Da die Zweifel am Klassenverbleib beim VfB vor der Partie gegen Hertha BSC am Samstag immer größer werden, absolvieren die Stuttgarter nun eine Art fußballerisches Überlebenstraining. Raus aus der Komfortzone, rein in den Abstiegssumpf.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Stuttgart - Als Michael „Ata“ Lameck noch in den Abstiegskampf zog, da war die Sache klar: Die Ärmel wurden hochgekrempelt, die Stutzen heruntergerollt, und wenn das nichts half, dann wurde halt Gras gefressen, um den Gegner niederzuringen. Als unabsteigbar galt Lameck in den siebziger und achtziger Jahren mit seinem VfL Bochum. Und die Haltung, die der alte Kämpe verkörperte, prägte ganze Fußballergenerationen: Der Abstiegskampf ist nichts für Schönspieler. Der Abstiegskampf ist hart, der Abstiegskampf ist dreckig.

Und ja, die Spieler des VfB Stuttgart gingen zuletzt mit verschmierten Trikots und Gesichtern vom Platz. Dennoch drängt sich nach dem 1:4 gegen Hoffenheim, gerade im Paket mit dem 1:4 eine Woche zuvor gegen Augsburg, die Frage immer stärker auf, ob die Stuttgarter das überhaupt können: Abstiegskampf? Offiziell verneinen wird das beim VfB niemand. Doch die sportliche Leitung hat sich vor dem Heimspiel am Samstag gegen Hertha BSC dazu entschieden, ein fußballerisches Überlebenstraining zu verordnen. Raus aus der Komfortzone, rein in den Abstiegssumpf.

Statt des üblichen Auslaufens gab es am Tag nach der Hoffenheim-Pleite 50 Diagonalläufe über den Platz. Am Tag darauf, der ursprünglich frei sein sollte, gleich noch einmal 50. Wieder einen Tag später wieder laufen statt kicken. Davor und in den Übungseinheiten danach intensive Spielformen. Auf das Wesentliche reduziert, sagt der Trainer Thomas Schneider: „Kompaktheit und Zweikämpfe. Darum geht’s.“

Dem Trainer bläst der Wind scharf ins Gesicht

Das eine ließ die VfB-Elf zuletzt schmerzlich vermissen, beim anderen kamen die Stuttgarter auf schlechtere Werte als ihre Kontrahenten. Rein statistisch nur einen Tick, aber nun herrscht eine gereizte Stimmung, und Schneider bläst nach sechs Niederlagen hintereinander der Wind scharf ins Gesicht. Doch der Trainer steht wie immer auf dem Trainingsplatz. Beobachtend. Und genau das nährt bei vielen Außenstehenden mittlerweile die Zweifel, ob nicht nur die Mannschaft mit der heiklen Tabellensituation überfordert ist, sondern auch der unerfahrene Chefcoach.

Doch Thomas Schneider will Thomas Schneider bleiben. Klar in der Ansprache, sachlich in der Analyse, dem Team einen Plan vermittelnd. Auch wenn er jetzt Fußball nicht mehr spielen lassen kann, sondern arbeiten lassen muss. Aber schafft er es auch, mit seiner ruhigen Art in der Mannschaft Emotionen zu schüren? „Sie können sich sicher sein, dass wir die Spieler auch pushen“, sagt Schneider. Er hat das in den vergangenen Tagen ziemlich oft erklären müssen – und es ärgert den Bundesliganovizen, dass aus ihm erst der coole und dann der emotionslose Typ an der Außenlinie gemacht wurde. Nur, weil er gelegentlich die Hände in die Hosentaschen steckt.

Der VfB bekommt zu viele Gegentore

In der Tat gibt es große Trainer mit kleiner Gestik und kleine Trainer mit großer Theatralik. Und wer Thomas Schneider in diesen Krisentagen erlebt, der merkt, dass er wesentlich energischer vorgeht, auch sauer auf die Spieler ist. „Acht Tore gegen zwei Gegner auf Augenhöhe – das war absolut ernüchternd“, sagt der Trainer.

Den 41-jährigen Fußballlehrer begleiten die (zu) vielen Gegentore schon seit seinem Amtsantritt vor sechs Monaten, die Fehlerketten in der Defensive reißen einfach nicht ab. Gegenmaßnahmen hat Schneider bereits einige ergriffen. Personell wie taktisch. Durchschlagend funktioniert hat nichts davon. Weshalb einem der Trainer immer noch wie ein Suchender vorkommt. Er sucht ein System, das der Mannschaft Halt gibt. Er sucht eine Elf, die auch in kritischen Phasen stabil bleibt. Und er sucht nun die Kerle, die sich nicht mehr zu Höherem berufen fühlen, sondern einen körperbetonten Krisenbewältigungsfußball praktizieren können.

Gefunden hat Schneider bisher nichts Beständiges. Auch weil ihm seine Mittelachse Ulreich-Gentner-Ibisevic weggebrochen ist. Der Torhüter Sven Ulreich ist nach einigen Unsicherheiten mit sich selbst beschäftigt, der Kapitän Christian Gentner fällt wohl auch gegen Berlin verletzt aus, und der Torjäger Vedad Ibisevic hat sich mit einer Tätlichkeit für fünf Partien selbst aus dem Spiel genommen.

Hoffnung auf ein kleines Erfolgserlebnis

Aber nicht nur das Mannschaftsgefüge ist zerbrechlich beim VfB, sondern auch das Vertrauen ins eigene Können. Schneider: „Wir können diese Negativserie nur mit kleinen Erfolgserlebnissen durchbrechen.“ Ein Glücksmoment, eine frühe Führung, ein später Siegtreffer – das ist die Hoffnung, die durch ein größeres Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt werden soll.

Zusammenhalten nennt sich das. „Wenn jemand nicht mitzieht“, sagt der Innenverteidiger Georg Niedermeier noch, „dann gibt’s auf die Socken.“ Das klingt schon mal nach Ata Lameck. Und der steckte bei seinen 518 Einsätzen für Bochum zwischen 1972 und 1988 fast nur im Abstiegssumpf. Aber untergegangen ist er nie.

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