Im hitzigen Verfolgerduell jubelt die Spvgg Cannstatt spät in der Nachspielzeit. Derweil feiert das bisherige Flautenteam sieben auf einen Streich, kassiert der TSV Musberg eine kuriose Ampelkarte und wird die Echterdinger Freude durch einen Schwerverletzten getrübt.

Von wegen erst einmal wieder auf Temperatur kommen. Nach zwölf Wochen Winterpause hat sich die Fußball-Bezirksliga am ersten kompletten Spieltag des Kalenderjahrs mit gleich reichlich emotionalem Zündstoff zurückgemeldet. Beispiel Verfolgerduell in Cannstatt, in welchem der Siegtreffer der Gastgeber nach hitzigem Verlauf in der 13. Minute (!) der Nachspielzeit fiel. Beispiel TSV Musberg, der dem Tabellenzweiten trotz Doppel-Rot ein Unentschieden abtrotzte. Und auch Beispiel TSV Rohr, dessen erhoffte Aufholjagd im Tabellenkeller mit einem 0:7-Heimdebakel gegen den TSV Münster begann. Letzterer ist der große Gewinner des Sonntags – neben dem Spitzenreiter TSV Plattenhardt. Der Titelfavorit startete zwar glanzlos, hat aber eine Woche vor dem Gipfelduell in Holzgerlingen seinen Vorsprung an der Tabellenspitze auf vier Punkte ausgebaut.

 

TSV Plattenhardt – SC Stammheim

Vor allem diese Begebenheit ist es, die die Stimmung des Plattenhardter Trainers Slobodan Markovic aufhellt. Mit etwas Abstand zum Spieltag und wieder nüchterner konstatiert er: „Selbst drei Punkte geholt, dazu sechs Tore geschossen – ich bin nicht unzufrieden.“ Auch wenn dies während der letztlich noch standesgemäß mit 6:0 gewonnenen Partie gegen den abgeschlagenen Tabellenletzten SC Stammheim streckenweise ganz anders gewesen war. Wie sonst wäre es zu deuten, dass Markovic zur Halbzeitpause gleich vier Spieler auswechselte? Unter anderem für sein Torjäger-Duo Aristidis Perhanidis und Ekrem Servi war bereits nach 45 Minuten Schluss. Immerhin: unter mildernden Umständen. Bei einigen seiner Kicker, relativiert Markovic, habe die aktuelle Erkältungswelle an den Kräften gezehrt.

Jedenfalls taten sich die Seinen lange unerwartet schwer – was aber auch an einem sich tapfer wehrenden Gegner lag. Jener zeigte beim Einstand seines neuen Coachs Stefan Diesing, dass die Ankündigung, sich erhobenen Hauptes aus der Liga verabschieden zu wollen, nicht bloß ein Lippenbekenntnis war. „Die Jungs haben das echt gut gemacht“, sagt Diesing, der vier seiner bisherigen A-Jugendkicker und drei externe Neuzugänge beginnen ließ. „Sehr, sehr unglücklich“ aus seiner Sicht der vorentscheidende zweite Gegentreffer in der Nachspielzeit der ersten Hälfte. Sein Keeper Zidane Dag schoss beim Abwehrversuch einen Kontrahenten an, von dessen Schienbein der Ball vor die Füße des Torschützen Perhanidis sprang. Der nahm dankend zu seinem 15. Saisontreffer an.

Klar ist gleichwohl aus Plattenhardter Sicht: Für den nächsten Sonntag muss eine Steigerung her. Dann geht es wie erwähnt zum Spitzenspiel nach Holzgerlingen – zum schärfsten Verfolger, der in dieser Saison im eigenen Stadion noch keinen einzigen Punkt abgegeben hat. Markovics trockene Ankündigung: „Wir brauchen nicht nervös zu sein. Wir fahren hin, um zu gewinnen.“

TSV Musberg – Spvgg Holzgerlingen

Auswärts dagegen hat der besagte Zweite Holzgerlingen soeben zwei Zähler liegen gelassen. Beim TSV Musberg kamen die Schönbuchstädter nicht über ein 1:1 hinaus – und das trotz 70 Spielminuten in personeller Überzahl. Das Musberger Handicap: Der Routinier Franc Cagalj sah früh Rot. Nach einem Zweikampf soll er nachgetreten haben. So zumindest die Beobachtung des Schiedsrichters. Dass er eine andere hatte, daraus macht der Gastgeber-Trainer Denis Kühnle keinen Hehl. „Ich habe mich sehr aufgeregt. Für mich eine völlig unerklärliche Entscheidung“, sagt er.

