Fußball-Bezirkspokal Stuttgart: Finale Männer Stammheimer Außenseiter-Jubel nach Sieben-Tore-Drama

Da ist das Ding. Der Kapitän Tobias Oesterwinter und seine Stammheimer Teamkollegen feiern den erneuten Pokalgewinn. Foto: Günter Bergmann

Der Titelverteidiger SC Stammheim ringt den Favoriten TSV Bernhausen in der Verlängerung mit 5:2 nieder – für den Siegerverein jedoch ein Erfolg mit bitterem Beigeschmack. Derweil wird bei den Unterlegenen ein Spieler zum Unglücksraben.

Lokalsport : Franz Stettmer (frs)

Ein Gutes hatte das miese Wetter ja. Die Folgen etwaiger Bierduschen wurden durch das, was zudem an Nässe vom Himmel kam, sogleich weggespült. Also konnte der Trainer Marc Wegner durchaus mutig unter den Seinen verweilen, für die es dann schon einige Minuten vor dem Abpfiff kein Halten mehr gab. Nachdem Lionel Schmidt den Ball wuchtig zur Vorentscheidung im Tor versenkt hatte, riss er sich das Trikot vom Leib und verschwand in einer Jubeltraube aus Mitspielern, Funktionären und Fans. Wenig später begann die Party – und zwar bei der anderen Mannschaft als ursprünglich gedacht.

 

Der SC Stammheim hat es tatsächlich geschafft! Was manch einem in Anbetracht des Gegners vorab wie das redensartliche Pfeifen im Walde vorgekommen sein mag, ist am Samstagabend Realität geworden: Im strömenden Regen des Vaihinger Schwarzbachstadions zwangen die Nord-Stuttgarter den großen Favoriten TSV Bernhausen in die Knie. Nach einem 0:2-Rückstand noch ein 5:2 in der Verlängerung – am Ende eines Sieben-Tore-Dramas stand nicht das erwartete Double des Filderstädter Seriensiegers der vergangenen Monate. Stattdessen heißt der Stuttgarter Fußball-Bezirkspokalgewinner 2024 wie schon im vergangenen Jahr eben Stammheim. Ein Ergebnis, das im Emerholz für den Moment dann sogar den sonstigen Problemberg des Vereins vergessen ließ.

„Es ist bemerkenswert, wie sich die Mannschaft für den Club bis zur letzten Minute den Allerwertesten aufgerissen hat“, sagte ein glückstrahlender Wegner und spielte damit auf die schwierigen Umstände an. In vielen Punkten war es für die Stammheimer eher eine Saison zum In-die-Tonne-kloppen. Zwei Trainerwechsel, ein fast schon aberwitziges Verletzungspech, zwischendurch gar der Rutsch auf einen Abstiegsplatz. Erst in der Rückrunde unter der Aushilfskraft Wegner stabilisierte sich der Ex-Landesligist, was allerdings eines auch nicht mehr verhindern konnte: Nun bricht das Team auseinander. Vom Kader wird wohl höchstens eine Handvoll Spieler bleiben. Allein neun Stammkräfte setzen ihre Karriere beim Enz/Murr-Nachbarn TSV Münchingen fort. Fürs nächste Wettbewerbsjahr steht der Bezirksliga-Sechste Stand jetzt ohne Mannschaft da. Auch der Coach Wegner geht. Er hatte seine Zusage von vornherein auf die aktuelle Runde begrenzt.

Toredoppelpack von Abwehrmann Meinlschmidt

Umso größer nun die Freude über das Abschiedspräsent. Zumal jenes fast schon außer Reichweite schien. Bis eine Viertelstunde vor Ablauf der normalen Spielzeit sahen die Stammheimer wie der sichere Verlierer aus. Zwar waren sie vor rund 800 Zuschauern ein ebenbürtigerer Gegner als in den beiden vorigen Ligaduellen, in denen sie jeweils mit 1:6 unter die Räder gekommen waren. Aber: Der Bernhausen-Express war dank eines Doppelpacks dennoch erneut voraus. Zweimal war ein Eckball der Ausgangspunkt, zweimal flankte Julijan Milos den Ball vors Tor. Und zweimal war der mit nach vorne geeilte Innenverteidiger Erik Meinlschmidt per Kopf zur Stelle (6./42.).

