Fußball-Bezirksliga „Extrem verarscht“ – ein kurioser Pfiff als Aufreger des Spieltags

Was für ein Hinrundenschluss. Der vermeintliche Siegtorschütze Mario Mamusa (rechts) und seine Croatia-Teamkollegen hatten allen Grund zur Aufregung. Foto: Günter Bergmann

Warum das Spiel des SV Vaihingen abgebrochen wird, Croatia Stuttgart sich betrogen fühlt und der Botnanger Trainer zahlen muss. Der Blick auf den Hinrunden-Abschluss.

Lokalsport : Franz Stettmer (frs)

Ein Spielabbruch beim bisherigen Tabellenführer, der nächste Paukenschlag des Hinrunden-Überraschungsteams aus Büsnau und ein Trainer, der wegen seiner Mannschaft in den Geldbeutel greifen muss – mit diesen Eckdaten hat sich die Fußball-Bezirksliga Stuttgart/Böblingen in die Winterpause verabschiedet. Als Erster geht in diese nicht wie vermutet der SV Vaihingen oder die Spvgg Cannstatt, die zuletzt noch das Spitzenduo gebildet hatten, sondern im TV Darmsheim ein lachender Dritter. Der finale Aufreger vom sportlichen Jahresabschluss-Wochenende kommt derweil aus dem Tabellenkeller, wo sich ein aufgebrachter Croatia-Coach Niki Oroz auch einen Tag nach dem Spiel seiner Mannschaft noch nicht beruhigen wollte. Anlass: ein in der Tat höchst kurioser Schiedsrichterpfiff.

 

SV Vaihingen – SV Deckenpfronn

Überhaupt rückten die Schiedsrichter diesmal mehr in den Mittelpunkt als vorgesehen. Auch im Spiel beim SV Vaihingen war es ein Pfiff, der alles andere überragte – nämlich der Abpfiff, der im Schwarzbachstadion schon nach 45 Minuten ertönte. Wetterbedingt galt mit Blick auf die Kugel: rien ne va plus, nichts geht mehr. Im dichter werdenden Nebel entschied der Unparteiische Ömer Lale auf einen Abbruch der Begegnung. Vorbei damit die Vaihinger Chance, mit einem Heimsieg gegen den SV Deckenpfronn als Tabellenführer zu überwintern. Und umsonst somit die Anstrengungen einer Aufholjagd aus Hälfte eins: Nach einem frühen Zwei-Tore-Rückstand hatten die Gastgeber durch Maximilian Eisentraut und Tyron Ferrari zum 2:2 ausgeglichen.

„Vertretbar, wenn auch aus unserer Sicht sehr ärgerlich. Wir hätten natürlich gerne weitergespielt“, sagt der Vaihinger Co-Trainer Marco Eichler, der nach mehrwöchiger Ersatzchefrolle nun wieder ins zweite Glied rücken wird. Zur Rückrunden-Vorbereitung, so der Plan, kehrt der eigentliche Coach Tim Schumann aus seiner Krankheitspause zurück. Für wann die aktuelle Partie neu angesetzt wird, ist indes noch offen. Beginnen wird sie in jedem Fall wieder bei null.

Spvgg Holzgerlingen – Spvgg Cannstatt

Einstweilen, am Sonntag, ging die Platz-eins-Option stattdessen an die Spvgg Cannstatt. Klare Ausgangslage vor deren Auftritt in Holzgerlingen: wenn nicht die Vaihinger, dann halt wir? Drei Punkte, und die Neckarstädter wären ihrerseits als neue Nummer eins unterm Weihnachtsbaum gesessen. Doch auch aus dieser Selbstbescherung ist dann nichts geworden. Ergebnis aus Gästesicht: ein 0:2, flankiert von einem hadernden Damian Nagler. Trotzdem eine tolle Hinrunde, keine Frage, ja. „Aber mit diesem Schluss ist das Ganze schon etwas getrübt“, konstatiert der Trainer. Und: „Leider waren wir gerade am Tag dieser Möglichkeit nicht richtig da.“