Vollends in Rage waren Kühnle und die Seinen, als in der zweiten Hälfte noch ein zweiter ihrer Akteure den Karton zu sehen bekam. Kurios: Elischa Zug erwischte es als Ersatzspieler beim Warmmachen, nachdem er sich an der Seitenlinie einen Disput mit dem Unparteiischen geliefert hatte. Letzterer hatte die stechenderen Argumente: Gelb plus Gelb gleich Rot. Und als dann obendrein der Gegner in dieser Phase in Führung ging, schien die Nummer fast schon durch.

Fast. Ein von Lukas Zug verwandelter Handelfmeter brachte die Musberger zurück ins Spiel. Der Rest? „Eine hervorragende Mannschaftsleistung. Die Jungs haben extrem gut verteidigt“, lobt Kühnle, dem im Angriff einer seiner Hoffnungsträger abermals fehlte. Manuel Rath bleibt in Sachen Verletzungen der Pechvogel vom Dienst. Diesmal setzte ihn eine Oberschenkelblessur außer Gefecht.

Spvgg Cannstatt – SV Vaihingen

Während in Raths Fall damit gar nichts ging, reichte es bei einem Knipser-Kollegen immerhin für eine gute halbe Stunde. Und das sollte entscheidend sein. Behar Hasanaj, Topscorer der Spvgg Cannstatt, saß kränkelnd zunächst nur auf der Bank, ehe ihn sein neuer Trainer Christopher Eisenhardt doch noch ins Rennen schickte. Ergebnis: Der Torriecher funktionierte trotz verschnupfter Nase. Hasanaj kam, sah und traf – mit seinem finalen Lucky Punch, einem Abstauber nach einer Freistoßflanke, entschied er das Verfolgerduell zwischen den Neckarstädtern und dem SV Vaihingen in der 13. Minute der Nachspielzeit. Endstand: 3:2. Es war das emotionale i-Tüpfelchen in einer Begegnung, in der es zuvor schon zunehmend gebrodelt hatte. Oder, um es mit Eisenhardt zu sagen: „Viel Leidenschaft, viele Zweikämpfe, viele Diskussionen.“ So viele, dass sich der Schiedsrichter bemüßigt sah, zweimal für einige Minuten zu unterbrechen. Die Aufforderung: bitte alle erst einmal wieder abkühlen.

Toller Einstand: der neue Cannstatter Trainer Christopher Eisenhardt. Foto: Günter Bergmann

Dass es für die Seinen dann noch der Sieg wurde, nennt Eisenhardt „bombastisch. Super Charakter, super Teamgeist“ – und räumt ein: „Ein Unentschieden wäre für Vaihingen sicher verdient gewesen.“ Doch bewiesen die Cannstatter Stehvermögen. Zweimal glichen sie nach Rückständen aus, jeweils durch Claudio Caruso. Auch steckten sie weg, dass ihnen in Markus Lurz (beruflich in China), dem Kapitän Marco Schulz (Bänderdehnung) und Pascal Geidies (berufliche Pause) Stützen fehlten.

Demgegenüber lecken die Vaihinger Wunden. „Ein sehr gutes Bezirksliga-Spiel mit einem sehr bitteren Ende für uns“, bilanziert Benjamin Schiffner, der sportliche Leiter der Gäste. Außer den Punkten verlor sein Team den eingewechselten Filipe Jesus Ferreira. Er kassierte für ein Foulspiel einen strittigen Platzverweis. „Eine zu harte Entscheidung“, findet selbst Eisenhardt.

VfL Oberjettingen – Croatia Stuttgart

In der Tabelle hat sich somit nun ein Trio von den anderen Konkurrenten abgesetzt: Plattenhardt, Holzgerlingen, Cannstatt. Denn auch der Vierte Croatia Stuttgart ging aktuell leer aus, so schwer für dessen Trainer Mirko Sapina die 3:4-Niederlage beim VfL Oberjettingen auch zu begreifen ist. Irgendwie wähnte der Coach sich im falschen Film. Eine Stunde lang sah er seine Mannschaft „haushoch überlegen“. „Bis dahin hatte ich nie das Gefühl, dass wir dieses Spiel aus der Hand geben könnten“, sagt Sapina. Dann geschah eben dies. Zum Verhängnis wurden den Kroaten drei Umstände. Erstens der schludrige Umgang mit den eigenen Chancen – der lange nur eine Treffer des starken Duje Tokic war eine zu geringe Ausbeute. Zweitens: Der Gegner machte es in dieser Hinsicht schlagartig umso besser. „Brutal effektiv von denen. Vier Torschüsse, viermal drin“, stöhnt Sapina. Drittens schließlich trug seine eigene Defensive mit einem Harakiri-Auftritt zum schlechten Ende bei.

Hinspiel 2:6, Rückspiel 3:4. Zusammengerechnet zehn Gegentore. Noch Fragen?

