höherklassigen Ligen verpflichten, die uns sofort weiterbringen und unser Konzept mit uns umsetzen wollen.“ Darüber hinaus möchte die SVB von ihrer Jugendarbeit profitieren, mit der sie sich stets rühmt.
„Der Böblinger Weg gefällt mir“, nickt der sportliche Leiter und kündigt an: „Wir werden wie immer ein paar A-Junioren hochziehen, aber die müssen eine gefestigte Mannschaft vorfinden, die ihnen helfen kann, sich zu etablieren, wenn sie hochkommen.“ Genau das sei nun seine Aufgabe für die nächsten Wochen.
Durch Spielerwechsel wird Vorbereitung der SV Böblingen erschwert
Trainer Slobodan Markovic, der erst vor anderthalb Monaten seine Arbeit am Silberweg aufgenommen hat, konnte die Entwicklungen nicht vorhersehen: „Das habe ich tatsächlich nicht erwartet“, gibt er zu. „Für mich persönlich ist es keine einfache Situation. Es gab Woche für Woche schlechte Nachrichten, ich hatte etwas anderes geplant.“ Die anhaltende Unklarheit über viele Personalien habe zudem die Vorbereitung erschwert. Die Konzentration lag woanders, was auch an sechs aufeinanderfolgenden Testspielniederlagen zu sehen gewesen sei.
In seinem aktuellen Kader sieht er „junge Spieler mit einer guten Ausbildung und sehr viel Potenzial.“ Der Coach ist überzeugt: „Ein paar Erfahrene noch dazu, dann hätten wir oben angreifen können.“ Den Kopf will er aufgrund der Situation aber nicht in den Sand stecken. Er hat Vertrauen in Ioannis Tsapakidis: „Der sportliche Leiter kann seinen Job sehr gut und will alles positiv gestalten.“