Fußball Bezirksliga Kartenkönig Tim Schlichting wandert aus
Elf Jahre war Tim Schlichting eine feste Größe im Fußball beim TSV Heimerdingen – nun schließt er sich Bezirksligist TSV Münchingen an. Der Mann muss kürzer treten.
Elf Jahre war Tim Schlichting eine feste Größe im Fußball beim TSV Heimerdingen – nun schließt er sich Bezirksligist TSV Münchingen an. Der Mann muss kürzer treten.
Uwe Sippel hat als Abteilungsleiter des TSV Heimerdingen schon viele Fußballer verabschiedet. Doch selten ist ihm ein Abschied so schwer gefallen wie der von Tim Schlichting, der mit Michele Ancona nach dem letzten Saisonspiel gegen die SG Oppenweiler-Strümpfelbach mit warmen Worten bedacht wurde. Mehrfach hatte Sippel mit den Tränen zu kämpfen – und das ist nur allzu verständlich: Denn in Tim Schlichting ging nicht nur der langjährige Kapitän von Bord des TSV-Dampfers, sondern auch der absolute Rekordspieler.
In seinen elf Jahren bei den Grün-Weißen bestritt der 32-Jährige mehr als 200 Partien und steht damit einsam an der Spitze beim TSV Heimerdingen. „Als ich 2012 gekommen bin, hätte ich nie gedacht, dass ich so lange bleibe“, sagt Tim Schlichting rückblickend – und absolut mit sich im Reinen. Er bereut es nicht, nie nach Höherem als nach der Verbandsliga gestrebt zu haben. „Zum einen war mir das zu aufwendig und nicht mit allem anderen unter einen Hut zu bringen. Zum anderen hatten wir beim TSV immer einen guten Zusammenhalt. Hier habe ich Freunde weit über den Fußball hinaus gefunden“, erklärt der Verteidiger.
Seine Jugend hatte er bei den TSF Ditzingen verbracht, bei denen er eigentlich seine Aktiven-Karriere starten wollte. Doch nachdem damals ein Sponsor wegbrach und Zusagen nicht eingehalten wurden, wechselte Tim Schlichting mit fünf Teamkollegen und Trainer Marco Russo zum TSV Wimsheim. Auch zu seiner zweiten Station beim FC Gerlingen folgte er Russo, ehe er sich einem Projekt beim FV Ingersheim anschloss, der unter dem langjährigen Freiberger Coach Marcus Wenninger hoche Ambitionen hegte. Am Ende stand nur ein mit Müh und Not erreichter Klassenverbleib – nach der Relegation.
Da traf es sich gut, dass Tim Schlichting 2012 ein Anruf des damaligen TSV-Trainers Andreas Broß erreichte, der den Defensivmann aus seiner Zeit bei den TSF Ditzingen kannte und schätzte. „Ein Verein direkt vor der Haustür, das hat perfekt für mich gepasst“, erinnert sich Tim Schlichting. Das Highlight seiner Karriere war der Aufstieg in die Verbandsliga 2019 über den mühsamen Umweg der Relegation mit Siegen über den SV Bonlanden (3:0), den VfB Friedrichshafen (2:1) und den VfL Nagold (4:2). Doch Tim Schlichting hat noch einen weiteren Blick: „Ich fand es toll, wie sich der Verein mit den Jahren vom Fahrstuhlteam zwischen Bezirksliga und Landesliga zu einem etablierten Landesligateam entwickelt hat“, sagt er.
Der 32-Jährige hat daran einen gehörigen Anteil. Als Innenverteidiger machte er den gegnerischen Stürmern das Leben schwer – lange Jahre neben dem heutigen Trainer Daniel Riffert, dessen Nachfolge als Kapitän er antrat. „Tim ist ein zu 100 Prozent zuverlässiger Typ, der vielleicht technisch nicht so versiert war, aber ein überragendes Stellungsspiel hatte“, sagt Riffert über seinen Verteidigerkollegen und Kumpel. Wichtig sei der 32-Jährige jedoch nicht nur auf dem Platz gewesen. „Sein Wort hatte in der Kabine Gewicht, und nach dem Abstieg aus der Verbandsliga hat er viel dazu beigetragen, dass die Laune im Team nicht komplett in den Keller gesackt ist“, lobt Riffert.
Von schweren Verletzungen ist Tim Schlichting lange verschont geblieben. Erst vor zwei Jahren zwang ihn ein Innenbandriss im Knie zu einer sechsmonatigen Pause. In der abgelaufenen Saison verpasste der Innenverteidiger fast die komplette Rückrunde – diesmal waren es die Bandscheiben, die ihm einen Strich durch die Rechnung machten. Auch deshalb will er nun mit dem Fußball etwas kürzer treten und hat sich in der neuen Saison dem TSV Münchingen in der Bezirksliga angeschlossen. „So einen wie ihn können wir gut gebrauchen“, freut sich Coach Ahmet Yenisen, der aus eigener leidvoller Erfahrung Probleme mit der Bandscheibe kennt. „Er wird wohl keine 40 Spiele bei uns machen. Aber wenn er gesund ist, ist er eine feste Größe“, betont Yenisen. Bleibt zu hoffen, dass diesen Plänen nicht noch ein anderer Aspekt in die Quere kommt, mit dem Tim Schlichting in Heimerdingen auch in Erinnerung bleibt: Er sammelte überdurchschnittlich viele rote Karten. „Ich habe einiges für die Mannschaftskasse getan“, sagt der Verteidiger schmunzelnd. Einmal musste er zur Strafe ein Jugendtraining leiten.
Der 32-Jährige legt aber Wert darauf, dass er nie gespuckt oder geschlagen hat, sondern oft nur sein Temperament nicht im Griff hatte. „Ich habe es gebraucht, manchmal anzuecken und meinen Gegner geschubst oder ,Halt die Klappe‘ zu ihm gesagt, wenn er mich zugetextet hat“, erklärt Tim Schlichting die Vergehen. Manch Rote Karte sei unberechtigt gewesen. Ex-Nebenmann und Coach Daniel Riffert weiß auch diesen Aspekt seines Kumpels einzuordnen: „Tim Schlichting ist vom Temperament her voll dabei gewesen.“