Konkreter gesagt: Vor allem zwei seiner Kicker erwischten einen unglücklichen Nachmittag. Erstens Robin Spajic. Da hatte der eigentliche Ersatzkeeper laut Nagler „eine Belohnung für gute Trainingsleistungen“ erhalten. Einsatz Nummer drei für ihn in dieser Saison. Und was passiert? Nach gerade mal 18 Minuten alles schon wieder vorbei. Nach einem eigenen Eckball taumelten seine Vorderleute in einen Konter, Spajic badete es aus. Letzter Mann, Notbremse, rote Karte. „Das“, sagt Nagler, „hat uns das Genick gebrochen.“

Hinzu kam als zweiter Pechvogel sein Angreifer Alessandro Di Piazza, der in der zweiten Hälfte gleich drei Hochkaräterchancen zum 1:1-Ausgleich vergab. Unter anderem scheiterte er aus kurzer Entfernung an der Querlatte. Unter dem Strich also die vierte Saisonniederlage und fürs Erste „nur“ Rang vier. Die zugleich immerhin erfreuliche Personalie: Für die Rückrunde steht ein Neuzugang fest. Vom Landesligisten TSV Plattenhardt wechselt Devrim Sefer (21, Abwehr) an die Hofener Straße. Er hat einst schon beim PSV Stuttgart unter Nagler gespielt.

TSV Musberg – TSV Jahn Büsnau

Lachender Dritter an der Tabellenspitze und nun tatsächlich Winterführender ist unterdessen der Landesliga-Absteiger TV Darmsheim – mit dem Überraschungsteam schlechthin dicht auf den Fersen. Der TSV Jahn Büsnau Zweiter? Hätte das vor der Saison jemand prophezeit, wäre er wohl wahlweise für ein Scherzkeks oder komplett ahnungslos gehalten worden. Und auch beim Klassenneuling selbst kommen sie weiterhin nicht so recht aus dem Staunen heraus. Passend dazu die finale Hinrunden-Zugabe vom Sonntag: Mit 5:0 ballerte der Außenseiter mal eben den TSV Musberg von dessen Sportplatz. Bestätigt sieht sich der Kapitän und zweifache Torschütze Sebastian Lenhardt damit in seiner Einschätzung: „Super Truppe, super viel Spaß. Bis jetzt eine richtig geile Saison von uns.“

Am Ende vielleicht sogar so „geil“, dass sich die Büsnauer mit dem Thema Landesliga werden beschäftigen müssen? So weit will im Verein derzeit noch keiner denken. Betonung auf „noch“. „Sollten wir nach der Hälfte der Rückrunde immer noch dort stehen, wo wir jetzt stehen, müsste man vielleicht mal überlegen“, sagt Lenhardt. Aktuell krönten schließlich Elias Hartacis und Marc Hetzel den aktuellen Trend. Einmal ein Drehschuss fulminant unter die Latte, einmal ein direkt verwandelter Freistoß. Wenn’s mal läuft, dann läuft’s. Der einzige Wermutstropfen rankt sich um den Ebenfalls-Knipser Nahuel Cascia Rica: Für den rechten Schienenspieler aus Argentinien war es wahrscheinlich das Abschiedsspiel. Er tendiert auf seiner Fußballweltreise zu einer neuen Auslandsstation. Die Tendenz: in Italien.

Demgegenüber leckt der TSV Musberg Wunden. Umgekehrte Situation bei ihm: Wenn’s mal nicht läuft, dann läuft’s nicht. Nach dem Traumstart in die Runde mit vier Siegen aus den ersten fünf Spielen haben die Kicker vom Turnerweg von ihren folgenden zehn Begegnungen nur noch eine gewonnen. Von der Abstiegszone trennen das Team um den diesmal fehlenden Kapitän und Torjäger Manuel Rath nur noch drei Punkte.

