Gut eine Stunde ist im letzten Heimspiel der Saison gespielt. Die Fußballer der SV Böblingen führen gegen den MTV Stuttgart mit 4:0. Ein Ergebnis, das nach einer schwierigen Saison mit vielen Aufs und Abs den sicheren Klassenerhalt in der Landesliga, Staffel II, bedeutet. Doch das gerät in diesem Moment zur Nebensache. Jetzt erhebt sich das ganze Stadion. Die komplette Mannschaft kommt angelaufen, um ein letztes Mal abzuklatschen. Es ist ein ganz großer Abschied für Sascha Raich nach 14 Jahren im Trikot der Aktiven des Vereins.
Dieser läuft fast schon wie aus dem Bilderbuch. Der 35-Jährige netzt per Strafstoß zum zwischenzeitlichen 2:0 ein, lässt kurz vor seiner Auswechslung seinen zweiten Treffer folgen. Dann wird es auf einmal zu viel. Der Angreifer kämpft sichtlich mit seinen Emotionen. „Da kam für einen kurzen Moment alles raus“, beschreibt er. Dabei hatte er bewusst darauf geachtet, alles so zu machen wie immer. Auch wenn sich die Autofahrt an den Silberweg bereits komisch angefühlt habe.
Fast sein ganzes Leben hat Sascha Raich bei diesem Verein verbracht. Zunächst von der E- bis zur A-Jugend. Nach zwei kurzen Intermezzos bei FC Gärtringen und TV Echterdingen kehrte er zurück, spielte unter Trainer Mario Estasi in der Verbandsliga. Bei seiner Verabschiedung wurden 250 Pflichtspieleinsätze aufgerufen. In Wahrheit sind es noch ein paar mehr. Bereits im Mai 2018 wurde er nämlich für 200 Partien geehrt. Seither sind 163 dazugekommen, und bei diesen Zahlen fehlen noch Pokal- und Freundschaftspartien. „Wäre Corona nicht gewesen, wären es sogar noch mehr“, weiß er.
All diese Jahre zusammenzufassen, fällt dem Stürmer nicht leicht. Es sind vor allem Momente, an die er sich erinnern kann: der erste Treffer im Aktivenbereich im Trikot des FC Gärtringen, das 1:1 im Verbandsliga-Derby gegen den VfL Sindelfingen, natürlich seine jüngsten Erfolgserlebnisse, von denen er wusste, dass es seine letzten für die SVB sein würden. „Toreschießen ist immer etwas Besonderes“, sagt er. „Vor allem dann, wenn sie schön oder wichtig für die Mannschaft sind.“
Was ihm jedoch vor allem im Gedächtnis bleiben wird, sind seine Teamkollegen. „Die Jungs“, wie er sie nennt. Da sind jahrelange Weggefährten wie Fabian Schragner, Ivan Vargas-Müller oder Daniel Knoll dabei – auch wenn letzterer sich vor ein paar Jahren zum TV Darmsheim verabschiedet hat. „So einen Mitspieler wie Knolli vermissen wir seither“, nickt er. Einen Mittelfeldmotor, der das Spiel 90 Minuten lang ankurbelt. „Obwohl ich ihn manchmal für seine vielen Vertikalpässe verflucht habe“, lacht Sascha Raich und fügt hinzu. „Oft weiß man erst, was man gehabt hat, wenn es nicht mehr da ist.“ In letzter Zeit sind die Mitspieler immer jünger geworden. „Zur neuen Saison werde ich 36 – und bin damit doppelt so alt, wie diejenigen, die aus der A-Jugend hochkommen.“ Da sei es einfach langsam an der Zeit, die Böller an den Nagel zu hängen.
In Böblingen wissen sie genau, was ihnen in Zukunft fehlen wird. Trainer Thomas Siegmund greift ins oberste Regal, vergleicht seinen Offensivmann mit Thomas Müller. Genau wie der Bayer war Sascha Raich einer für die besonderen Momente. Er erkennt Räume, die es im Moment noch nicht gibt, überzeugt mit hoher Intelligenz und Übersicht und ist immer gut für ein Schmankerl.
Wie bei seinem letzten Tor vor eigenem Publikum, als er die Hereingabe mit der Hacke unhaltbar abfälschte. „Man merkt einfach, ob er auf dem Platz steht oder nicht“, findet sein Coach. „Weil er nicht nur das Spiel, sondern auch alle um sich herum besser macht.“ Sascha Raich selbst fallen noch andere Parallelen zu Thomas Müller ein: „Wir sind beide im September 1989 geboren, haben beide auf dem Flügel angefangen und sind dann immer weiter ins Zentrum gerückt.“ Dort hinterlässt er eine große Lücke.
Bereits vor der zurückliegenden Runde hat das Urgestein gesagt, dass es seine letzte bei der SVB ist. „Ich wollte die Jungs nicht hängen lassen“, doch der Körper macht einfach nicht mehr so mit wie früher. „Ich war Gott sei Dank nie schwer oder oft verletzt“, nickt er. Dennoch machen sich die Jahre auf dem Platz bemerkbar. „Ich brauche jetzt nach den Spielen ein, zwei Tage länger, um zu regenerieren“, räumt er ein. Da sei der Aufwand in der Landesliga einfach zu hoch.
Ganz aufhören mit Fußball will er jedoch noch nicht. „Ich spiele, solange mich die Beine tragen“, betont er. Der TSV Schönaich hat ihn nun für 25/26 verpflichtet. Höherklassige Angebote hat er immer abgelehnt. „Ich habe mich hier immer sehr wohl gefühlt. Ich bin Böblinger, hatte den Verein vor der Haustür und konnte mit meinen Freunden zusammenspielen.“ Deshalb sei er traurig, dass diese Zeit nun zu Ende geht. Gleichzeitig freut er sich auf die Kapitel, die noch kommen.