Auch beim SV Pattonville blickt man gespannt auf die weitere Entwicklung rund um NK Croatia Bietigheim. Foto: Avanti
Der Vorsitzende des Bezirks Enz/Murr sorgt sich um den Amateurfußball. Vor allem die Entwicklungen in der Bezirksliga und finanzielle Auswüchse treiben ihn um.
Elke Rutschmann
24.05.2025 - 08:00 Uhr
Ingo Ernst bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Dafür ist der Mann aus Oßweil dem Amateurfußball schon viel zu lange verbunden: 35 Jahre war er Schiedsrichter, später Staffelleiter und seit 2021 leitet er den Vorsitz beim Fußball-Bezirk Enz/Murr. Doch in dieser Spielzeit ist sehr viel passiert, was den 57-Jährigen aufgewühlt, auf Trab gehalten, aber auch geärgert hat in seinem Ehrenamt. „Es ist wirklich eine Seuchensaison im Bezirk. Das fing schon vor der Runde an und zieht sich wie ein roter Faden durch“, sagt Ingo Ernst.
Der letzte Aufreger resultiert aus der Ankündigung des Fußball-Landesligisten NK Croatia Bietigheim, sich im Sommer unabhängig vom sportlichen Erfolg freiwillig in die Bezirksliga zurückziehen zu wollen. „Wir werden bei sportlicher Qualifikation unser Startrecht in der Landesliga nicht wahrnehmen“, kündigte Vorstand Ante Zaja in einer Mitteilung an. Dem Verein fehle der Unterbau, um die Anforderungen in der Liga stemmen zu können.
Bezirksliga mit 17 Mannschaften möglich
Was aber bedeutet der freiwillige Rückzug jetzt aber für die Mannschaften, die in der Bezirksliga Enz/Murr um den Klassenverbleib kämpfen? Stand jetzt würde aus der Landesliga mit dem TV Pflugfelden sicher ein Team absteigen, das in die Bezirksliga Enz/Murr eingruppiert wird. Dann würde der bisherige Modus gelten, dass drei Bezirksligisten direkt absteigen und eine Mannschaft in die Relegation muss. Sollte Croatia noch unter den Strich rutschen, müsste eine weitere Mannschaft in die Kreisliga A wandern. Deshalb schauen die um den Klassenerhalt kämpfenden Vereine wie etwa der FC Marbach oder der SV Pattonville genau hin, wie der Bezirk mit dem Thema Croatia umgeht.
Da dem SV Kaisersbach (25 Punkte) auf Rang zwölf noch drei Zähler abgezogen werden, traut Ingo Ernst den Bietigheimern (24) zu, dass sie die Liga halten werden, zumal die Mannschaft um Trainer Alfonso Garcia ein intaktes Team für die verbleibenden drei Spiele auf den Rasen schicken kann. Vorausgesetzt, Croatia bleibt in der siebten Liga, hat Ernst mit seinem Team einen Vorschlag ausgearbeitet und dem Verbandsspielausschuss zukommen lassen. Sollte Croatia freiwillig den Rückzug antreten, würde es keinen zusätzlichen Absteiger aus der Bezirksliga geben und man würde quasi in „Überzahl“ in die neue Runde gehen. Einen vergleichbaren Fall habe es bislang nicht gegeben und deshalb könne man auch nicht auf Erfahrungswerte zurückgreifen. „Aber ich bin frohen Mutes, dass der Verbandsspielausschuss dieser Lösung zustimmen wird“, sagt Ingo Ernst.
Auch der FC Marbach könnte von der Entscheidung des Verbandsspielausschusses betroffen sein. Foto: Avanti
Das klingt nach einer vernünftigen Lösung. Der Bezirksvorsitzende blickt dann aber auch noch an den Start der aktuellen Saison zurück, als mit dem SV Perouse, der SGM TSC/TDSV Kornwestheim sowie SGM Club L’Italiano Großbottwar/FV Oberstenfeld drei Vereine relativ kurzfristig ihre Mannschaften aus dem Spielbetrieb zurückgezogen hatten und man die gesamte Planung neu aufstellen musste. Damit nicht genug: Vor allem in der Bezirksliga Enz/Murr ging und geht es wild zu. Mit dem FV Dersim Sport Ludwigsburg und dem VfB Neckarrems-Fußball sind zwei Vereine an zwei Spieltagen nicht angetreten. Ein Dritter hätte die Disqualifikation als Konsequenz.
„Das wirft kein gutes Licht auf den Amateurfußball“
Bei beiden Clubs haben sich Verantwortliche und Sponsoren zurückgezogen, so dass sowohl Dersim Sport als auch Neckarrems die mit den Spielern vereinbarten Verträge nicht einhalten und die Gehälter nicht aufbringen konnten. „Da setzt man mit Geld auf kurzfristigen Erfolg. Doch das geht meist nicht auf“, sagt Ernst. Die Folge: Beiden Vereinen standen plötzlich nicht mehr genügend Akteure zur Verfügung und sie traten zweimal nicht an. Dersim Sport mit Trainer Mihael Sabljo hat seinen Kader inzwischen wieder mit – eher nicht konkurrenzfähigen – Spielern aufgestockt und wird bei den verbleibenden drei Partien auflaufen.
Der VfB Neckarrems-Fußball tritt aktuell mit einem Minikader an und hat sich auch noch nicht ganz aufgegeben. Ernst rechnet allerdings nicht damit, dass der Club in der kommenden Runde in der Kreisliga A auflaufen und es auch nicht zum Derby gegen den VfB Neckarrems 1913 kommen wird. „Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.“ Die bisherigen Nichtantritte geben ein leicht verzerrtes Bild ab, da sowohl Mannschaften, die noch um den Aufstieg in die Landesliga kämpfen, als auch Teams, die in der Liga bleiben wollen, unverhofft am grünen Tisch zu Punkten gekommen sind.
Bezirk hat keine Handhabe gegen negative Entwicklungen
Zwei Vereine, die mit derartigen Problemen zu kämpfen haben, hat auch Ingo Ernst noch nicht erlebt. „Und das wirft kein gutes Licht auf den Amateurfußball“, sagt der Bezirks-Boss. Man habe leider keine Handhabe, um solchen Entwicklungen gegenzusteuern. „Das ist allein Sache der Vereine.“
Sollte einer der beiden Mannschaften wieder erwarten doch noch einmal nicht antreten, würden die Partien mit 3:0 für den Gegner gewertet werden. Da mehr als zwei Drittel der Saison gespielt sind, müssten die gespielten Begegnungen nicht aus der Wertung genommen werden. Wenigstens die nachträgliche Rechnerei bleibt dem Fußball-Bezirk damit erspart.
Dennoch ist Ingo Ernst froh, wenn er diese Runde hinter hat.