TSV Dagersheim – ASV Botnang

Derweil ist der Gegner Büsnau nicht der einzige Aufsteiger, der die Liga rockt. Auch der ASV Botnang kommt immer besser in Fahrt, wenngleich in seinem Fall auf leiseren Sohlen. Der Zwischenspurt der West-Stuttgarter beläuft sich inzwischen auf zwölf von möglichen 15 Punkten aus den vergangenen fünf Partien. Zugleich, toi, toi, toi, hat es im siebten Anlauf endlich geklappt: Das 2:0 beim TSV Dagersheim bedeutet den ersten Auswärtssieg der Saison. „Wir sind super happy, dass wir die bisherige Misere auf gegnerischen Plätzen stoppen konnten“, sagt der Trainer Alexander Schweizer. Sein Fazit: „Die Jungs haben sich für ein sehr gutes Spiel belohnt.“ Und das trotz zwischenzeitlichem Frustpegel im roten Bereich.

Eigentlich haben die Botnanger sogar fünf Tore erzielt. Das Aufregerthema: drei davon zählten nicht. Dreimal, bei Rick Hachenbruch sowie zweifach Daniel Schweizer, betätigte sich der Schiedsrichter als Spielverderber. Dreimal umstritten Abseits. „So etwas“, stöhnt der Coach Schweizer, „habe ich noch nie erlebt.“ Am Ende dann aber für ihn und die Seinen doch alles gut: Zumindest der Kopfballtreffer von Mirlind Kamberi und das Freistoßtor des Trainerbruders galten ohne Wenn und Aber. Darüber hinaus hielt zwischen den Pfosten der Startelf-Comebacker Robin Fast (nach Bandscheibenvorfall) den Laden dicht.

Bleibt für Schweizer nur ein fußballerischer Part, den es heuer noch zu erledigen gilt. Der Erfolg hat seinen Preis: Vor einigen Wochen hatte der 34-Jährige ein leichtfertiges Versprechen gemacht. Dieses lautete: Für jeden Hinrunden-Punkt seiner Mannschaft über der 20er-Marke werde er dem Team einen Ball spenden. Nun geht's an den Geldbeutel. Fertig machen zur Shoppingtour. Der eigene Zähler steht mittlerweile bei starken 25.

SV Nufringen – Croatia Stuttgart

Immer noch groß ist der Schiedsrichter-Groll dagegen bei den Kickern von Croatia Stuttgart. Nach dem 3:3 beim SV Nufringen zürnt deren Trainer Niki Oroz: „Man hat uns betrogen. Wir fühlen uns gerade extrem verarscht.“ Der Vorfall, der ihn fassungslos macht: Nachspielzeit, letzter Angriff seiner Elf, großer Siegtrefferjubel. Nach Mario Mamusas Schuss lag der Ball ein weiteres Mal im Netz. Dann schlug das Hurra in Ärger um: Der Referee hatte das Spiel mitten in der Szene beendet. Schlusspfiff. Alle wütenden Proteste halfen nichts. Dass den Gästen zuvor nach dreimaligem Rückstand dreimal der Ausgleich gelungen war, zuletzt durch den mit stürmenden Innenverteidiger Mihael Stajduhar, geriet zum Nebenaspekt. Gleiches galt für den Ausstand des Torhüters Mirko Perkovic, der wie berichtet den Verein nach insgesamt zwölfeinhalb Stuttgarter Croatia-Jahren verlässt (Umzug nach Reutlingen, neuer Verein Croatia Reutlingen).

Sogar noch verstärkt wurde Oroz’ dicker Hals durch ein von ihm registriertes Begleitprogramm. So sei er während des Spiels von gegnerischen Zuschauern hinter der Bank mehrfach „angepöbelt worden“. Auch eine rassistische Beleidigung soll gefallen sein.

SV Bonlanden – VfL Herrenberg

In der Tabelle haben die Kroaten mit dem Remis den Sprung auf den Relegationsplatz verpasst. Als eigentlicher Stuttgart/Filder-Verlierer der Hinrunde darf allerdings ein anderer gelten: der SV Bonlanden. Als Titelfavorit in die Saison gestartet, nun gerade mal drei Punkte über der Abstiegszone. Das aktuelle 0:2 zuhause gegen den VfL Herrenberg ist der ultimative Dämpfer einer enttäuschenden schwarz-weißen ersten Saisonhälfte. „Wir dürfen jetzt nicht in Depression verfallen – wir wissen weiter, was in der Mannschaft steckt“, sagt der Trainer Carmine Napolitano zwar. Zugleich macht er aber keinen Hehl daraus, heilfroh über die nun anstehende Pause zu sein.