TSV Rohr – TSV Münster

In puncto Fassungslosigkeit ging aber durchaus noch mehr. Siehe TSV Rohr, und damit der Schwenk in den Abstiegskampf. Das vom Drittletzten erhoffte Aufbruchsignal im Tabellenkeller geriet zum Schuss in den Ofen. Fest steht für den Trainer Klaus Kämmerer nach der 0:7-Heimschlappe gegen den TSV Münster: „Treten wir so auf, werden wir in dieser Saison kein einziges Spiel mehr gewinnen.“

Über den Haufen geworfen waren alle guten Vorsätze schon nach nicht einmal 100 Sekunden, als der aggressiv pressende Gegner prompt in Führung ging. Und spätestens in der zweiten Hälfte entwickelte sich aus Rohrer Sicht eine Art „Best of“ aus Pleiten, Pech und Pannen. Mittendrin: ein überrumpelter Debütant. Für den Winter-Neuzugang Kevin Braun, gekommen vom badischen Landesligisten VfB Bühl, wurde es ein Albtraum-Einstand zwischen den Pfosten. Kommentar Kämmerer: „Der Ärmste auf dem Platz. Keinerlei Vorwurf an ihn.“

Während auf Münsterer Seite der A-Junior Adrian Spring bei seiner Ligapremiere die Null hielt, schlugen rings um Braun die Bälle ein. Denn wie es dann manchmal so ist: Während bei denen einen gar nichts mehr geht, klappt bei den anderen plötzlich alles. Der Freistoß des sogar dreifachen Gäste-Torschützen Vadim Kromm? Passte zentimetergenau in den Winkel. Der Eckball von Marvin Haller? Ebenfalls direkt drin. Und der Schuss von Can-Ali Karakaya? Von den Rohrern ins eigene Netz gelenkt. „Ballern, ballern, ballern“ – unter dieses Motto hatte der Münster-Trainer Stefan Schuon die Vorbereitungswochen gestellt. Dass dies für seine bis dato schwächelnde Offensive gleich solche Früchte tragen würde, hätte er wohl selbst nicht geglaubt. Sieben auf einen Streich! „Ein toller Tag. Wir waren fitter und dynamischer“, sagt Schuon. Lohn: In der Tabelle steht sein Team als Zehnter nun auf einem Platz, der zum Klassenverbleib reichen würde.

Sportvg Feuerbach – Türkischer SV Herrenberg

Die Rohrer Situation verschärft sich hingegen auch dadurch, dass noch andere unmittelbare Konkurrenten punkteten, wie etwa die Sportvg Feuerbach. Nein, den Antrag beim Bezirk, in den verbleibenden Spielen nur noch gegen den Türkischen SV Herrenberg antreten zu dürfen, hat deren Coach Rocco Cesarano noch nicht eingereicht. Aber nach dem 3:2 vom Saisonstart gewannen die gebeutelten Nord-Stuttgarter nun auch beim Wiedersehen, diesmal mit 2:1. Und dieses Mal soll es nicht so laufen wie im Herbst, als nämlich auf den Auftaktsieg sieben Spiele mit nur einem einzigen gewonnenen Zähler folgten.

„Wir haben nicht brilliert, aber sehr reifen Fußball gespielt und unsere wenigen Chancen effektiv genutzt“, sagt Cesarano, für dessen Team Holly Bokilo und Numan Sensoy trafen. Anders als zuletzt beim 0:4 im Nachholspiel gegen den SV Vaihingen leisteten sich die Gastgeber diesmal defensiv keine clownesken Patzer. Und sie gewannen die entscheidenden Zweikämpfe.

ABV Stuttgart – SV Bonlanden

Zwei Spiele, zwei Siege – so lautet derweil die Auftaktbilanz des ebenfalls gefährdeten ABV Stuttgart. Die Degerlocher ließen dem 1:0 im Nachholspiel gegen den VfL Herrenberg ein 3:1 gegen den SV Bonlanden folgen. Damit haben sie ihren Rückstand zum möglichen Relegationsplatz zwölf auf sechs Zähler verkürzt. „Es spricht nichts dagegen, dass wir unsere kleine Serie weiter ausbauen und Druck auf die vor uns stehenden Mannschaften machen“, sagt der Mannschaftsführer Leon Pachonick. Am Sonntag konnte es sich der Trainer Milos Pojic sogar leisten, seinen Torjäger Blessing Omoregie 78 Spielminuten auf der Bank schmoren zu lassen. „Er war die komplette Vorbereitung über im Urlaub und hat entsprechend Trainingsrückstand“, sagt Pachonick. Stattdessen trafen Nicolas Gutzentat, Joa Kauderer und Fabio Friese.