Damit nicht genug: Darauf hatte der frisch gebackene Meister ausreichend Chancen für einen dritten oder vierten Streich. „Da mussten wir einfach den Deckel drauf machen“, monierte dessen Trainer Roko Agatic. Dieses Versäumnis sollte seinem Aufgebot schließlich auf die Füße fallen.

Verwundbare Bernhausener Seite

Recht behielt zuletzt der Gegenüber Wegner mit dem, was er seiner Elf während einer Gewitterunterbrechung des zweiten Durchgangs eintrichterte: „Ein Tor von uns, und der Gegner schwimmt.“ Stammheims Bester, Dieylani Fall, erzielte dieses dann prompt, auch er mit dem Kopf (86.). Und es kam tatsächlich so. Weil der Titelverteidiger nie aufsteckte, sondern „eine Riesenmoral gezeigt hat“, wie auch Agatic befand. Weil er die besseren Wechseloptionen hatte und offensiv mit Schmidt und Sergio Mavinga noch stark nachlegen konnte. Und weil sich nach zuletzt 21 (!) Pflichtspielsiegen in Serie diesmal, wer hätte es geglaubt, auch eine verwundbare Seite des Bernhausener Jugend-forsch-Konstrukts offenbarte.

Ohne die Eckpfeiler Ivan Matanovic und Werner Hottmann (beide privat verhindert) fehlte es in der plötzlich kritischen Phase an Ruhe und Routine. Kein Wunder: In ihrer Startelf hatte die Agatic-Rasselbande ein Durchschnittsalter von nur 21,1 Jahren. Zum finalen Unglücksraben wurde einer der Jüngsten. Der Torhüter Ante Glibo, eigentliche Nummer zwei, aber von Agatic durchgängig zum Pokalkeeper befördert, räumte im Strafraum zweimal Mavinga ab. Beide Elfmeter verwandelte Georgios Kotsinas – erst zum Ausgleich und damit der Verlängerung (90.+11), dann zur Wende der Partie (101.), ehe die erwähnten Joker Schmidt und Mavinga noch zwei Kontertreffer nachlegten (117./120.+1).

Freilich, wer wollte einem gerade einmal 19-Jährigen zwischen den Pfosten einen Vorwurf machen? „Wir gewinnen als Team, und wir verlieren als Team“, sagte Agatic. Trotz fürs Erste „großer Enttäuschung“ gibt es für ihn an einem so oder so nichts zu deuteln: „Wir haben eine geile Saison gespielt.“ Auch ohne jetziges i-Tüpfelchen.

Nun noch Kroatien und Mallorca

Während bei den Bernhausenern nun ein Mannschaftsausflug in die Agatic-Heimat Kroatien die Gemüter wieder aufhellen soll, heißt die Stammheimer Zielrichtung Mallorca – mit einem kleinen „Problem“ für den Siegercoach Wegner. Der hatte ein etwas leichtfertiges Versprechen gemacht: nämlich, dass er im Falle eines Cupgewinns mit an Bord sein wird. „Jetzt muss ich erst mal nach Flugtickets schauen“, stellte Wegner mitten im Trubel fest. Da muss er nach Regen und Biergefahr jetzt auch noch durch.

SC Stammheim: Scheck – Hachenbruch (45.+1 Gürol), Oesterwinter, Kotsinas, Alkan (87. Jovanovic) – Bechthold, Schneider, Misiani (56. Mavinga), Fall – Beck (80. Dursun) – Surasi Hamld (30. Schmidt).

TSV Bernhausen: Glibo – Lombardo (90. Schaschinek), Ege, Meinlschmidt, Frenzel Medina – Lujic – Alber, Jordacevic (106. Ajvazi), Milos, Walz (90.+7 Palmieri) – Kessapidis (79. Milic).

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