Hauptproblem auch dieses Mal: Die Bonlandener schießen zu wenig Tore. Viele Chancen, wenig Ertrag. Mal stand wie bei Lukas Tschentscher der Pfosten im Weg, mal der starke gegnerische Keeper, „mal wir uns selbst“, wie Napolitano beklagt. Die Gäste zeigten schließlich, wie man es besser macht: Ihr Angreifer Can Abalioglu traf zum achten Mal innerhalb der vergangenen vier Spieltage. Fürs nächste Jahr ruhen Napolitanos Hoffnungen auch auf der Rückkehr der Langzeitverletzten Art Gashi und Dennis Adam.

SV Rohrau – TV Echterdingen II

In Sachen fehlendes Abschlussglück waren die Filderstädter am Sonntag indes nicht allein. Nicht besser erging es dem TV Echterdingen II bei seiner 1:4-Niederlage in Rohrau. Dort scheiterten die Gäste sogar zweimal am Aluminium. Erst Jakob Wörne, dann Flon Ajvazi. „Gefühlt hätten wir an diesem Nachmittag noch einmal eine Stunde spielen können, und der Ball wäre nicht rein“, merkt der Trainer Martin Kittelberger kopfschüttelnd an. Aber auch seine Abwehr hatte schon bessere Auftritte. Des Coachs Erkenntnis: „Wir haben billige Gegentore kassiert, darunter zwei fiese Konter.“

Dass damit auch die Echterdinger eine Chance verpasst haben? Siehe Vaihingen. Siehe Cannstatt. In ihrem Fall jene, mit dem neuer Spitzenreiter Darmsheim punktgleich zu überwintern? Sei’s drum. Auch in den Goldäckern ist nun erst einmal ein Aufladen der Akkus angesagt. Auf wiedersehen im neuen Jahr. Der nächste komplette Spieltag steht erst in zwölf Wochen an, am 1. März.

Die Statistik zum 15. Spieltag

SV Vaihingen – SV Deckenpfronn abgebr. Tore: 0:1 Marvin Wolf (6., Foulelfmeter), 0:2 Furac (21.), 1:2 Eisentraut (34.), 2:2 Ferrari (40.). Besonderes: Spielabbruch zur Halbzeitpause wegen Nebels

VfL Oberjettingen – TV Darmsheim 1:4. Tore: 0:1 Lindner (23.), 1:1 Seeger (50.), 1:2 Lindner (52.), 1:3 Lindner (69.), 1:4 Vukoja (73.). Besonderes: –

SV Nufringen – Croatia Stuttgart 3:3. Tore: 1:0 Ludolph (5.), 1:1 Singh (19.), 2:1 Schuster (51., Foulelfmeter), 2:2 Steva-novic (58.), 3:2 Ludolph (61.), 3:3 Stajduhar (90.). Besonderes: –

Spvgg Holzgerlingen – Spvgg Cannstatt 2:0. Tore: 1:0 Horn (30.), 2:0 Rizzo (90.). Besonderes: rote Karte für Spajic (Cannstatt, 18./Notbremse)

SV Bonlanden – VfL Herrenberg 0:2. Tore: 0:1 Abalioglu (60.), 0:2 Kennke (90.+1., Foulelfmeter). Besonderes: –

TSV Dagersheim – ASV Botnang 0:2. Tore: 0:1 Kamberi (11.), 0:2 Dieringer (77.). Besonderes: –

SV Rohrau – TV Echterdingen II 4:1. Tore: 1:0 Koneski (18., Eigentor), 1:1 Wörne (25.), 2:1 Simon Kamm (31.), 3:1 Moser (56.), 4:1 Müsel (68.). Besonderes: –

TSV Musberg – TSV Jahn Büsnau 0:5. Tore: 0:1 Sebastian Lenhardt (2.), 0:2 Cascia Rica (26.), 0:3 Sebastian Lenhardt (41.), 0:4 Hartacis (55.), 0:5 Hetzel (66.). Besonderes: –

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