Bei den Bonlandenern wertet der Trainer Carmine Napolitano die Pleite als „Warnschuss vor den Bug“. Steigerungsbedarf sieht er vor allem bei der Chancenverwertung. „Der ABV hatte drei Möglichkeiten und hat dreimal getroffen, wir hatten ein halbes Dutzend und treffen nur einmal“, sagt Napolitano. Im Weg stand immer wieder der gut aufgelegte gegnerische Keeper Christopher Smith. Außer seinen Paraden rettete zweimal das Torgebälk für die Gastgeber. Lediglich ein 20-Meter-Knaller von Dennis Adam fand den Weg ins Ziel.

VfL Herrenberg – TV Echterdingen II

Bleibt noch der Blick auf den TV Echterdingen II. Für den Aufsteiger hätte alles so schön sein können, feierte er doch mit einem 2:1 beim VfL Herrenberg seinen jahresübergreifend fünften Sieg in Serie. Was die Stimmung aber trübte: Kurz vor dem Abpfiff verdrehte sich der eingewechselte Routinier Simon Gubisch das Knie und blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen. Die spätere Diagnose: Die Innenbänder und der Meniskus sind gerissen. Für den 38-Jährigen, der im Beruf für den Bundesligisten VfB Stuttgart arbeitet, bedeutet das voraussichtlich das vorzeitige Saisonende. „Das ist unglaublich schade und tut mir für Simon sehr leid“, sagt der Trainer Martin Kittelberger.

Den Echterdinger Sieg sicherte der ebenfalls eingewechselte Sutpaseat Mischa Inthasane mit einem „Tor des Monats“. Er traf per Seitfallzieher ins obere Kreuzeck.

Vorschauen zur Rückrunde

Vor dem jetzigen Liga-Wiederbeginn sind von uns folgende Vorschau-Teile entschieden.

Teil eins: SV Vaihingen, Sportvg Feuerbach, ABV Stuttgart

Teil zwei: TSV Münster, TSV Rohr, SC Stammheim

Teil drei: SV Bonlanden, TV Echterdingen II, TSV Musberg

Teil vier: TSV Plattenhardt, Spvgg Cannstatt, Croatia Stuttgart

Die Statistik zum 19. Spieltag

TSV Musberg – Spvgg Holzgerlingen 1:1. Tore: 0:1 Böttinger (51.), 1:1 Lukas Zug (63., Handelfmeter). Besonderes: rote Karte für Franc Cagalj (Musberg, 24./Nachtreten); Gelb-Rot für Elischa Zug (Musberg, 52./als Ersatzspieler beim Warmmachen)

TSV Plattenhardt – SC Stammheim 6:0. Tore: 1:0 Servi (21.), 2:0 Perhanidis (45.+2), 3:0 Pein (62.), 4:0 Nemanja Markovic (69., Foulelfmeter), 5:0 Zugac (73.), 6:0 Hörz (89.). Besonderes: –

VfL Oberjettingen – Croatia Stuttgart 4:3. Tore: 0:1 Tokic (25.), 1:1 Seeger (58.), 2:1 Flister (60.), 3:1 Flister (70.), 4:1 Seeger (87.), 4:2 Masoumifar (90.), 4:3 Tokic (90.+3). Besonderes: –

ABV Stuttgart – SV Bonlanden 3:1. Tore: 1:0 Gutzentat (4.), 1:1 Adam (9.), 2:1 Kauderer (34.), 3:1 Friese (37., Foulelfmeter). Besonderes: –

TSV Rohr – TSV Münster 0:7. Tore: 0:1 Kromm (2.), 0:2 Kromm (20.), 0:3 Accardi (48., Eigentor), 0:4 Alkan (50.), 0:5 Kromm (66., Foulelfmeter), 0:6 Haller (78.), 0:7 Olenschuk (86.). Besonderes: Seker (Rohr) scheitert mit Foulelfmeter an der Querlatte (58.)

Spvgg Cannstatt – SV Vaihingen 3:2. Tore: 0:1 Hug (24.), 1:1 Caruso (35.), 1:2 Krpan (59.), 2:2 Caruso (65.), 3:2 Hasanaj (90.+13). Besonderes: rote Karte für Ferreira (Vaihingen, 90.+12/Foulspiel)

Sportvg Feuerbach – Türkischer SV Herrenberg 2:1. Tore: 1:0 Bokilo (20.), 1:1 Cakmak (63.), 2:1 Sensoy (74.). Besonderes: –

VfL Herrenberg – TV Echterdingen II 1:2. Tore: 0:1 Kienzle (5.), 1:1 Franguere (32.), 1:2 Inthasane (85.). Besonderes: –

SV Oberjesingen – SV Deckenpfronn verlegt. Neuer Termin: Mittwoch, 2. April.